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Burnout : Überfordert und ausgebrannt

Bild: F.A.Z. - FOTO DIETER RÜCHEL

Mehr Deutsche denn je fühlen sich tief erschöpft. Doch es ist nicht die Arbeit allein, die uns krank macht. Es sind auch unsere überzogenen Erwartungen an ein perfektes Leben.

          Wenn die Erschöpfung da ist, sind die meisten Menschen schon so abgestumpft, dass sie es gar nicht mehr bemerken. Es braucht einen Schlag von außen. Manchmal sendet ihn der Körper. Für Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski war es seine siebzigste Panikattacke, bei der er sagte: So geht es nicht mehr. Für Modemanager Carsten Voss waren es zwei Hörstürze und ein Schlaganfall. Oft ist es auch die Familie, die eingreift. Ein Vorstand aus Norddeutschland ließ sich behandeln, als seine Frau drohte, sonst auszuziehen. Eine Verkaufsmanagerin aus dem Ruhrgebiet wurde von ihrer Mutter zum Arzt geschickt. Und gar nicht so selten sind es die Chefs - sonst meist die Bösen in den Burnout-Geschichten -, die Hilfe bringen. Der Mercedes-Manager Jan Bredack dachte, er habe ein Meeting zur Teamentwicklung. Doch die beiden Psychologen, die zum Meeting riefen, rieten ihm dringend, eine Pause zu nehmen. „Das war hardcore“, sagt er heute. „Aber auch erleichternd.“

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Erst wenn dieser Schlag von außen kommt, sind viele Erschöpfte bereit, sich einzugestehen, dass sie nicht mehr können. Dass sie vollkommen ausgebrannt sind. Später können sie es kaum fassen, was sie sich selbst angetan haben. Warum haben sie nicht eher Hilfe gesucht, um ihr Leben umzukrempeln?

          Burnout ist keine Krankheit, sagen Mediziner. Burnout ist ein Risikozustand. Das wichtigste Erkennungszeichen: Man fühlt sich überwältigend erschöpft. Aufstehen, Duschen, Kaffee kochen, alles, was zur Tagesroutine gehört, wird zur unzumutbaren Kraftanstrengung. Die eigene Arbeit wird als wirkungslos erlebt, was häufig auch stimmt: Denn die Leistungsfähigkeit nimmt dramatisch ab. Mercedes-Manager Bredack beobachtete stundenlang eine Fliege in seinem Büro. Tagelang fuhr er mit dem Auto herum, statt zu arbeiten. Und noch etwas kommt hinzu: Die Distanz zur Umwelt wird größer. Die Erschöpften werden zynisch, apathisch.

          Dieser Risikozustand kann irgendwann, schleichend, in eine handfeste Krankheit münden: meist in eine Depression, dann oft Erschöpfungsdepression genannt. Möglich sind aber auch Panikattacken wie bei Bertelsmann-Chef Ostrowski oder körperliche Krankheiten. Erst wenn es so weit ist, geraten die Ausgebrannten richtig aus dem Tritt.

          Burnout ist ein gesellschaftliches Problem. Denn es melden sich immer mehr Betroffene. Gab es 2004 noch lediglich 4,6 Krankheitstage durch Burnout je 1000 Krankenversicherte, so waren es im Jahr 2012 schon 87,5 Krankheitstage. Eine Steigerung um 2000 Prozent in acht Jahren. Seelische Erkrankungen sind heute der häufigste Grund für die Frühverrentung. Ein wichtiger Auslöser dafür: Burnout.

          Perfektionisten und Idealisten sind besonders anfällig

          Die Arbeit sei schuld, heißt es gerne. Die hohen Anforderungen in den Firmen, der globale Konkurrenzkampf, die unsicheren Jobs, die schnelle Kommunikation, der Kapitalismus überhaupt - das alles frisst die Menschen auf. Die Erklärung ist naheliegend. Schließlich ist eines bewiesen: hoher beruflicher Stress und Burnout hängen eng zusammen. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn Stress wird sehr unterschiedlich empfunden. Was den einen fertigmacht, beflügelt den anderen. „Das Problem unserer Zeit ist weniger die Verdichtung der Arbeit als der Umgang damit“, sagt Helen Heinemann, die Gründerin des Instituts für Burnout-Prävention in Hamburg. „Es sind die Leute selbst, die nicht Stopp sagen.“

