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Der deutsche Steuerzahler Eine arme Sau

05.07.2006 ·  Er ist eine arme Sau: Da rackert und ackert er sich den lieben langen Tag ab - und dann landet mehr als die Hälfte seines Verdienstes in fremder Leute Taschen. Aber seit Mittwoch morgen darf er strahlen, denn es ist sein Gedenktag, der Steuerzahlergedenktag.

Von Hanno Beck
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Er ist eine arme Sau: Da rackert und ackert er sich den lieben langen Tag ab - und dann landet mehr als die Hälfte seines Verdienstes in fremder Leute Taschen. Aber heute darf er strahlen, denn heute ist sein Gedenktag, der Steuerzahlergedenktag. Seit Mittwoch, 5 Uhr 35, arbeiten wir Durchschnittssteuerzahler für unseren eigenen Geldbeutel - alles, was wir in diesem Jahr bis zu diesem Tag erarbeitet haben, geht an die Staatskasse, rechnet der Bund der Steuerzahler vor.

Um dieses Datum zu berechnen, hat der Bund die Summe der Steuern und Sozialabgaben den Einkommen der Bürger gegenübergestellt. Das Resultat: 51 Prozent der Einkommen kommen nicht bei denen an, die sie verdient haben. Im internationalen Vergleich kann sich die Bundesrepublik damit sehen lassen: Die Kluft zwischen dem Betrag, den der Arbeitgeber für seine Beschäftigten aufwenden muß, und dem, was diese dann anschließend als Netto nach Hause tragen, liegt nur noch in Belgien, Frankreich und Ungarn über der 50-Prozent-Marke - im Schnitt liegt dieser Wert für die OECD-Staaten bei 37 Prozent.

Blick auf andere Größe verstellt

Doch der Blick auf diese Durchschnittsgröße verstellt den Blick auf eine viel bedenklichere Größe, nämlich die sogenannte Grenzbelastung, die in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen ist. Die Grenzbelastung ist der Betrag, den der Staat vom zusätzlichen Einkommen einbehält. Ein Beispiel: Unser Steuerzahler sei alleinstehend und verdiene ein durchschnittliches Gehalt. Verdient er nun zu seinem bisherigen Einkommen noch einmal 100 Euro dazu, so wandern von diesen 100 Euro mehr als 60 Euro an den Fiskus - eine Grenzbelastung von mehr als 60 Prozent. Hat unser Steuerzahler ein Einkommen knapp an der Beitragsbemessungsgrenze zur Krankenversicherung, so muß er sogar mit einer Grenzbelastung von fast 70 Prozent rechnen - von 100 zusätzlich verdienten Euro gehen dann fast 70 Euro an den Staatssäckel.

Und das sind keine Spezialfälle: Für fast alle Haushalte des Jahres 2005 lag die Grenzbelastung über 50 Prozent. Am allerschlimmsten ist aber die Grenzbelastung des Einkommens für Niedrigeinkommensbezieher: Dort erreichte sie dank des nicht vorhandenen Zusammenspiels zwischen Steuern und Sozialtransfers 85 Prozent, in schlimmsten Fällen sogar 97 Prozent. Da bleiben von 1000 Euro brutto mehr satte 30 Euro netto übrig - wer da noch arbeiten geht, muß sich Fragen zu seiner geistigen Gesundheit gefallen lassen.

Warum ist der „Große Konz“ so klein?

Was aber macht der Steuerzahler, bei dem der Abstand zwischen Einkommen und Sozialhilfe etwas größer ist? Wer mehr als die Hälfte seines Einkommens an das Finanzamt abführen muß, ist mehr darauf bedacht, Steuern zu sparen, als darauf, Geld zu verdienen. Und so fragt unser Steuerzahler stets danach, ob denn wirklich eine Rechnung notwendig ist, oder aber er greift zum "Großen Konz", der ihm 1000 ganz legale Steuertricks verspricht.

Wer einen näheren Blick auf das deutsche Steuersystem wirft, fragt sich eher, warum der große Konz mit seinen 1072 Seiten so klein ist: Ob Kinder oder Containerschiffe, ob Eigenheime oder steuerbefreite Freimilch - längst ist über wählerstimmenmaximierende Steuerpolitik ein steuerliches Inkonsistenznetz entstanden, in dem sich auch gestandene Steuerberater verheddern. Auf diesem Weg hat die Politik auch selbst dazu beigetragen, ihre eigene Einnahmenbasis immer mehr zu erodieren - jeder Ausnahmetatbestand verkleinert die Besteuerungsgrundlage und damit die Steuereinnahmen. Mit Systematik, Fairneß, Effizienz oder gar Gerechtigkeit hat das deutsche Steuersystem schon lange nichts mehr am Hut.

Aber das ficht die Politik, in deren Hände sich der Steuerzahler wählenden Auges begeben hat, nicht an: Sie versteht Steuerpolitik als die Kunst, die Steuerzahlergans so zu rupfen, daß sie mit möglichst wenig Geschrei möglichst viele Federn verliert. Statt zu reformieren, wird besteuert, statt zu motivieren, wird konfisziert. Und die bisherigen Beschlüsse der amtierenden Regierung lassen darauf schließen, daß man der Steuerzahlergans noch die ein oder andere Feder rupfen will. Vermutlich wird der heutige Gedenktag in den kommenden Jahren noch weiter vom Jahresanfang entfernt sein. Spätestens, wenn der Steuerzahlergedenktag im Dezember stattfindet, wird es Zeit für eine Vereinfachung des Steuersystems: Der Bürger liefert alles, was er verdient, dem Finanzamt ab. Im Gegenzug bekommt er dafür Essensmarken und alle zwei Jahre einen neuen Anzug.

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