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Debatte ums Betreuungsgeld : Herdprämie

Deutschland im Jahr 1957 Bild: INTERFOTO

Das Betreuungsgeld konserviert die alte Gesellschaft: Küche, Kinder, Kirche. Das sagen seine Gegner. Aber ist es wirklich so? Die Frauen in Bayern erzählen eine ganz andere Geschichte - wenn man sie nur mal fragt.

          Dorothee Bär ist schwanger. Zum dritten Mal. Das ist die gute Nachricht. Erst mal aber muss ihre Familie in Franken häufiger auf sie verzichten, das ist weniger schön: Die junge Mutter, 34, CSU-Abgeordnete in Berlin, streitet für das Betreuungsgeld: „Jeden Tag mit mehr Kampfeswillen“, wie sie sagt, angestachelt von dem Furor, der ihr im Streit um die 161. Sozialleistung für Familien entgegenschlägt: „Noch nie hatte ich so viele positive Zuschriften.“ Noch nie aber auch so gehässige Post. So beleidigend, so verletzend im Ton.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Kampfbegriff zu dem Krawall heißt „Herdprämie“ - und ist grottenfalsch. Wer vom Staat Betreuungsgeld will, muss nicht zu Hause bleiben. Korrekt wäre: „Staatliche-Krippen-Fernhalte-Prämie“. Die 100 Euro im Monat (später 150 Euro) für jedes Kind im zweiten und dritten Lebensjahr sollen alle Eltern erhalten, auch Doppelverdiener, die auf einen staatlichen Krippenplatz verzichten.

          „Auf dem Spielplatz werden Mütter beschimpft“

          Wer sich um das Kind kümmert, ist egal: Es muss nicht die Mutter sein. Es geht auch Au-pair-Mädchen, Tagesmutter, Kinderfrau, Opa oder gar die private Krippe. „Es geht um Wahlfreiheit“, sagt die stellvertretende CSU-Generalsekretärin Bär, die einen Druck auf junge Mütter beobachtet, das Kleinkind in die „allein seligmachende Krippe“ zu stecken: „Auf dem Spielplatz werden Mütter als faule Trinen beschimpft, wenn sie nicht sofort wieder arbeiten nach der Geburt.“

          Noch fehlt ein konkretes Gesetz, die zuständige Ministerin Kristina Schröder, 34, ein Kind, weigert sich, einen Text vorzulegen, dafür ist ihr die Lage wohl zu unübersichtlich: Das Vorhaben steht im Koalitionsvertrag, darauf pocht die CSU - und notgedrungen auch die Kanzlerin. Die Unterstützung aus FDP wie CDU ist jedoch überschaubar, der CSU werden vielmehr dunkle Motive unterstellt: pures Machtkalkül sowie Populismus; das Betreuungsgeld als ein Zuckerl für die „Kernklientel“, die konservativen unemanzipierten Frauen in der Provinz.

          Die Bundesländer im Vergleich Bilderstrecke

          Wirklich? Kinder, Küche, Kirche. Wenigstens in Bayern? Die Erkundung beginnt in Augsburg. Zehn Minuten sind es mit dem Rad von der Innenstadt zu Regine Meiss. Die Anästhesistin, 40, wohnt dort mit Mann und fünf Kindern (drei Jungs, zwei Mädchen zwischen 2 und 14 Jahren), das sechste Baby kündigt sich an. Die Medizinerin plädiert für das Betreuungsgeld und ist zugleich lebendiger Beweis, warum der Begriff Herdprämie so irreführend ist: Regine Meiss hat ihre Berufstätigkeit nie länger als ein Jahr unterbrochen. Nach der Entbindung ging es jeweils wieder flott in die Klinik, zum Schichtdienst mit ihrem Mann, einem Urologen. Das Paar hat alle Varianten an Kinderbetreuung ausprobiert, im Moment trennt man sich vom dritten Au-pair-Jungen (“Da sind Sachen vorgefallen, die gehen gar nicht.“).

          Gegen Krippen hat Meiss keine ideologischen, wohl aber praktische Vorbehalte: „Ich mag mein Kind nicht um halb sechs wecken, wenn ich losmuss, um es außer Haus zu bringen.“ Und wohin in den Ferien? Oder wenn die Kinder krank sind? Mit sechs Kindern braucht sie Hilfe im Haus, „dazu wäre das Betreuungsgeld eine gute Unterstützung“. Würde sie deshalb an den Herd gekettet? „Mit Sicherheit nicht. Vom Arbeiten würde es mich nicht abhalten, im Gegenteil.“ Würde sie zum Dank wenigstens die CSU wählen? Auch das nicht. „Ich bin nicht typische CSU-Klientel.“

          Nur im Osten arbeiten mehr Frauen

          Wo aber steckt die typische CSU-Frau? Wer nach ihr sucht, landet zwangsweise in Ebersberg, bei Angelika Niebler, 49, Vorsitzende der „Frauenunion“. Wer dahinter einen Heimchen-am-Herd-Club vermutet, verwechselt auch einen Ochsenkarren mit einem BMW. Die Juristin Niebler hat sich erst in einer internationalen Sozietät zur Partnerin hochgearbeitet und dann ihre Politkarriere forciert: Heute sitzt sie im Europaparlament, überwacht nebenbei im Fernsehrat das ZDF und hat in der CSU die Frauenquote erstritten: „Für uns war das eine Revolution.“ Ach ja, zwei Kinder hat sie auch: 13 und 5 Jahre alt. Um die kümmern sich werktags Großeltern, Mann, Kinderfrau, damit Angelika Niebler ihre „fünf Bälle gleichzeitig hochhalten“ kann.

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