19.08.2007 · Der New Yorker Colin Beavan verzichtet mit seiner Familie ein Jahr lang auf alles, was der Umwelt schadet. Flugreisen, Autofahrten und sogar der öffentliche Nahverkehr sind tabu. Manchmal brechen die Beavans ihre Regeln aber doch.
Von Corinna Budras, New YorkDie Regeln klingen mehr nach staatlicher Rationierung in Zeiten einer nationalen Krise als nach einem freiwilligen Experiment zum Klimaschutz: Flugreisen, Autofahrten und sogar der öffentliche Nahverkehr sind tabu, das Handy wird nicht mehr genutzt. Strom darf nur aus der eigenen Solaranlage auf dem Dach bezogen werden, was bedeutet: kein Radio, kein Fernseher, kein Geschirrspüler, keine Klimaanlage und keine Waschmaschine. Nahrungsmittel kommen aus der Region, und statt des Aufzugs muss die Treppe benutzt werden - ausgerechnet in New York.
Aktivitäten zum Wohle des Klimas haben Hochkonjunktur: Bundeskanzlerin Angela Merkel nimmt die Auswirkungen des Klimawandels in Grönland in Augenschein, kommende Woche beschäftigt sich das Kabinett in Meseberg mit einem ehrgeizigen Klimaprogramm. Spätestens seit der Vorstellung des ersten Klimaberichts der Vereinten Nationen im Februar scheinen leidenschaftliche Bekenntnisse zum Umweltschutz und ehrgeizige Klimaziele nur so aus dem Boden zu sprießen. So hat die Bundesregierung für Deutschland das Ziel vorgegeben, 40 Prozent Kohlendioxid bis zum Jahr 2020 einzusparen.
„Wir haben keine Ahnung, aber probieren es aus“
Doch während internationale Popstars mit Benefizkonzerten im Namen des Weltklimas die Schadstoffbilanz weiter verschlechtern, geht der 43 Jahre alte New Yorker Autor Colin Beavan seit neun Monaten ganz neue Wege. Insgesamt ein Jahr lang will er zusammen mit seiner Frau Michelle und seiner zwei Jahre alten Tochter Isabella das Leben klimaneutral gestalten und damit die Natur schonen. Keine Schadstoffe sollen durch das Zutun der Familie in die Umwelt gelangen.
Anfangs hatten die Beavans keine Ahnung, wie sie ihr Ziel erreichen sollten. „Das Projekt sollte an diesem Punkt beginnen: Wir haben zwar keine Ahnung, aber wir probieren es Schritt für Schritt aus“, sagt Colin Beavan. Eines war ihm jedoch klar: „Nur die Effizienz zu erhöhen wird nicht helfen. Wir müssen unseren Konsum einschränken.“ Das Experiment funktioniert in Etappen: Zuerst verringerte Familie Beavan ihren Müll, dann verzichtete sie auf alle Transportmittel außer dem Fahrrad und stellte ihre Ernährung um.
Beavan: „Jede neue Stufe war anfangs sehr hart“
Anfang Juni schließlich kappten sie den Strom aus der Steckdose. „Jede neue Stufe war anfangs sehr hart, weil wir immer erst herausfinden mussten, wie wir damit umgehen“, erzählt Beavan. Innerhalb eines Jahres krempeln sie ihr Leben komplett um. Vom morgendlichen Klingeln des aufziehbaren Weckers bis zur Abendgestaltung ist kaum etwas von ihrem bisherigen Leben übriggeblieben.
Früher seien sie New Yorker „mit den besten Intentionen, aber der schlechtesten Umsetzung“ gewesen, sagt Beavan, der Sachbücher - unter anderem zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs - veröffentlichte und für die amerikanischen Zeitschriften „Mens' Health“, „Glamour“ und „Cosmopolitan“ schrieb. Fernsehabende mit geliefertem Abendessen in Plastikschüsseln gehörten für den Schriftsteller und die „Businessweek“- Journalistin zur Entspannung nach anstrengenden Arbeitstagen.
„Dies ist mein ganz persönliches Experiment“
Seit November jedoch lassen sie ihren früheren Worten auch Taten folgen. Dass ihnen das in New York nicht vollständig gelingen kann, weiß der Autor selbst. Romantische Einsiedler-Ideen, in denen langhaarige Ökos mit Birkenstock-Schuhen vorkommen, sind seine Sache nicht. Seinen Müll hat er zwar drastisch reduziert, aber ganz ohne geht es eben doch nicht. Deshalb macht Beavan eine Nettorechnung auf: Wenn gesündigt wird, müssen als Ausgleich Umweltprojekte unterstützt werden: Bäume pflanzen, Müll aus Flüssen angeln.
Genauso wenig versucht Beavan, den Rest der Welt zu missionieren und von seiner Lebensweise zu überzeugen. Ganz im Gegenteil: „Dies ist mein ganz persönliches Experiment“, sagt er. „Ich zeige nicht mit dem Finger auf andere Menschen. Das ist die ganze Philosophie hinter dem Projekt.“ Ihm gehe es darum, innerhalb eines Jahres auszuprobieren, wie weit er gehen kann, und dann alles in einem Leitfaden niederzuschreiben. Danach will er zusammen mit seiner Frau entscheiden, was von ihrem alten Leben wieder zurückkehren soll. Viele Veränderungen werde er wahrscheinlich beibehalten, weil sie sich bewährt hätten, sagt er.
