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Kommentar : Vom Zuschauer zur neuen Weltmacht

Was hat Peking wirklich vor? Chinas Ministerpräsident Keqiang besucht Deutschland. Bild: AFP

Die Welt ist von Donald Trump irritiert – und das ist Chinas Chance im Buhlen nach Aufmerksamkeit. Auch beim Besuch bei der Kanzlerin heute.

          Was will China? Diese Frage wird heute öfter gestellt als zuvor. Wenn der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang mit einer Delegation erfolgreicher chinesischer Unternehmer an diesem Mittwoch nach Berlin reist, vertritt er ein Land, das in kurzer Zeit sehr selbstbewusst geworden ist. 2017 präsentiert sich China als Weltmacht. Das „Wiederaufblühen“ der chinesischen Nation ist offizielles Ziel. Offen ist, ob China auf diesem Weg auf den Rest der Welt mehr Rücksicht nehmen wird oder weniger.

          Fakt ist, dass die Welt durch den Aufsteiger aus Fernost in Teilen neu vermessen wird. Eindrucksvoll zeigt sich das in der Wirtschaft. Vor gerade mal einem Jahrzehnt warben Chinas finanzschwache Staatsbanken in Deutschland um Kapital. Heute hat sich das Verhältnis umgekehrt. Die Deutsche Bank ist froh, mit dem chinesischen Mischkonzern HNA einen offensichtlich ebenso solventen wie risikofreudigen Großaktionär gefunden zu haben, der bereitwillig in das schwächelnde Kreditinstitut investierte. Das hat den Chinesen einen Sitz im Aufsichtsrat der Deutschen Bank eingebracht. Hier wird auch über die Zukunft manches deutschen Industrieunternehmens verhandelt.

          Auf weltpolitischer Bühne macht China keinen Hehl mehr aus seinen Ambitionen. Seit Beginn der Präsidentschaft Donald Trumps stellt sich die sozialistische Volksrepublik der internationalen Gemeinschaft als Alternative zur Führungsmacht Amerika vor. Zum ersten Mal seit dem Korea-Krieg hat China in der Weltpolitik seine traditionelle Rolle als Zuschauer am Seitenrand verlassen. Den Strategieschwenk startete Präsident Xi Jinping im Januar in einer gefeierten Rede auf dem Wirtschaftsforum in Davos. Dort schien die Welt auf den Kopf gestellt, als das zuvor oft als selbstsüchtig gescholtene China die neuen protektionistischen Tendenzen verurteilte und zur Rettung von Freihandel und Globalisierung aufrief.

          Chinas „Plan des Jahrhunderts“

          Den Appell an die ökonomische Vernunft wiederholte Chinas Präsident kürzlich erst auf seinem Gipfel zum Bau einer neuen Seidenstraße. Fast 30 Regierungschefs waren seinem Ruf nach Peking gefolgt. Nur zu den Olympischen Spielen 2008 waren mehr Staatenlenker in Chinas Hauptstadt gereist. Die Idee, mit dem Bau von Infrastruktur für 900 Milliarden Dollar dem Welthandel neuen Schub zu verleihen, sei der „Plan des Jahrhunderts“, rief Xi Jinping der Weltgemeinschaft zu. Am Ende profitiere nicht nur China, es profitierten alle.

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          Wäre die Welt nicht so irritiert vom neuen Nationalismus in Amerika, Pekings Ruf nach Aufmerksamkeit wäre wohl verhallt. So aber wenden sich Chinas Nachbarstaaten in Asien nicht ohne Sorgen der neuen Weltmacht zu. Kanzlerin Angela Merkel sucht mit Chinas Regierung den Schulterschluss, um nach der enttäuschenden Begegnung mit Trump am Wochenende ein weiteres Signal ins Weiße Haus zu senden, dass Deutschland zur Not auch ohne die Vereinigten Staaten könne. Dasselbe Ziel verfolgt die EU, wenn sie einen Tag nach seinem Staatsbesuch in Berlin mit Chinas Ministerpräsidenten in Brüssel konferiert.

          Der Eindruck trügt aber, dass die Beziehungen zu China vor allem von Vertrauen und Einigkeit geprägt wären. Nur wenige Europäer fanden sich zum Seidenstraßen-Gipfel ein. Aus gutem Grund, fürchtet doch Europas Wirtschaft, Chinas Bekenntnis zum Freihandel beziehe sich weniger auf den eigenen Markt als auf das Ausland, in das die chinesische Wirtschaft exportieren und auf Anweisung Pekings strategisch wichtige Zukunftstechnologien erwerben wolle. Dass die EU darüber nachdenkt, neue Anti-Dumping-Regeln zu schaffen und künftige Investitionen chinesischer Unternehmen streng zu prüfen, hat Chinas Staatsführung nervös gemacht.

          Was will Peking wirklich?

          Was will Peking wirklich? Die Fragen, die Chinas Regierung in Berlin und Brüssel gestellt werden, betreffen jeden Deutschen und jeden Europäer. Ist das heutige Schwellenland tatsächlich daran interessiert, von Amerika die Führungsrolle beim Klimaschutz zu übernehmen, wenn es im eigenen Land seine Energie nach wie vor zu fast zwei Dritteln aus günstiger Kohlekraft bezieht? Um das weitere Wachstum nicht zu gefährden sowie aus Angst vor Massenunruhen, zögern Chinas Kader, zu vielen der Millionen Arbeitsplätze in der Schwerindustrie den Garaus zu machen.

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          Wie glaubwürdig ist der chinesische Staat, wenn er zwar für Freihandel eintritt, im eigenen Land aber neue Barrieren in der Informationstechnologie aufbaut oder erst nach großem Widerstand davon abrückt, ausländische Autobauer zu zwingen, für den Marktzugang die eigene Technik chinesischen Partnern zu überlassen? Bis vor wenigen Wochen noch hat Chinas Devisenaufsicht fast ein halbes Jahr lang Kapitaltransfers ausländischer Unternehmen aus dem Land hinaus heimlich behindert, um die chinesische Währung vor Verfall zu schützen. Das hat Vertrauen in ein Regierungssystem gekostet, dessen Autoritarismus sich aus leninistischen und imperialen Traditionen zusammensetzt.

          Was will China? Es ist Verunsicherung, die diese Frage immer öfter hervorruft. Gestellt werden sollte sie deshalb nur umso lauter.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

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