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Coffee To Go : Verschlimmbechert

In Kiel zeigt eine Bäckerei-Verkäuferin einen wiederverwendbaren Kaffeebecher. Bild: dpa

München verbietet gerade den Einweg-Kaffeebecher. Quer durch Deutschland formiert sich eine Front gegen den Pappbecher. Dabei ist sehr zweifelhaft, ob die Alternativen besser sind.

          Wer die Umwelt schützen will, der darf neuerdings seinen Kaffee nicht mehr aus Pappbechern trinken. Der umweltpolitisch korrekte Verbraucher bringt seinen eigenen, wiederverwendbaren Keramikbecher mit.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Quer durch Deutschland starten Initiativen gegen den Einwegbecher. Die Deutsche Bahn gibt 20 Cent Rabatt, wenn die Kunden auf einen Pappbecher verzichten, der höchstens 7 Cent kostet. In Freiburg startete vergangenen Herbst ein Pfandbecher-System, an dem sich 80 Cafés und Bäckereien beteiligen. In der Initiative „Coffee to go again“ haben sich 300 Cafés verpflichtet, den Kaffee auch in mitgebrachte Becher zu füllen. Die großen Konzerne machen sowieso mit: McDonald’s, Tchibo und Starbucks – und das ganze umso lieber, wenn sie auch noch schöne Keramikbecher verkaufen können. Ganze Start-ups gründen sich und bieten – gegen ein kleines Entgelt – komplette Mehrwegsysteme an. Auch Vorträge gegen den Pappbecher lassen sich einkaufen.

          In München läuft nach den Sommerferien sogar eine ganze Werbekampagne an. Am Dienstag fiel im Münchener Stadtrat einstimmig die Entscheidung, dass für neue Pächter städtischer Kaffeeausgaben die Einwegbecher komplett verboten werden. Zudem sind 400.000 Euro für Plakate, Radiospots und Flyer vorgesehen – immer mit der Botschaft: Wer einen Einwegbecher nutzt, schadet der Umwelt.

          Dabei ist höchst zweifelhaft, ob der Pappbecher wirklich so umweltschädlich ist. Und vor allem, ob es mit den Mehrwegbechern besser wird.

          Einwegbecher verursachen Müll

          Dabei klingt erst mal einleuchtend, was die Gegner der Pappbecher sagen: Die Einwegbecher verursachen eine Menge Müll, und nicht mal nur leicht wiederzuverwertenden Papiermüll, schließlich sind auch die meisten Pappbecher innen mit Kunststoff beschichtet. Auch die Produktion ist aufwändig: 38.000 Tonnen Kohlendioxid würden jedes Jahr in Deutschland für Coffee-To-Go-Becher ausgestoßen, schätzt die Deutsche Umwelthilfe.

          Doch schon solche Schätzungen sind unsicher. Sie hängen davon ab, ob eine andere Schätzung richtig ist: Mehr als sieben Millionen Coffee-to-Go-Becher würden jeden Tag verbraucht, heißt es oft. Das würde bedeuten: Jeder zehnte Deutsche holt sich täglich, von Montag bis Sonntag, einen Kaffee unterwegs.

          Mehrwegbecher sind aufwändig herzustellen

          Doch auch Mehrwegbecher brauchen Ressourcen. Keramik wird bei hohen Temperaturen gebrannt. Die Becher sind schwer: Sie brauchen Energie beim Transport, nicht nur bei der ersten Lieferung aus der Fabrik zum Einsatz, sondern auch später beim Mitnehmen. Zudem müssen die Becher mit warmem Wasser gespült werden – auch das kostet überraschend viel Energie und verursacht Klimagase. In Situationen, in denen der Pappbecher einen Deckel braucht, muss auf den Mehrwegbecher auch einer drauf – es ändert nichts.

          Die Abwägung fällt schwer. Die Kampagne gegen den Pappbecher rollt an, doch sorgfältige Rechnungen sind kaum zu finden.

          Das Umweltbundesamt verweist auf eine Studie, die vor der Fußball-Europameisterschaft 2008 erstellt wurde – und sich auf Kaltgetränke im Stadion bezieht, nicht aber auf Kaffee in der Fußgängerzone. Selbst die Deutsche Umwelthilfe, einer der aktivsten Becher-Lobbyisten, gibt zu: „Seriöse und repräsentative Studien, die die Umweltauswirkungen von Coffee-to-go-Einwegbechern quantifizieren und bewerten, fehlen bislang.“ Die Organisation peilt also selbst ein bisschen über den Daumen – beschäftigt sich dabei aber kaum mit dem Herstellungsaufwand des Mehrwegbechers.

          Zweifel am Umweltnutzen des Mehrweg-Bechers

          Eine Studie aber gibt es. Sie ist zehn Jahre alt und wurde von einer Plastikbecher-Organisation in Auftrag gegeben, aber von einem öffentlichen Forschungsinstitut der Niederlande angefertigt. Darin verglichen die Forscher verschiedene Bechertypen für den Fall, dass der Becher-Besitzer aus seiner Büro-Kaffeemaschine 1000 Mal Kaffee, Tee oder heiße Schokolade trinkt. Bei zwei Tassen am Arbeitstag wären das fünf Jahre Kaffee, in denen der Mehrwegbecher nicht herunterfallen und nicht verlorengehen darf: ein Szenario, das dem Mehrwegbecher zugute kommen sollte. Der Auftraggeber hätte sich wahrscheinlich einen Umweltnutzen für den Plastikbecher gewünscht.

          Am Ende war es aber weder der Plastikbecher, der die geringsten Folgekosten für die Umwelt verursachte, noch die Porzellantasse, sondern der Pappbecher. Der Mehrwegbecher wird erst dann konkurrenzfähig, wenn der Benutzer sich mit dem Spülen zurückhält und die Tasse nur nach jedem zweiten Kaffee auswäscht.

          Das mag im Büro noch funktionieren. Für Coffee-to-Go-Becher geht das gar nicht. In einem Mehrweg-Ratgeber des bayerischen Umweltministeriums für Café-Betreiber heißt es: „vom Kunden mitgebrachte Becher müssen augenscheinlich sauber sein.“

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