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Veröffentlicht: 10.07.2010, 14:28 Uhr

Chinas Textilindustrie Am seidenen Faden

Seit Jahren ist China Mekka der Textilindustrie. Nun sind die Fabriken durch die Inlandsnachfrage ausgelastet und wollen sich dem Diktat der Ausländer immer weniger unterwerfen. Die suchen nun nach alternativen Standorten und müssen ihre Preise anheben.

von und
© dpa Textilfabrik in China

Unser Mann kennt sich aus in China. Seit mehr als zehn Jahren ist er Einkäufer für einen großen deutschen Warenhauskonzern. In seinem Bestellbuch stehen Jacken, T-Shirts, Hosen - jeweils zu Hunderttausenden. Mehrmals im Jahr reist er für zwei Wochen in die Volksrepublik und verhandelt die Lieferverträge für die nächste Saison. Das Muster wiederholte sich über Jahre. Diesmal aber ist alles anders. Bislang war unser Mann ein hofierter Auftraggeber. Schließlich ist seine Abnahmemenge riesig, und die Auswahl unter den chinesischen Lieferanten war groß. Unser Mann, dessen Name hier nicht genannt werden darf, ist kein Unmensch. Er hielt seinen Lieferanten die Treue, sprang nicht ständig zum nächstbilligeren Anbieter. Er schätzt die lange Geschäftsbeziehung. Er nutzte das gegenseitige Vertrauen.

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Heute ist dies der letzte Strohhalm, an den er sich klammert. Denn nichts ist mehr, wie es war. Statt zwei Wochen China hat unser Mann gleich noch Anschlussflüge nach Bangladesch, Vietnam und Indonesien gebucht. Denn im Sommer 2010 sitzen die chinesischen Lieferanten am längeren Hebel. Zwar leiden sie unter sprunghaft steigenden Lohnforderungen ihrer Arbeiter. Doch gleichen sie diese durch die rasch wachsende Nachfrage aus dem Inland aus. Unser Mann ist weiterhin gern gesehen. Geschäfte aber muss der chinesische Fabrikant mit ihm nicht mehr machen. Die Textilhersteller Chinas werden teurer. Und wählerischer. „Wir hören von den Chinesen immer öfter: Für euch im Westen machen wir doch nicht mehr den billigen Jakob“, fasst Eberhard Bezner, Vorsitzender des Beirats von Olymp, einem der führenden Hemdenhersteller Europas, die Stimmung zusammen. „Jeder in der Branche versucht im Moment, Produktion aus China in Länder wie Indonesien, Vietnam oder Bangladesch zu verlagern“, fügt er an.

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Schlicht keine Lust, sich hohen Anforderungen zu stellen

Zwar bleibe China das wichtigste Land für Bekleidung, sagt Thomas Rasch, Hauptgeschäftsführer des Modeverbands German Fashion. Doch mache sich in der Branche Ernüchterung breit. Die Löhne in China stiegen, man brauche für jedes Geschäft einen Dolmetscher, die Mentalitätsunterschiede seien größer als gedacht, die Schwäche des Dollar und die Aufwertung des Yuan verteuerten die Ware, längst nicht mehr jeder Produzent in China sei auf die Aufträge aus dem Ausland angewiesen. Mancher Hersteller in China habe angesichts der starken Inlandsnachfrage zudem schlicht keine Lust, sich den hohen ökologischen und arbeitsrechtlichen Anforderungen zu unterwerfen, die europäische Hersteller stellten. Und zu allem Überfluss hat sich die Preisentwicklung für Baumwolle umgekehrt. Nach lange sinkenden Preisen verteuerte sich der Rohstoff im Jahresvergleich um fast 90 Prozent. Gründe hierfür gibt es mehrere, unter anderen eine geringere Ernte und neue Handelsbeschränkungen. Indien hat Mitte April ein Ausfuhrverbot für Rohbaumwolle verhängt, um - wie es heißt - den umfangreichen Export nach China zu unterbinden und die eigene Industrie zu schützen. „Das ist eine ziemlich unangenehme Mischung“, sagt der Verbandschef.

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