14.03.2005 · Jürgen Heraeus, einer der bekanntesten deutschen Familienunternehmer, hält es für nicht nachvollziehbar, wie weit Einkommenszuwächse zwischen Spitzen und Mehrheit der Beschäftigten auseinanderklaffen: F.A.Z.-Interview.
Jürgen Heraeus ist einer der bekanntesten Familienunternehmer in Deutschland. Als Aufsichtsratsvorsitzender des gleichnamigen Edelmetall- und Technologiekonzerns in Hanau mahnt er immer wieder leidenschaftlich die Tugenden des "ehrbaren Kaufmanns" an. Heraeus ist Mitglied der Jury zur Verleihung des 2005 erstmals ausgelobten Preises für Wirtschaftsethik (Informationen unter www.ethics.de)
Wir haben 5,2 Millionen Arbeitslose und Stellenstreichungen allerorten. Herr Heraeus, werden die Unternehmen ihrer Verantwortung für den Standort Deutschland gerecht?
Es ist eine weit verbreitete Meinung, daß ein Unternehmen dazu da ist, Menschen zu beschäftigen und einzustellen. Das ist natürlich nicht der Fall. Ein Unternehmen wird Leute entsprechend seiner Produktionsmöglichkeiten und Gewinnsituation beschäftigen.
Aber dennoch sehen viele Menschen eine Diskrepanz zwischen steigenden Gewinnen und Arbeitsplatzabbau, wie jüngst bei der Deutschen Bank geschehen. Wie paßt das zusammen?
Ich glaube, die Kommunikation war miserabel. Die steigenden Gewinne der Deutschen Bank sind unbedingt notwendig. Sie sind immer noch nicht da, wo sie sein sollten. Aber dies am gleichen Tag zu kommunizieren wie den weltweiten Abbau von Arbeitsplätzen, nicht nur denjenigen in Deutschland, das war in höchstem Maße ungeschickt.
Wir haben ein anderes Beispiel aus der jüngsten Zeit, die Diskussion über die Gehaltssteigerungen auf den Führungsetagen der Krankenkassen. Ist das nicht ein besonders treffendes Beispiel für unethisches oder unsolidarisches Verhalten mit den Versicherten?
Das würde ich auch so sehen. Ich habe die Vorgänge allerdings nur den Zeitungen entnommen, die über ungewöhnlich hohe Steigerungen berichteten. Offenbar werden sie damit begründet, daß in den vergangenen fünf Jahren keine Erhöhung stattgefunden hat. Das ist den Versicherten sicherlich nicht vermittelbar.
Allgemein drängt sich ja der Eindruck auf, unten wird gestrichen, und oben wird geklotzt und abgesahnt. Ist das ein Zerrbild der deutschen Unternehmenslandschaft oder in weiten Teilen ein Abbild der Wirklichkeit?
Es ist offensichtlich, daß in den vergangenen vier Jahren das Auseinanderklaffen der Einkommenszuwächse zwischen den Spitzen und der Mehrheit der Beschäftigten auffallend groß geworden ist. Dies ist für mich nicht nachvollziehbar, denn so viel besser sind die Unternehmen nicht geworden.
Müssen sich die Unternehmer nicht selbstkritisch sagen: Wir haben ein Stück Aufklärung vernachlässigt, weil die Menschen im deutschen Sozialstaat bei den Unternehmen viel zu oft Ethik mit Mildtätigkeit verwechseln?
Absolut. Ein Unternehmen ist keine Rot-Kreuz-Veranstaltung. Ein Unternehmen wird gegründet. Die Kapitalgeber geben ihr Geld, um eine Verzinsung zu bekommen, und zwar eine gute Verzinsung. Wenn sie diese nicht bekommen in dem einen Unternehmen, dann ziehen sie ihr Geld ab und investieren es in einem anderen Unternehmen in einem anderen Land. Es ist ja nicht nur der reiche Mann, der sein Geld in ein Unternehmen gibt, sondern es sind in hohem Maße zum Beispiel Rentenfonds aus den Vereinigten Staaten. Diese dienen der Altersversorgung vieler Menschen - ein Modell, das wir in Deutschland leider so nicht haben.
Deutsche Manager sagen ja oft, wir brauchen hohe Gehälter wegen der internationalen - sprich amerikanischen - Vergleichbarkeit. Wie erklären Sie sich dann, daß wir so wenige deutsche Manager in amerikanischen Top-Positionen finden?
