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Der Islamische Staat in China : Chinas Angst vor dem IS

  • -Aktualisiert am

Knüppel und Schild: Im Hotel im Nationalpark Xiata warten diese Utensilien zur Selbstverteidigung. Die Polizeistation nebenan ist verlassen. Bild: Echo Wang

Der „Islamische Staat“ drohe in den Westen Chinas einzudringen, behauptet Peking – und baut eine muslimische Unruheprovinz zum Hochsicherheitstrakt um.

          Tief im Westen, wo der Hotelgast sein Frühstücksbrot mit Essstäbchen buttern muss, ist sie zu spüren: Chinas Angst. „Messer hat uns die Polizei verboten“, entschuldigt sich die Kellnerin in Urumtschi, von Schanghai fünf Stunden mit dem Flugzeug entfernt. Gelandet ist es auf Terrain, in dem spitznasige Frauen Kopftücher tragen und baumlange Männer blaue Augen. Es ist eine Welt, in der Besteck als Waffe gilt.

          Das hier ist China, wie es kaum jemand kennt: Xinjiang heißt die größte von 33 Provinzen, die ein Sechstel der Landesfläche einnimmt. Unter der Kruste ruht ein Drittel der kontinentalen Öl- und Gasreserven. Ein Gebiet von der fünffachen Größe Deutschlands. Zerklüftet von Bergen, die an acht Länder grenzen, darunter Afghanistan, Pakistan, Russland.

          23 Millionen zählt Xinjiangs Bevölkerung. Anders als im Rest Chinas sind hier nicht neun von zehn Menschen „Han“, wie ethnische Chinesen heißen. Bei der Gründung der Volksrepublik stellte diese Bevölkerungsgruppe allemal einen Anteil von vier Prozent. Heute beträgt er das Zehnfache. Die andere große Gruppe, die muslimischen Uiguren, kommen auf 40 bis 45 Prozent.

          Konflikte zwischen Uiguren, Han und Staat

          Xinjiangs Städte tragen die Namen der Baubrigaden der Volksbefreiungsarmee: „70. Regiment“, „77. Regiment“. Bei der Erschließung eisiger Pässe ließen hier Hunderte Soldaten ihr Leben. Heute liegt die politische und ökonomische Macht in der Hand von Chinesen. Die Uiguren gingen größtenteils leer aus: Xinjiangs Volksgruppe muslimischen Glaubens, deren Angehörige oft ein paar Brocken Türkisch verstehen, aber kaum ein Wort Chinesisch.

          Weil sie sich von China kolonialisiert fühlen, gibt es zwischen Uiguren, Han und Staat seit jeher Konflikte. Vor sieben Jahren schlugen wütende Uiguren in Urumtschi über einhundert Chinesen tot. Exilgruppen behaupten, auch Hunderte Uiguren seien in der Folge von der Polizei erschossen worden. Seit diesem Zeitpunkt ist Xinjiang Chinas Terrorprovinz.

          Vor zwei Jahren stachen in der südchinesischen Stadt Kunming Uiguren reisende Chinesen mit Messern nieder. Drei Wochen später zündeten Uiguren auf dem Bahnhof Urumtschis eine Bombe, nachdem sie mit Messern Passanten angegriffen hatten. Terror nennt Peking das zu Recht. Ob es aber darüber hinaus Verbindungen zwischen Uiguren und islamistischen Terrorgruppen gibt, die ihren Kampf nach China tragen wollten, wie die Führung behauptet: das ist schon mehr umstritten. Dass die Anschläge einen ideologischen Hintergrund hätten, bestreiten viele ausländische Beobachter. Für sie sind die Attacken eine Reaktion auf staatliche Repressionen. Neue Erkenntnisse zeigen, dass die Lage allerdings weit weniger eindeutig ist.

          Kinder lernen,die Straßenseite zu wechseln, wenn ein Uigure naht

          Hat sich der radikale Islam in Xinjiang ausgebreitet? Rekrutiert die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ hier Kämpfer? Wäre dies der Fall, könnte nach Amerika und Europa mit China bald der nächste Wirtschaftsraum ins Fadenkreuz weit größerer Anschläge geraten.

          Die Suche nach Antworten führt an den Rand des Reichs der Mitte: in Chinas Armenhaus. Das Pro-Kopf-Einkommen in Xinjiang liegt bei gerade mal einem Drittel Pekings. In der Hauptstadt versehen die Kader die dreitausend Kilometer entfernte Provinz gern mit drei Attributen: rückständig, randständig, instabil. Sieben Jahrzehnte nachdem Xinjiang in die Volksrepublik eingegliedert wurde, lehren chinesische Eltern ihre Kinder, die Straßenseite zu wechseln, sobald ein Uigure naht.

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