          Anfällig für den Zusammenbruch sind insbesondere zwei Typen von Menschen: Perfektionisten und Idealisten. Das sind perfiderweise häufig diejenigen, die in ihrer Arbeit besonders engagiert sind, voller Enthusiasmus für die Sache. Sie brennen für ihren Beruf - und dann sind sie irgendwann ausgebrannt. „Der typische Burnout-Patient ist der engagierte, kompetente Mitarbeiter in Führungsposition oder der Selbständige Mitte 40, der über Monate bis Jahre chronisch seine persönlichen Grenzen der Arbeitsfähigkeit überschritten hat“, sagt Götz Mundle, medizinischer Geschäftsführer der Oberbergkliniken, die Burnout-Patienten behandeln. Diese Grenzen überschreitet der Erschöpfte entweder, weil er sich moralisch verpflichtet fühlt - das sind die Idealisten, häufig unter Lehrern, Ärzten, Krankenschwestern zu finden - oder weil er selbst nach höchster Perfektion strebt, sich dabei unrealistische Ziele setzt, alles tut, um die eigene Grandiosität zu beweisen. „Narzisstische Persönlichkeiten sind anfällig“, sagt Mundle. Und Menschen, die schon in der Kindheit gelernt haben: Nur wenn ich etwas leiste, werde ich von meinen Eltern wahrgenommen.

          Es ist die Sucht nach dem perfekten Leben, die die Leute in die Erschöpfung treibt. Der stete Trieb, die eigene Vollkommenheit, die eigene Überlegenheit zu beweisen. Den Kollegen, den Nachbarn, dem Chef, der Familie. Eine Sucht, die um sich greift. Längst leben wir in einer Welt der Selbstoptimierer. Die Menschen meinen, immer und überall perfekt sein zu müssen. Perfekte Arbeiter, egal, ob Manager oder Unternehmer, ob Pfarrer, Lehrer oder Krankenpfleger. Egal, ob Mann oder Frau, denn Karriere können heute längst beide machen. Niemand muss zu Hause bleiben, jeder kann alles schaffen - die einst festgefügten Rollen lösen sich auf, die neuen gesellschaftlichen Vorbilder kriegen alles hin. Neben der eigenen Karriere (die nicht im Vorstand enden muss, aber könnte!) wollen alle auch noch gut verdienen, schicke Häuser besitzen (am liebsten mit Swimmingpool). Sie wollen vorbildliche Väter und Mütter sein, perfekte Ehepartner, dankbare Kinder, die ihre Eltern pflegen. Sie wollen aussehen wie Models, nicht nur sportlich sein, sondern Marathon laufen und das, bitte schön unter vier Stunden.

          Irgendwann bleibt nur noch die Arbeit

          Ein solches Leben kann eine Zeitlang funktionieren. Solange alles läuft, spornt es zu Höchstleistungen an - die bewundernden Blicke der anderen sind Belohnung genug. Doch irgendwann gelingt das Immer-mehr nicht mehr, da passt in den durchgetakteten Tag keine zusätzliche Arbeitsstunde mehr, wenn man nicht woanders spart: Zeit für Freunde, Familie, Entspannung, Schlaf. „Irgendwann arbeitete ich so viel, dass ich keine Zeit mehr hatte, ins Fitnessstudio zu fahren“, schreibt Bredack in seinem Buch „Vegan für alle“, in dem er über seinen Zusammenbruch und den Wandel zum Veganer berichtet. Also stand er früher auf - „im Sommer um fünf Uhr, im Winter um sechs“ - und lief 15 Kilometer. Dann raste er die 30 Kilometer bis zur Arbeit auf dem Rad. Auf dem Rückweg das Gleiche. „Ich rannte 80 Kilometer in der Woche - und mein Trainer riet mir, 100 Kilometer in der Woche zu laufen und außerdem 200 Kilometer Rad zu fahren und fünf Kilometer zu schwimmen.“ Für seine Familie blieb keine Zeit mehr. Die Tage waren gefüllt mit Arbeit und Sport.

          Irgendwann bleibt den Betroffenen nur noch die Arbeit, wenigstens da wollen sie gut sein. Überragen. Sich durchsetzen. Widersacher ausschalten, Probleme lösen, kämpfen. Kämpfen. Alles geben.