Sie sind offenbar nicht wirklich begehrt. Wenn sie hier so wenig verdienen und drüben so viel, müßte es ja geradezu ein Anreiz für die amerikanischen Unternehmen sein, deutsche Manager zu niedrigeren Bedingungen einkaufen zu können.
Sie haben auch die zunehmende Kluft zwischen den Einkommen erwähnt. Kann ein Manager überhaupt so gut sein, daß er mehr als 10 Millionen Euro im Jahr verdient?
Das ist natürlich immer eine Streitfrage. Ich will es mal von der anderen Seite aufziehen. Es ist ja schön, reich zu sein. Aber man kann das Geld weder aufessen noch wirklich erleben. Man legt es wiederum an. Früher hat man gesagt, zwei, drei, vier Millionen DM reichen für einen Manager, auch für einen exzellenten. Heute ist es dasselbe in Euro. Nach Steuern ist es nur noch die Hälfte. Aber damit kann man an sich gut auskommen. Die Exzesse sind schwer erklärbar, selbst wenn man sehr, sehr gut ist.
Unterstützen Sie daher die Pläne der Bundesregierung für ein Gesetz, das die Aktiengesellschaften zur Offenlegung der einzelnen Vorstandsgehälter zwingt?
Es ist ein Unterschied, ob die Gehälter in der Hauptversammlung auf Anfrage der Aktionäre genannt werden oder ob sie dokumentiert werden, um bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit genannt zu werden. Die gesetzliche Verpflichtung zur Veröffentlichung ist ein Irrweg. Sie wird nicht den variablen Teil der Gesamtvergütung an Leistungen knüpfen, sondern führt nur zu einer Nivellierung der Vorstandsbezüge.
Es wird oft behauptet, Familienunternehmen seien "ethischer" als die börsennotierten, die den Launen der Börse ausgesetzt seien und einseitig auf die Kapitalrendite achteten. Ist diese Behauptung richtig?
Ein Familienunternehmer oder ein Unternehmen in Familienbesitz denken zunächst einmal sehr langfristig. Wenn sie es verantwortungsvoll machen, ist das sozusagen eine Gabe zur Weitergabe. Man verwaltet das Unternehmen, solange man an der Spitze ist, und gibt es weiter an die nächste Generation. Braun Melsungen oder auch Heraeus sind Beispiele dafür. Man erhält eine doppelte Abgeltung: Man hat seine Bezüge, die in Ordnung sein müssen, aber man hat auch das Unternehmen gut geführt und kann es weitergeben.
Und die Manager?
Der angestellte Manager denkt anders. Er denkt zunächst einmal in der Laufzeit seines Vertrages. Sein Einkommen liegt in seinem Arbeitsentgelt. Das muß aber nicht heißen, daß er im wesentlichen nur daran denkt, wie er selbst schnell reich werden kann in dieser Zeit und die Moral nicht so hoch hält. Es gibt sehr viele Manager, die die Unternehmen sehr verantwortungsvoll führen. Die einen sind gut, die anderen leider nicht.
Wenn aber Familienunternehmer eine so hohe Zufriedenheit erzielen können, warum haben wir dann die vielen Nachfolgeprobleme im Mittelstand?
Ein hohes ethisches Bewußtsein zu haben, reicht nicht. Man muß in der Lage sein, ein Unternehmen zu führen - auch mit den häufig notwendigen Härten. Es fällt dem Mitglied einer Familie, das ein Unternehmen führt, sicher ungleich schwerer, Menschen zu entlassen, als einem Manager. Dessen Beziehung zu der ganzen Umgebung, zu den Familien und so weiter ist doch distanzierter.
Wo zeigen sich denn bei Heraeus die speziellen ethischen Komponenten der Unternehmensführung?
Ich glaube, wir haben sehr hohe Umweltstandards, wir haben hohe Gewinnziele, die aber, nicht getrieben werden von einem Kapitalmarkt. Denn wenn wir eine börsennotierte Aktiengesellschaft wären und im Besitz etwa von Hedge Fonds, dann fänden sich sicher noch Ecken, die man auskehren könnte, und dann könnte man das Personal auch noch einmal ein Stück reduzieren.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,30 $ | −0,51% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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