01.11.2006 · Japan bekommt zunehmend Demographie-Probleme: Die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie läßt die Geburtenraten sinken. Die Baby-Boom-Generation erreicht das Rentenalter. Und die Sozialsysteme ächzen unter der neuen Last.
Japans Einwohnerzahl ist erstmals seit sechs Jahrzehnten gesunken. Wie die Tokioter Regierung am Dienstag offiziell mitteilte, ging die Zahl der Bevölkerung im vergangenen Jahr zurück. Damit bestätigte sie bisherige Schätzungen, daß die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt im Dezember 2004 mit 127,8 Millionen Einwohnern den vorläufigen Höhepunkt ihrer Einwohnerzahl erreicht hatte. Seitdem überstieg die Zahl der Todesfälle die Zahl der Geburten. So wurde 2005 der erste Rückgang seit dem Zweiten Weltkrieg verzeichnet.
Vor diesem Hintergrund verstärken Unternehmen und Staat ihre Bemühungen, sich auf die demographische Entwicklung des Landes einzustellen. Mittlerweile legen Konzerne wie Toyota und Toshiba Hochschulstudenten schon ein Jahr vor den Abschlußprüfungen feste Anstellungsverträge vor, um freie Stellen mit qualifiziertem Personal zu füllen.
Ziel: Vereinbarkeit von Beruf und Familie
Auch soll Frauen in den Firmen eine größere Rolle zukommen. „Die Karrierechancen für Frauen waren bislang sehr begrenzt“, meint Noriko Nomura vom Autobauer Nissan. Für junge Mütter lagen sie praktisch bei Null. Aus diesem Grund hatte die Regierung im vergangenen Jahr ein weiteres Maßnahmenpaket zur Erhöhung der Geburtenquote geschnürt, das auf eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zielt. Zwei dieser Fünfjahrespläne gab es in der Vergangenheit schon. Ihre Ergebnisse blieben bescheiden.
Die Demographen des nationalen Forschungsinstituts für Bevölkerungsentwicklung und Soziale Sicherheit rechnen für die kommenden Jahre mit einem ungebremsten Rückgang der Bevölkerung. Demnach wird Japan 2030 die Zahl von 120 Millionen Einwohnern unterschritten haben. 2050 könnte dann die Grenze von 100 Millionen erreicht sein. Dieses Sinken werde Folgen für das Wachstum der Wirtschaft, die Steuereinnahmen des Staates sowie auf die Renten- und Krankenkassen haben, meint Takshi Oshio vom Institut für Bevölkerungsentwicklung.
Jeder fünfte Japaner ist Pensionär
Schon heute ist der japanische Staat mit mehr als 5,5 Billionen Euro oder dem Anderthalbfachen der jährlichen Wirtschaftsleistung verschuldet. Aufgrund der demographischen Entwicklung gilt die Lage der Sozialsysteme im Land als kritisch. In Japan leben den jüngsten statistischen Angaben nach 17,5 Millionen Kinder. Das entspricht 13,7 Prozent der Gesamtbevölkerung. Dies ist der niedrigste Anteil seit der ersten zuverlässigen Volkszählung Anfang der zwanziger Jahre. Der sinkenden Zahl von Kindern stehen immer mehr Rentner gegenüber.
Derzeit leben in Fernost 25,67 Millionen Menschen im Rentenalter. Damit ist jeder fünfte Japaner Pensionär. Vor zehn Jahren war es noch jeder sechste, Mitte der kommenden Dekade wird es jeder vierte sein. Im Inselreich ist die durchschnittliche Lebenserwartung von 78 Jahren für Männer und 85 Jahren für Frauen nicht nur so hoch wie kaum bei einem anderen Volk. Auch erreicht die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geborene Generation der „Baby-Boomer“ nun das Pensionsalter.
Baby-Boomer erreichen das Rentenalter
Während die Geburtenrate heute bei kaum noch 1,25 liegt, betrug sie in den vierziger Jahren noch durchschnittlich 3,4. Nach dem verlorenen Krieg war Japan von einer Welle Hunderttausender Flüchtlinge aus den einst in China und Korea besetzten Gebieten überschwemmt worden. In den ersten fünf Nachkriegsjahren wurden 12 Millionen Kinder geboren. 1949 legalisierte die amerikanische Besatzungsmacht in Zusammenarbeit mit der japanischen Bürokratie Abtreibungen. Daraufhin sank die Zahl der Geburten in den fünfziger Jahren. Während 1947 noch 2,6 Millionen Kinder geboren wirden, waren es zehn Jahre später noch 1,6 Millionen. Mit den Baby-Boomern der Nachkriegszeit werden nun weitere 7 Millionen Menschen das Rentenalter erreichen. Das sind 8 Prozent der arbeitenden Bevölkerung.
Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter beziffert die Regierung auf aktuell 84,1 Millionen Menschen. Das sind etwa 66 Prozent der Gesamtbevölkerung. Bis 2020 wird nach Angaben des Forschungsinstituts für Bevölkerungsentwicklung die Zahl der Japaner im Arbeitsalter auf 74 Millionen Menschen fallen. Das entspräche einem Anteil an der künftigen Gesamtbevölkerungszahl von kaum noch 60 Prozent. Einem Rentner stehen nicht einmal mehr vier Beschäftigte gegenüber.
Das bringt die Rentenkassen unter Druck. Um ihre Lage zu entschärfen, beschloß der Gesetzgeber die Erhöhung des Rentenbeitragssatzes von 13,6 auf 18,3 Prozent. Auf der anderen Seite werden die Rentenleistungen von 59 auf 50 Prozent der letzten Durchschnittsgehälter gekürzt. Auch sollen Rentner wie alle Patienten 30 Prozent der von ihnen verursachten Arztkosten aus eigener Tasche bezahlen.
| Name | Kurs | Prozent |
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| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,30 $ | −0,51% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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