„Wir brauchen viele unterschiedliche Lösungen“
Doch Annehmlichkeiten wie den öffentlichen Nahverkehr möchte er wieder nutzen. Über seine Erfahrungen führt er ein öffentliches Tagebuch. Seinen Computer betreibt er mit Strom aus den Solarzellen vom Dach. Und so schreibt er regelmäßig auf seiner Internetseite die neuesten Entwicklungen auf. Viel Anerkennung habe er schon bekommen, doch auch mit Kritik könne er gut leben, sagt Beavan. Wenn andere Menschen andere Wege finden - umso besser: „Wir brauchen viele unterschiedliche Lösungen.“
Während der amerikanische Umweltschutzaktivist Al Gore die Welt wohl schon mehrfach mit dem Flugzeug umrundet hat, um sie zu retten, spürt Beavan auch körperlich die Auswirkungen seines eigenen Experimentes: In den vergangenen Monaten hat er 20 Pfund abgenommen. Schmal und ein wenig zurückhaltend sitzt er in dem New Yorker Café am Union Square, nur ein paar Schritte von seiner Wohnung entfernt. Alle Strecken in New York legt er zu Fuß oder mit seinem Fahrrad zurück, das kostet Kalorien. Auch das Bio-Essen zeigt seine Wirkung. Weil inzwischen auch der Kühlschrank nicht mehr läuft, muss er mehrmals in der Woche zum grünen Supermarkt um die Ecke, um für seine Familie Fleisch, Gemüse, Milchprodukte und Eier aus der Umgebung zu kaufen. Alle Nahrungsmittel dürfen nicht mehr als 250 Meilen (400 Kilometer) zurückgelegt haben, bevor sie auf den Tellern landen.
„Die Menschen mögen das. Sie werden inspiriert.“
Doch an einigen Abenden im Monat verstoßen die Beavans bewusst gegen ihre eigenen Regeln. „Soziale Ausnahmen“ nennen sie das. Dann treffen sie sich mit Freunden in Restaurants, die auch weitgereiste Nahrungsmittel servieren. Will der Kellner ihnen aber eine Papierserviette bringen, weist Beavan ihn freundlich darauf hin, dass er auf einem „Kein-Müll-Trip“ sei. „Die Menschen mögen das irgendwie“, sagt er. „Sie werden dadurch inspiriert.“ Solche sozialen Ausnahmen seien nicht nur hilfreich, um das Experiment durchzustehen, sie seien geradezu notwendig für das Gelingen des Projektes: „Es ist kontraproduktiv, wenn man sich abspaltet. Die Menschen werden sich niemals ändern, wenn das die Einstellung ist.“
Abgesehen von diesen Ausnahmen, versucht das Ehepaar Beavan, seine Regeln von morgens bis abends einzuhalten: Während sie früher von ihrem Radiowecker geweckt wurden, klingelt nun ein aufziehbares Gerät. Das Frühstück besteht aus selbstgemachtem Brot mit Zutaten aus New York. Auch die Milch und der Honig kommen aus der näheren Umgebung. Neun Stockwerke müssen sie herunterlaufen, bevor sich Michelle Beavan für ihren Weg in die Redaktion auf ihren Tretroller schwingt und Colin Beavan zum Büro radelt, das er sich mit anderen Schriftstellern teilt. Muss er einmal in den 25. Stock eines New Yorker Hochhauses, dauert es länger, die Sicherheitsbeamten davon zu überzeugen, ihn ins Treppenhaus zu lassen, als die vielen Stufen tatsächlich zu erklimmen.
„Haben wir etwa gerade die Rolltreppe genommen?“
Am Nachmittag geht Beavan zum Bauernmarkt und mit seiner kleinen Tochter in den Park. Abends kocht er für die Familie. Wenn es dunkel geworden ist, lauschen sie einem aufziehbaren Radio oder lesen mit solarbetriebenen Lampen. Auch Besuch bekommen sie oft. Und für das Wäschewaschen bedienen sie sich althergebrachter, längst vergessener Hausmittel: Die Klamotten werden in einem Wassereimer mit Seife eingeweicht. Dann steigt die Familie in den Bottich und stampft auf der Wäsche herum.
Sein neues Leben habe ihn wesentlich zufriedener gemacht, versichert Beavan. „Es ist weniger frustrierend, wenn ich selbst etwas tue. Warum brauche ich eine Regierung, um mir zu sagen, dass ich ein Auto kaufen soll, das weniger verbraucht. Warum tue ich es nicht selbst?“ Auf das große Ganze kommt es Beavan an, deshalb reagiert er auch gelassen, als ihm bewusst wird, dass er - ganz ins Gespräch vertieft - ausnahmsweise einmal die Rolltreppe genommen hat. Erst Minuten später auf dem Rückweg fällt es ihm auf: „Haben wir etwa gerade die Rolltreppe genommen?“, fragt er erst irritiert und lacht dann verlegen: „Na ja, das passiert schon mal. Nichts ist eben perfekt.“
Neutrales Leben
Erhard Grund (ErhGrund)
- 19.08.2007, 13:11 Uhr
Was soll die törichte Nörgelei...?
Hans Müller (testo001)
- 19.08.2007, 15:40 Uhr
großer Respekt!!
Andreas Sobiegalla (Vernuft17)
- 19.08.2007, 16:49 Uhr
@ Erhard Grund
Andreas Schulte (schuand)
- 19.08.2007, 17:50 Uhr
Luxus-Ökos
Lutz Jansen (LJA)
- 19.08.2007, 19:55 Uhr
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