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Debatte ums Betreuungsgeld Herdprämie

Das Betreuungsgeld konserviert die alte Gesellschaft: Küche, Kinder, Kirche. Das sagen seine Gegner. Aber ist es wirklich so? Die Frauen in Bayern erzählen eine ganz andere Geschichte - wenn man sie nur mal fragt.

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Dorothee Bär ist schwanger. Zum dritten Mal. Das ist die gute Nachricht. Erst mal aber muss ihre Familie in Franken häufiger auf sie verzichten, das ist weniger schön: Die junge Mutter, 34, CSU-Abgeordnete in Berlin, streitet für das Betreuungsgeld: „Jeden Tag mit mehr Kampfeswillen“, wie sie sagt, angestachelt von dem Furor, der ihr im Streit um die 161. Sozialleistung für Familien entgegenschlägt: „Noch nie hatte ich so viele positive Zuschriften.“ Noch nie aber auch so gehässige Post. So beleidigend, so verletzend im Ton.

Der Kampfbegriff zu dem Krawall heißt „Herdprämie“ - und ist grottenfalsch. Wer vom Staat Betreuungsgeld will, muss nicht zu Hause bleiben. Korrekt wäre: „Staatliche-Krippen-Fernhalte-Prämie“. Die 100 Euro im Monat (später 150 Euro) für jedes Kind im zweiten und dritten Lebensjahr sollen alle Eltern erhalten, auch Doppelverdiener, die auf einen staatlichen Krippenplatz verzichten.

„Auf dem Spielplatz werden Mütter beschimpft“

Wer sich um das Kind kümmert, ist egal: Es muss nicht die Mutter sein. Es geht auch Au-pair-Mädchen, Tagesmutter, Kinderfrau, Opa oder gar die private Krippe. „Es geht um Wahlfreiheit“, sagt die stellvertretende CSU-Generalsekretärin Bär, die einen Druck auf junge Mütter beobachtet, das Kleinkind in die „allein seligmachende Krippe“ zu stecken: „Auf dem Spielplatz werden Mütter als faule Trinen beschimpft, wenn sie nicht sofort wieder arbeiten nach der Geburt.“

Noch fehlt ein konkretes Gesetz, die zuständige Ministerin Kristina Schröder, 34, ein Kind, weigert sich, einen Text vorzulegen, dafür ist ihr die Lage wohl zu unübersichtlich: Das Vorhaben steht im Koalitionsvertrag, darauf pocht die CSU - und notgedrungen auch die Kanzlerin. Die Unterstützung aus FDP wie CDU ist jedoch überschaubar, der CSU werden vielmehr dunkle Motive unterstellt: pures Machtkalkül sowie Populismus; das Betreuungsgeld als ein Zuckerl für die „Kernklientel“, die konservativen unemanzipierten Frauen in der Provinz.

Wirklich? Kinder, Küche, Kirche. Wenigstens in Bayern? Die Erkundung beginnt in Augsburg. Zehn Minuten sind es mit dem Rad von der Innenstadt zu Regine Meiss. Die Anästhesistin, 40, wohnt dort mit Mann und fünf Kindern (drei Jungs, zwei Mädchen zwischen 2 und 14 Jahren), das sechste Baby kündigt sich an. Die Medizinerin plädiert für das Betreuungsgeld und ist zugleich lebendiger Beweis, warum der Begriff Herdprämie so irreführend ist: Regine Meiss hat ihre Berufstätigkeit nie länger als ein Jahr unterbrochen. Nach der Entbindung ging es jeweils wieder flott in die Klinik, zum Schichtdienst mit ihrem Mann, einem Urologen. Das Paar hat alle Varianten an Kinderbetreuung ausprobiert, im Moment trennt man sich vom dritten Au-pair-Jungen (“Da sind Sachen vorgefallen, die gehen gar nicht.“).

Gegen Krippen hat Meiss keine ideologischen, wohl aber praktische Vorbehalte: „Ich mag mein Kind nicht um halb sechs wecken, wenn ich losmuss, um es außer Haus zu bringen.“ Und wohin in den Ferien? Oder wenn die Kinder krank sind? Mit sechs Kindern braucht sie Hilfe im Haus, „dazu wäre das Betreuungsgeld eine gute Unterstützung“. Würde sie deshalb an den Herd gekettet? „Mit Sicherheit nicht. Vom Arbeiten würde es mich nicht abhalten, im Gegenteil.“ Würde sie zum Dank wenigstens die CSU wählen? Auch das nicht. „Ich bin nicht typische CSU-Klientel.“

Nur im Osten arbeiten mehr Frauen

Wo aber steckt die typische CSU-Frau? Wer nach ihr sucht, landet zwangsweise in Ebersberg, bei Angelika Niebler, 49, Vorsitzende der „Frauenunion“. Wer dahinter einen Heimchen-am-Herd-Club vermutet, verwechselt auch einen Ochsenkarren mit einem BMW. Die Juristin Niebler hat sich erst in einer internationalen Sozietät zur Partnerin hochgearbeitet und dann ihre Politkarriere forciert: Heute sitzt sie im Europaparlament, überwacht nebenbei im Fernsehrat das ZDF und hat in der CSU die Frauenquote erstritten: „Für uns war das eine Revolution.“ Ach ja, zwei Kinder hat sie auch: 13 und 5 Jahre alt. Um die kümmern sich werktags Großeltern, Mann, Kinderfrau, damit Angelika Niebler ihre „fünf Bälle gleichzeitig hochhalten“ kann.

