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Veröffentlicht: 06.03.2015, 14:08 Uhr

Das Grüne Projekt Agrarwende „Wahlkämpfe sind nie Zeiten der Rationalität“

Nach der Energiewende fordern die Grünen die Agrarwende. Ausgerechnet der Grüne Robert Habeck, Popstar der Partei, kritisiert die Moralprediger in den eigenen Reihen.

von
© dpa Habeck fordert Umdenken in Landwirtschaft

Herr Habeck, nach dem Atomausstieg möchte Ihre Partei nun den Ausstieg aus der Massentierhaltung, es soll Obergrenzen für Tierbestände geben, richtig?

Jan Grossarth Folgen:

Ertappt. Ich kenn die Beschlusslage meiner Partei da nicht genau. Die Frage von Massentierhaltung heißt übersetzt: Wie viele Tiere passen auf wie viel Fläche? Da geht es aber vor allem um Gewässerschutz. Insgesamt gelangt zu viel Nitrat über Gülle und Dünger in Boden und Gewässer. Man kann zwar auch unterstellen, dass es ab einer gewissen Tierdichte nicht mehr möglich ist, das Tier individuell zu betreuen. Aber man kann auch wenige Tiere elend halten.

Sind Sie als Agrarminister und stellvertretender Ministerpräsident in Schleswig-Holstein also für Obergrenzen?

Aus Tierschutzgründen sind Obergrenzen nicht zwingend, aber um die Gewässer zu schützen, sollte man Bestandsobergrenzen ins Auge fassen, oder die Gülleausbringung muss sehr viel präziser und effektiver und entsprechend kontrolliert werden. Wir müssen dazu kommen, die Ställe für die Tiere zu bauen und nicht die Tiere den Ställen anzupassen. Agrarwende heißt aber nicht: zurück zur vermeintlichen Idylle von früher. Ein Teil der Lösung liegt im technischen Fortschritt. Durch ihn lassen sich die Debatten über Landwirtschaft zum Teil auflösen. Mehr Tiergesundheit mit weniger Medikamenten, weniger Dünger- und Pestizideinsatz auf den Feldern durch spezielle Ausbringungsformen oder Messungen des Eiweißbedarfs der Pflanzen. 

Was haben Sie gegen die Massentierhaltung von heute?

Viele Probleme der modernen Landwirtschaft werden durch die Haltungsformen ausgelöst. Die Enge der Haltung in der Puten- und Hähnchenmast erfordert höhere Antibiotika-Mengen. Es gibt Schweine, die haben mehr Ferkel als Zitzen. Das hat der liebe Gott so nicht gewollt. Das kann man keinem mehr erklären, der außerhalb der Produktionskette steht. Oder dieses Bild: Da läuft, getrennt durch Gitterstäbe, der Eber vor Sauen hin und her, damit sie rauschen (paarungsbereit werden, Anm. d. Red.), die dann aber künstlich besamt werden . . .

...der arme Eber...

...ja, der darf nicht ran, aber ein erfülltes Liebesleben haben die Sauen auch nicht. Das eigentliche Problem ist aber, dass sie dann 28 Tage lang in einem Stahlkorsett stehen und keinen halben Meter vor oder zurück laufen können, weil der Fötenverlust sonst 15 Prozent höher ist. Und am nächsten Tag besuchen Sie eine Wurstfabrik und sehen das: Am Fließband werden die Packungen, wo ein kleines Paprikastückchen auf der Wurst liegt anstatt in ihr drin zu stecken, aussortiert und weggeworfen. Da werden dann gefühlt 25 Prozent aussortiert. Weil die Leute angeblich nur Wurst kaufen wollen, aus der kein Stückchen Paprika rausgefallen ist. Das ist doch schlicht krank!

Wahlkampfendspurt der Grünen in Hamburg © dpa Vergrößern Wahlkampfendspurt der Grünen in Hamburg

Sind die Lebensmittel zu billig?

Ja, weil sie die externen Kosten nicht abbilden. Die zahlen wir über die Steuer. Aber man muss ehrlich sein: Billige Lebensmittel bedeuten mehr Geld für anderes. Die Ökonomie ist da gnadenlos. Je preiswerter Lebensmittel, desto höher der Wohlstand einer Gesellschaft. Wir haben deshalb mehr Geld übrig für Handys, Fernseher, Schuhe und Schnickschnack. Allerdings auch für Bildung, Kulturleistungen, Gesundheit oder Freizeit, mehr Zeit für die Familie. Und es gibt auch viele, die auf jeden Euro schauen müssen.

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