Monat für Monat 150 Euro. So viel will die Bundesregierung künftig Eltern zahlen, die sich zu Hause um ihre Kinder kümmern - als „Betreuungsgeld“. Wer vor dem dritten Geburtstag des Kindes keine staatlich bezuschusste Betreuung in Anspruch nimmt, sondern stattdessen nicht arbeitet, der soll in dieser Zeit stattdessen das Geld vom Staat überwiesen bekommen.
Im nächsten Jahr soll es losgehen - aber seit Monaten melden sich immer wieder Kritiker zu Wort, die den Zuschuss nicht bezahlen möchten, zuletzt 23 Abgeordnete der CDU in einem gemeinsamen Brief.
Es ist ein Thema, um das Deutschland immer wieder heftig streiten kann. Wie viel Geld sollen Familien bekommen? Bekommen sie schon genug, oder reicht es noch nicht? Und wenn der Staat Geld zahlt, soll er bestimmte Familienmodelle fördern - und wenn ja, welche?
Sicher ist: Die Familien in Deutschland bekommen schon zig Milliarden vom Staat. Das Statistische Bundesamt hat errechnet, dass Paare mit Kindern im Familienalter zwischen 35 und 45 Jahren durchschnittlich ein Viertel weniger an Steuern bezahlen als kinderlose Paare im gleichen Alter - dafür bekommen sie mehr als den doppelten Betrag an staatlichen Geldleistungen, das Kindergeld macht sich schnell bemerkbar. Doch das ist noch nicht alles. Längst nicht alle Förderungen des Staates fließen ja in Form von Geld. Die öffentlichen Kassen bezuschussen zudem Kindergärten und finanzieren Schulen, sie begleichen Kinderarzt-Rechnungen und bauen Spielplätze.
152 Fördermaßnahmen für Familien
Eine erste, grobe Übersicht des Familienministeriums nennt 8 Fördermaßnahmen für die Ehe und 152 unterschiedliche für Familien, die insgesamt 195 Milliarden Euro im Jahr ausmachen - fast 14.000 Euro für jeden Deutschen bis 18 Jahre.
Selbst dabei ist noch längst nicht alles berücksichtigt. Die Leistungen fallen an so vielen unterschiedlichen Stellen an, dass noch niemand einen umfassenden Überblick geschafft hat. Seit Jahren will das Familienministerium einen vorlegen, jetzt ist der Bericht für 2013 angekündigt.
Der Staat steckt Geld in die Schulen
Die Industrieländer-Organisation OECD hat ihrerseits einige Leistungen für Familien und Kinder zusammengezählt. Ihre Ergebnisse zeigen deutlich: Das meiste Geld, das der Staat für Kinder ausgibt, geht in die Bildung, vor allem in Schulen. Bis zu 50 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens gibt der Staat pro Kind aus - am meisten in den Jahren zwischen 11 und 17. Dabei ist schon seit einer ganzen Weile klar: Die wichtigsten Weichen für das Schicksal eines Kindes werden in den ersten Lebensjahren gestellt. „Die frühen Jahre sind eine große Chance. Hier werden die Fähigkeiten geschaffen, die das Leben und Lernen später erleichtern“, sagt der Nobelpreisträger und Bildungsökonom James Heckman aus Chicago. „Es ist besser, eine gute Basis zu schaffen, als später korrigieren zu müssen.“Umso wichtiger ist es, sich über die Betreuung in den ersten Jahren Gedanken zu machen. Genau diese Jahre betrifft der Streit ums Betreuungsgeld. Ob die Familien noch mehr Geld brauchen, ist ohnehin umstritten. Ob es gut ist, irgendwelche Anreize für bestimmte Betreuungsformen zu schaffen, noch mehr - zumal in diesem Fall: „Der Staat fördert die Kinderbetreuung und will gleichzeitig eine andere Förderung dafür einführen, dass die Eltern die geförderte Kinderbetreuung nicht in Anspruch nehmen“, sagt Axel Plünnecke, Bildungsexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.
Welches Familienmodell fördern?
Und selbst wenn der Staat sich in diese Entscheidung einmischen möchte, ist die Frage, welches Familienmodell er fördern sollte. Unterschiedliche Familienmodelle haben unterschiedliche Kosten und Nutzen - für die Eltern sowieso, aber auch für den Staatshaushalt und für das Ziel, Kindern unabhängig vom Elternhaus möglichst gleiche Startchancen zu geben.
Die Betreuung zu Hause gilt unter Experten am Ende als teuer und schlecht vereinbar mit dem Ziel, Chancengerechtigkeit herzustellen. Kindern von gebildeten Eltern, die sich mit ihrem Kind beschäftigen, geht es zu Hause nämlich deutlich besser als Kindern, denen die Eltern wenig Anregung zukommen lassen können oder wollen.
Fülle an neuen Anregungen außerhalb der Familie
In den ersten Fällen sind die Unterschiede zwischen der Betreuung zu Hause und in der Krippe klein - Hinweise deuten darauf, dass die Krippe langfristig einen kleinen Vorteil bringt, aber der ist so klein, dass er nach wie vor nicht eindeutig ist.
Doch für die Kinder, die es zu Hause schwer haben, bringt eine Betreuung außerhalb der Familie eine Fülle an neuen Anregungen, so dass das ihre Situation sehr oft verbessert. In Pilotprojekten wird zudem ein anderer Ansatz getestet: Die Eltern in der Kindererziehung zu schulen. In unserem interaktiven Flash werden fünf unterschiedliche Betreuungsmodelle analysiert.
Wer nicht funktionieren möchte, zahlt - jetzt noch: nur - drauf!
Marzo Matto (maerzc)
- 20.04.2012, 00:21 Uhr
Am 4.4. wurde in der Druckausgabe der FAZ ein ganzseitiger Beitrag
Chi Tamago (tamago)
- 19.04.2012, 21:42 Uhr
Hier fehlt etwas im Vergleich,
Hannah Meyer (HannahMeyer)
- 19.04.2012, 18:26 Uhr
Wo bleibt eigentlich die Qualität der staatlichen Kinderförderung?
Michael Muscholl (Muscholl)
- 19.04.2012, 07:27 Uhr
Welche Informationen brauchen Politiker noch zur Förderung
frühkindlicher Erziehung und Bildung ??
Torsten Milsch (BeziehungsDoc)
- 18.04.2012, 21:43 Uhr