          Modemanager Carsten Voss hat sich von der Arbeit komplett absorbieren lassen. Als er Geschäftsführer der Berliner Modemesse Bread & Butter war, war er ständig unterwegs - Paris, New York, Mailand, Asien. An 150 Tagen im Jahr wachte er in einer anderen Stadt auf. Das Geld stimmte. Aber den Kontakt zu seinen Freunden hat er nach und nach verloren - allesamt Lehrer, Buchhändler, Ärzte. Er sagte Feiern ab mit der Begründung: „Da komme ich gerade erst aus Asien zurück.“ „Da bin ich auf dem Weg nach Florenz.“ „Da muss ich echt mal schlafen, bevor ich zur Messe aufbreche.“ Die Freunde hörten irgendwann auf, ihn einzuladen, Voss registrierte es nicht mal. Zu Hause wartete niemand auf ihn.

          Er wurde immer einsamer, immer kaputter.

          Solcher Umgang mit der Arbeit und mit dem Leben macht irgendwann krank. Die Reserven der Menschen werden aufgebraucht. Sie sind nicht mehr Herr ihrer Tage, verlieren jegliche Freiheit zu entscheiden, was sie tun und was sie lassen wollen. Dann kommt der Zusammenbruch. „Das Arbeitsleben ist hart und ungerecht“, so formuliert es Gernot Langs, der Chefarzt der Schön Klinik Bad Bramstedt. „Es kommt darauf an, wie man mit den Bedingungen umgeht.“

          Viele finden die Balance nicht. Und dann fehlt nur noch eine Kleinigkeit, die nicht mehr stimmt, eine Frustration, und das Leben gerät aus dem Tritt. Bei Bredack war das eine Veränderung in der Führungsebene über ihm. „Man hängt ja immer an Seilen in einem Großkonzern“, erzählt er. „Irgendwann habe ich gemerkt, ich hänge am falschen Seil. Und diejenigen, die an anderen Seilen hängen, ziehen an mir vorbei.“ Da könne man eigentlich nichts machen, sagt er heute. Doch damals versuchte er es: mit mehr Arbeit und noch mehr Arbeit. Daheim war er so wenig präsent, dass keiner mehr merkte, wie es ihm ging. „Meine Familie hat erst erfahren, dass ich Burnout hatte, als ich schon Wochen nicht mehr gearbeitet hatte“, sagt Bredack - als in der Firma längst alle Bescheid wussten.

          Die Arbeitsbelastung taugt besonders gut für Heldengeschichten

          Modemanager Voss erlitt im Jahr 2010 einen Hörsturz, einen kleinen, dann einen zweiten, der war schlimmer. Kurz darauf folgte der Schlaganfall. Voss war schockiert über die Diagnose, aber fünf Tage vor der Messe - das ging gar nicht. Er hielt dann auch durch, dem Adrenalin sei Dank, bis zum letzten Messetag. Da stolperte er: Muskelfaserriss. Egal, am Abend noch setzte er sich wie geplant in ein Flugzeug nach Paris, zog seine Termine durch. Als er samstagabends in seine Wohnung in Berlin zurückkehrte, wartete dort ein großes, schwarzes Loch. „Ich hatte null Energie übrig.“ Es reichte nicht mehr zum Lesen, nicht mal zum Teekochen.

          Die Arbeitsbelastung von Führungskräften taugt besonders gut für Heldengeschichten voller Superlative - von den Ausgebrannten selbst immer noch mit einem Rest von Stolz auf die einstigen schier übermenschlichen Leistungen erzählt. Doch Burnout gibt es längst auch unter normalen Leuten, ohne 70-Stunden-Woche und ständige Auslandsreisen. Mittlerweile trifft es fast alle Berufsgruppen. Auch Sekretärinnen haben Burnout, sogar Arbeiter am Band.

          Klar belegt ist: Burnout hat mit Stress zu tun, mit chronischem Stress über Wochen, Monate, Jahre. Wer seinen Körper immer wieder überlistet und mit Kaffee, Drogen oder eisernem Willen zu Leistungen zwingt, wo er Ruhe fordert, der riskiert Erschöpfung und Depression - und zudem eine Menge anderer gefährlicher Dinge: Infektionskrankheiten häufen sich, weil das Immunsystem nicht mehr richtig arbeitet, das Krebsrisiko steigt, man ist gereizt, bekommt Sodbrennen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Angstzustände.

