21.08.2010 · In den entwickelten Industriestaaten altert die Bevölkerung, und kein Unternehmen kommt daran vorbei: Nach Angaben der Seniorenliga repräsentieren die Konsumenten jenseits der 50 Jahre fast die Hälfte der gesamten Kaufkraft in Deutschland.
Von Georg GiersbergDas Thema Demografie ist in der Wirtschaft angekommen - und das mit voller Wucht. Alle Unternehmen müssen sich mit den Auswirkungen auf ihr Geschäftsmodell beschäftigen, vor allem auf die Zusammensetzung der Belegschaft und auf das Produktangebot. Allerorten sind die Folgen der alternden Bevölkerung zu spüren: Die Brauer merken es am sinkenden Bierkonsum, der Ventilatorenhersteller EBM Papst merkt es an der um 25 Prozent gesunkenen Zahl der Lehrstellenbewerber, die Bauindustrie merkt es daran, dass die Zahl der Aufträge steigt, in denen es um den Rückbau oder Abriss von Häusern geht.
Während noch vor einigen Jahren die starken Jahrgänge 1958 bis 1964 - die sogenannten Babyboomer - die negativen Auswirkungen der demografischen Entwicklung überdeckten, ist das schrumpfende Arbeitskräfteangebot jetzt deutlich zu spüren. Vor allem in den Jahrgängen, die jetzt die Schule verlassen und sich auf Lehrstellen bewerben, schlägt die geringere Jahrgangsgröße voll durch. Der Arbeitsmarkt in den neuen Bundesländern steht dabei schon kurzfristig vor erheblichen Veränderungen. Bis zum Jahr 2015 wird sich die Zahl der 19- bis 24-Jährigen dort nahezu halbieren. Ursache dafür ist vor allem die niedrige Geburtenzahl unmittelbar nach der Wende.
Aber auch in den alten Bundesländern geht mit Ausnahme der Ballungsräume Hamburg, München und Rhein-Main das Potential an jungen Arbeitskräften zurück. Im gesamten Bundesgebiet nimmt ihre Zahl bis zum Jahr 2025 um 1,2 Millionen ab, geht aus einer Analyse der Bertelsmann-Stiftung hervor. Studien der Deutschen Bank zeigen, dass bis 2050 je nach Zuwanderung in Deutschland die Zahl der Erwerbsfähigen um ein Viertel bis ein Drittel abnehmen wird.
Weil es immer schwerer wird, gute Mitarbeiter zu bekommen, haben schon in der jüngsten Krise die meisten Unternehmen versucht, ihre Beschäftigten über Kurzarbeit zu halten statt sie zu entlassen. Vielen Unternehmen ist durch Demografieberater erst in diesen Wochen klar geworden, wie gefährlich ihr innerbetrieblicher Altersaufbau ist und wie wenig sie auf die zunehmende Alterung der Belegschaft eingestellt sind. Altersstruktursimulationen ergeben für viele Unternehmen, dass sie das steigende Durchschnittsalter ihrer Belegschaften nicht einmal mehr aufhalten, geschweige denn senken können.
BMW simuliert das Jahr 2017
Der Autohersteller BMW hat in seinem Werk Dingolfing rechtzeitig Konsequenzen gezogen. Die dortige Belegschaft wird im Jahr 2017 im Durchschnitt 47 Jahre alt sein - und damit nach heutigen Maßstäben zu alt, um die hohe Produktivität eines modernen Autoherstellers zu gewährleisten. Drei Führungskräfte hatten die Idee zu dem Projekt „Arbeitssystem 2017“. Sie stellten eine Gruppe von Mitarbeitern zusammen, die schon heute so alt sind wie der Werksdurchschnitt in sieben Jahren. Die Gruppe erarbeitete 70 Verbesserungsvorschläge von schwingenden Fußböden über Ausruhmöglichkeiten bis hin zu Leselupen zur Erleichterung der Arbeit vor allem an der Fertigungsstraße.
Auch das Augsburger Medienunternehmens Weltbild baut sein Logistikzentrum so um, dass heute noch notwendiger körperlicher Einsatz möglichst durch Technik ersetzt wird. „Als Vorbereitung auf die demografischen Herausforderungen müssen gewerbliche Tätigkeiten weitgehend automatisiert beziehungsweise mechanisiert werden“, sagt Carel Halff, Vorsitzender der Weltbild-Geschäftsführung.