Unerträglich ist ihr das Argument, das Betreuungsgeld würde den beruflichen Ehrgeiz von Frauen schleifen: „Eine Frechheit. Das beleidigt die Intelligenz der Frauen.“ Mit einer einzigen Zahl zertrümmert Niebler das Klischee von den bayerischen Hausfrauen: 68 Prozent der Frauen in Bayern sind erwerbstätig, mehr als in jedem anderen Bundesland im Westdeutschland, nur der Osten liegt leicht darüber. Die Bayerin arbeitet stundenweise, Teilzeit, Vollzeit oder im Übermaß wie die BMW-Top-Managerin, die morgens um sechs in den Starnberger See hüpft, ehe sie ins Büro fährt, die „Tiger reiten“, wie sie es nennt, wenn sie die ihr unterstellten Abteilungsleiter antreibt.

Der Anteil der weiblichen Mitglieder in der CSU verharrt zwar bei 20 Prozent, die Mehrheit der Wähler aber sind Frauen. Eine davon ist Katja Tombrock-Söll, 44, Mutter eines acht Jahre alten Sohns. Nach der Geburt hat sie ihn, damals noch in Brüssel, schnell in eine Krippe gegeben: Als der Kleine oft krank war, hat ihr Mann, ein Anwalt, eine Auszeit genommen. „Sollte es ein zweites Kind geben, würde ich zu Hause bleiben“, sagt Tombrock-Söll; in Erinnerung daran, wie sie gelitten hat, als der Gatte sie im Büro verzückt angerufen hat: „Du, jetzt läuft er.“ Auf Dauer will sie in jedem Fall arbeiten, „Ich kenne keine Frau, auch nicht unter den alteingessessenen hier im Münchner Umland, die nicht dieses Bedürfnis hat.“ Reizt das Betreuungsgeld dazu, auf die Krippe zu verzichten? Kaum, sagt sie. Es gehe den Frauen um Anerkennung. „150 Euro im Monat sind kein Argument, Kinder von der Krippe abzumelden.“

In Krippen hält sich sowieso nur eine Minderheit der bayerischen Kleinkinder auf. Dies berichtet Daniele Ludwig, 36, Mutter von einjährigen Zwillingen, CSU-Abgeordnete in Berlin, außerdem Fan von Franz Josef Strauß und dem FC Bayern München. Sie selbst regelt die Erziehung innerfamiliär (mit Großeltern und einem Mann, der als Mathe-Lehrer Teilzeit unterrichtet) und hofft auf privaten Krippenersatz, wie in ihrer Heimat vor den Toren Rosenheims: „Mütter teilen sich die Aufgabe mit den Kindern, und jede arbeitet Teilzeit“. Das Betreuungsgeld kommt dort in einen gemeinsamen Topf, der Staat ist als Krippenbauer entlastet, die 150 Euro im Monat sind folglich nur gerecht - und aus CSU-Sicht viel zu gering, wenn, wie behauptet, jeder staatliche Krippenplatz mit 1000 Euro im Monat bezuschusst wird.

Mehr Flexibilität dank Betreuungsgeld

Die Exkursion endet dort, wo alles anfing mit dem Betreuungsgeld: bei Julia Hegewald in Angelbrechting, ein Nest, östlich von München gelegen. Ihre Mutter, die ehemalige bayerische Familienministerin Christa Stewens im Kabinett Stoiber, hatte einst die Idee zu der Prämie. Die Tochter, 29 Jahre alt, vier Kinder, wird davon profitieren. „Ich finde es wichtig, die ersten drei Jahre mit den Kindern zu verbringen“, sagt die gelernte Bankkauffrau. „die Zeit ist so kurz - und was verpasse ich schon? Ich bin so jung.“

Gegenwärtig kümmert sich Julia Hegewald um Haus und Nachwuchs, während ihr Mann, ein Angestellter in der IT-Branche, „3D-Bildchen macht“. Eine Krippe gibt es in Angelbrechting nicht, nur im nächstgrößeren Ort: „Poing ist super ausgestattet.“ Was ein Platz dort kostet, weiß Hegewald nicht: Eine Krippe kam für sie nie in Frage, die sofortige Rückkehr in ihre Bank auch nicht. „Ich weiß nicht, wie ich das schaffen sollte, ich habe so schon ein straffes Programm.“ Vom Betreuungsgeld verspricht sie sich mehr Flexibilität: „Dann könnte man es mit Au-pair versuchen. Ein Hausmütterchen werde ich deswegen noch lange nicht: Nein, nein, nein.“

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Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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