          Geistige Arbeit und Single-Dasein begünstigen die Erschöpfung

          So weit, so eindeutig. Doch wieso haben wir heute mehr Ausgebrannte als einst? Haben wir denn so viel mehr Stress als früher? Schnell ist man dabei, das zu glauben. Schließlich ist die Kommunikation in der heutigen Arbeitswelt schneller, die Geschäftsreisen sind häufiger und weiter, die Stellen unsicherer als vor 15 Jahren. Doch es gibt genauso viele Indizien, die solche Vermutungen in Frage stellen: Früher gab es ganz andere Bedrohungen wie etwa Weltkriege, die auch gehörigen Stress auslösten; es wurde länger gearbeitet; Despotismus unter den Chefs und starre Hierarchien waren weit verbreitet. Es gab lange Zeiten in der Geschichte, in denen die Arbeitsplätze viel unsicherer waren als heute. Die meisten Psychologen machen deshalb nicht vorrangig die Arbeitswelt verantwortlich. „Ich glaube nicht, dass die Menschen heute ihre Arbeit mehr hassen als vor hundert Jahren“, sagt der Psychologe und Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi.

          Die Skepsis der Psychologen zwingt dazu, nach weiteren Gründen für das Massen-Phänomen Burnout zu fahnden. Was bedeutet es, dass Menschen, die allein leben, ein höheres Burnout-Risiko haben? Warum sind Personen, die geistig arbeiten, besonders gefährdet? Körperlich Arbeitende leiden bei Überlastung eher unter körperlichen Symptomen. Beides - die geistige Arbeit wie das Single-Dasein - hat in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen. Das begünstigt die Erschöpfung. Dazu kommt, dass die Einstellung der Menschen zu psychischen Krankheiten sich verändert hat. So wird heute als Erschöpfung diagnostiziert, was früher unter dem Deckmantel körperlicher Diagnosen versteckt wurde.

          Der wohl wichtigste Grund aber, wieso die Arbeitswelt den Menschen derzeit so zusetzt, liegt in den Menschen selbst: in ihrer Sehnsucht, ihrem Streben nach dem perfekten Leben. Perfektionismus ist heute nicht mehr einfach nur vorzeigbar, sondern gilt vielerorts als höchst erwünscht. Die Generation der Selbstoptimierer versucht, das Beste aus dem Leben herauszuholen - und macht sich den Stress zu einem Gutteil selbst. Sie arbeitet sich ab an den eigenen Ansprüchen und riskiert, am Ende auszubrennen.

          Wenn die Überarbeiteten in einer Klinik landen, ist ihr Erschöpfungszustand meist schon chronisch. Viele brauchen Monate, um sich einzugestehen, dass sie es nicht mehr allein schaffen. Bei dem Modemanager Carsten Voss hat sich der Zustand absoluter Lethargie über Monate hingezogen. Erst hatte er zwei Wochen Urlaub, danach kehrte er einfach nicht zurück an den Arbeitsplatz. Er ging nicht ans Telefon, öffnete keine Briefe. Er zog sich häufig gar nicht mehr an, ging er doch eh kaum vor die Tür. Musste er etwas besorgen, war das die Hölle für ihn. Seine Stelle kündigte er irgendwann schriftlich. Er hat sich nicht einmal von den Kollegen verabschiedet. Im Briefkasten stapelten sich die Mahnungen. Kein Partner war da, der ihm half, kein bester Freund. Niemand.

          Irgendwann hat er sich selbst in die Psychiatrie eingewiesen. Er war eines Abends, am 12. November 2010, draußen an einer beleuchteten Wohnung vorbeigegangen. Drinnen sah er eine Frau, die das Abendessen kochte, und im Wohnzimmer einen Mann auf dem Sofa. „Da wusste ich plötzlich: Wenn ich jetzt nichts tue, erlebe ich das nächste Frühjahr nicht mehr.“

          Wer in einem solchen Zustand in die Klinik kommt, den erwartet dort erst einmal eine Notfallbehandlung. Das bedeutet Antidepressiva für die Zusammengebrochenen und Hilfe dabei, überhaupt noch einen Tagesrhythmus einzuhalten. Meist geht das aber relativ schnell - und dann folgt die Phase, in der man lernen soll, sein Leben neu aufzustellen. Das sind einerseits Gespräche, in denen man lernt, die eigenen Wertvorstellungen zu hinterfragen. Und andererseits ganz praktische Kurse, die Anleitung geben sollen, um den Rückfall zu verhindern.