Akzeptanz älterer Mitarbeiter nicht sehr hoch
Weil Einstellungen wegen der schrumpfenden Jahrgänge immer schwieriger wird, denken viele Unternehmen darüber nach, die Attraktivität als Arbeitgeber durch familienfreundliche Maßnahmen zu erhöhen oder Beschäftigungsmöglichkeiten über das 65. Lebensjahr hinaus zu ermöglichen. Die Nachfrage nach einer Zertifizierung als familiengerechtes Unternehmen nimmt zu, stellt der Frankfurter Zertifizierer Beruf und Familie gGmbH fest. Vorträge darüber, wie man seine Mitarbeiter lange fit hält oder über neue Lernmethoden für ältere Menschen füllen inzwischen ganze Kongresse. Dennoch steht die Wirtschaft bei der Frage, wie man die ausgebildeten Mitarbeiter ein möglichst langes Berufsleben lang an sich bindet und weiter entwickelt, erst am Anfang. Dafür ist auch innerbetrieblich Überzeugungsarbeit zu leisten. Die Akzeptanz älterer Mitarbeiter ist nach einer Studie nicht sehr hoch. In Mitarbeiter, die älter als 55 Jahre sind, wird daher bis heute in den meisten Unternehmen wenig bis gar nicht investiert.
Das Wirtschaftsprüfungsunternehmen Pricewaterhouse Coopers (PWC) reagiert auf die Entwicklung mit der Gründung einer eigenen Akademie. Über attraktive Weiterbildungsangebote sollen die Mitarbeiter an das Unternehmen gebunden werden. Der Vorstandssprecher Norbert Winkeljohann macht aber auch auf ein weiteres Problem aufmerksam: „Wenn wegen der Bachelorausbildung die jungen Menschen schon mit 22 statt mit 27 Jahren zu uns kommen und länger bei uns bleiben sollen, dann erwarten sie auch mehr Karrierestufen.“
Hohe Wachstumsraten für altersgerechte Produkte
Die demografische Entwicklung hat aber nicht nur Auswirkungen auf die Belegschaften, sondern auch auf das Produktangebot. Es ist nicht nur der Bierkonsum, der mit zunehmendem Alter sinkt. Ältere Menschen können zum Beispiel auch nicht mehr gut lesen; Großdruckbücher könnten zu einer wachsenden Nische am Buchmarkt werden. Alle Branchen rund um den Gesundheitsmarkt - von den Arzneimittelherstellern bis zu den Produzenten medizinischer oder altersgerechter Geräte - können hohe Wachstumsraten einplanen. Die Messe „Altenpflege“ verspricht den Messeplätzen Hannover und Nürnberg hohe Wachstumsraten; das Interesse daran war selbst in den zurückliegenden Krisenjahren sehr hoch. In der Bauwirtschaft gehört heute die barrierefreie oder zumindest barrierearme Wohnung zum Standardrepertoire. Passé ist das schöne Wohnen auf versetzten Ebenen mit vielen Stufen und Treppen.
Im hessischen Ort Grünberg ist vor wenigen Wochen das Textilkaufhaus Allmendinger als erstes Einzelhandelsunternehmen mit dem Qualitätszeichen „Generationenfreundliches Einkaufen“ ausgezeichnet worden. „Der alltägliche Einkauf sollte für alle Kunden unbeschwerlich und barrierearm möglich sein - ganz gleich ob für Eltern mit Kinderwagen, Menschen im Rollstuhl oder Seniorinnen und Senioren“, lobt Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes HDE. „Wer als Händler etwas für diese Zielgruppe tut, der tut allen seinen Kunden etwas Gutes.“
Werbeagenturen kennen den Altersaufbau der Gesellschaft nicht
Kein Unternehmen kommt daran vorbei, über die Auswirkungen der zunehmenden Alterung auf sein Geschäftsmodell nachzudenken. Auch wenn einigen die Dramatik noch nicht klar ist: In einer Befragung von 112 Werbeagenturen durch die Deutsche Seniorenliga aus Bonn konnten nur knapp 10 Prozent den derzeitigen Altersaufbau unserer Gesellschaft richtig wiedergeben. Gleichzeitig hoben aber 80 Prozent dieser Agenturen hervor, dass für sie der Markt der „Best Ager“ - Menschen, die älter als 50 Jahre sind - immer wichtiger werde. Nach Angaben der Seniorenliga repräsentieren die Konsumenten jenseits der Altersgrenze von 50 Jahren schon heute fast die Hälfte der gesamten Kaufkraft in Deutschland.
Georg Giersberg Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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