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Cem Özdemir : „Die ersten Kopftücher sah ich in Schwaben“

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Cem Özdemir als Bube am Brunnen von Bad Urach Bild: privat

Vor 50 Jahren haben Deutschland und die Türkei ein Anwerbeabkommen unterzeichnet. Cem Özdemir ist Kind der ersten türkischen Migrantengeneration. Im Interview erzählt er die Geschichte einer geglückten Integration.

          Herr Özdemir, Sie wohnen heute mitten im türkischen Kreuzberg. Wie fällt der Vergleich zu Ihrer Kindheit im schwäbischen Bad Urach aus?

          Kreuzberg ist sehr vielfältig. Es gibt hier die Türken, Kurden und Araber, die weitgehend unter sich bleiben, und genauso eine neue Schicht von Migrantenkindern, die Akademiker sind und von denen niemand redet. Damals gehörte ich zur ersten Generation türkischstämmiger Kinder im schwäbischen Urach. Dort gab es Griechen, Portugiesen, Jugoslawen. In deren Sprachen kannte ich nur die Schimpfwörter. Ansonsten war unsere gemeinsame Sprache zwangsläufig Schwäbisch.

          Woher kamen Ihre Eltern?

          Ganz klassisch über das deutsch-türkische Anwerbeverfahren vom 31. Oktober 1961, genau vor 50 Jahren. Häufig kam zuerst der Mann, und die Frau reiste nach. Meine Eltern haben sich erst hier kennengelernt. Wenn Sie so wollen, bin ich ein Produkt des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens.

          Schwäbisch spricht Cem hier schon ganz gut, im Türkischen hapert es noch.

          In der Türkei hätten sich Ihre Eltern nie kennenlernen können?

          Eher nicht, mein Vater kommt aus einem entlegenen Dorf bei Tokat, meine Mutter aus der Stadt Istanbul.

          Sie ist Akademikerin?

          Das hat einmal jemand fälschlich behauptet, seither schreiben es alle Journalisten voneinander ab. Sie kommt aber aus einer bürgerlichen Familie. Der Großvater war Offizier im türkischen Befreiungskrieg, sie hat im Basar gearbeitet und die Schule mit Abschluss beendet, anders als mein Vater.

          Ihr Vater ist Tscherkesse.

          Ja, das ist ein eigenes Volk im Nordkaukasus, wo man eine auch für Türken ganz fremde Sprache mit sehr, sehr vielen Konsonanten spricht.

          Warum kamen Ihre Eltern nach Deutschland?

          Sie wollten einfach weg. Freunde meines Vaters hatten die Anwerbung unterschrieben und ihn angestachelt, ebenfalls nach Deutschland zu kommen.

          Ein paar Jahre Geld verdienen - und dann wieder zurück?

          Ein bisschen Abenteuerlust war auch dabei.

          Warum gerade Urach an der Schwäbischen Alb? Da hätte es wohl interessantere Alternativen gegeben?

          Das konnte man sich nicht einfach aussuchen. Man wurde eingeteilt, je nachdem, wo die Fabriken Bedarf hatten. Es gab damals in Deutschland eine ungeheure Nachfrage nach Arbeitskräften. Urach hatte eine starke Textilindustrie. Nach einem Jahr im Schwarzwald hat mein Vater dort angefangen, dann ging er in eine Firma, die Feuerlöscher herstellte. Meine Mutter arbeitete in einer Papierfabrik. Sie kam abends immer mit aufgeschnittenen Armen zurück, von den scharfen Kanten des Papiers. Aber sie bekam vom vielen Schleppen auch sehr starke Muskeln. Beim Armdrücken in der Familie hat sie gegen uns Männer immer gewonnen.

          So haben wir uns das Patriarchat nicht vorgestellt. Ihre Mutter ist eine aufgeklärte Frau?

          Die ersten Kopftücher sah ich auf der Schwäbischen Alb. Bei den Bäuerinnen. Meine Mutter musste sich in Urach ganz schön umstellen. Wenn man aus Istanbul kommt, ist Urach nicht gerade die nächste Großstadt - auch wenn es vor fünfhundert Jahren kurz mal die Hauptstadt von Südwürttemberg war. Meine Mutter eröffnete dann eine Änderungsschneiderei. Manchmal fragten Kundinnen: Sind Sie jetzt froh, dass Sie kein Kopftuch mehr tragen müssen? Und dass Ihr Mann Sie in Deutschland nicht schlagen darf? Wenn mein Vater gerade daneben stand und den Laden aufkehrte, dachte er vermutlich: Wenn die wüssten!

          Es war ein Kulturschock für sie - von Istanbul ins ländliche Urach?

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