          Konzentration auf eine einzige Tätigkeit

          Da geht es zum Beispiel darum, sich vernünftig zu ernähren. Denn die Gestressten vergessen häufig das Essen während des Tages und holen dafür abends spät drei Mahlzeiten nach: mit Eis, Chips, Schokolade. Sie trinken literweise Kaffee, werfen im Leistungstief Schokoriegel ein und kommen abends nur mit Alkohol wieder runter. In der Klinik sollen sie verführt werden, mal wieder selbst zu kochen, regelmäßig zu essen, auf gesundes Fastfood umzusteigen. Damit ihr Körper keinen Schaden nimmt.

          In solchen Phasen kommt es viel darauf an, dass die Erschöpften lernen, sich zu entspannen. Noch wichtiger ist den Kliniken die Konzentration auf eine einzige Tätigkeit, was vielen Burnout-Geplagten kaum mehr möglich ist. Zu lange haben sie sich daran gewöhnt, zwei oder mehr Sachen gleichzeitig zu tun: lesen und essen zum Beispiel oder - noch schlimmer - lesen und Fernsehen gucken. Achtsamkeitstraining nennt sich die Gegenmaßnahme, und sie verlangt den Menschen einiges ab. Wer sieben Minuten lang eine Rosine mit allen Sinnen wahrnehmen muss - erst Tasten, dann Riechen, dann Hören, dann Schmecken -, der kann schon als normaler Mensch ungeduldig werden. Wer zuvor einen ganz anderen Lebensrhythmus gewohnt war, der flippt aus. „Ja, die Rosinenübung“, sagt Mundle von den Oberbergkliniken und schmunzelt. „Daran erkenne ich, wie schlimm es um den Patienten steht. Das zeigt, wie schnell unsere Maschine läuft.“

          Das klingt anstrengend. Kein Wunder, dass manche Erschöpfte sich lange sträuben, in die Klinik zu gehen. Der Manager aus Norddeutschland zum Beispiel hätte sich noch weiter durch schlaflose Nächte gequält. Er hätte noch mehr Opiate eingeworfen, um sich wohl zu fühlen, und leistungssteigernde Neuro-Hämmer, um die Vorstandssitzungen zu bestreiten. Doch seine Frau machte nicht mehr mit. Sie war es, die für ihn eine diskrete Privatklinik ausfindig machte, sie rief dort an, klärte alles. Er sträubte sich: Er habe keine Zeit dafür. „Erst als ich ihm erklärte, dass wir hier nur eine Woche brauchen, dass wir eine Therapiesitzung nach der anderen machen und ihn zwischendurch sogar zu seiner Vorstandssitzung fahren lassen, hat er eingewilligt“, erzählt der ärztliche Leiter der Max Grundig Klinik, Thorsten Kienast.

          „Drogen in der ein oder anderen Form nehmen fast alle“

          Er hat das Haus auf der Bühlerhöhe vor einem Jahr übernommen und für Manager ein neuartiges Burnout-Konzept entwickelt, das auf ganz kurze Zeiträume setzt. „Führungskräfte bleiben nur, wo es ihnen effizient erscheint. Das sind die so gewohnt.“ Natürlich weiß der ausgebildete Psychiater und Mediziner, dass er die Kunden in der Kürze der Zeit nicht heilen kann. „Aber wir können den größten Druck rausnehmen.“

          Er nennt das „Entkatastrophisierung“. Man kann sich das folgendermaßen vorstellen: Die Menschen, die in dieser Klinik auflaufen, haben die Kontrolle über ihr Leben verloren. Sie sind an einem Punkt, den Kienast auf einer Skala von 0 bis 100 bei über 70 eingezeichnet. „Alles unterhalb dieses Werts erträgt der Mensch an Druck irgendwie noch, alles darüber nicht.“ In der Klinik bringen sie ihn unter die magische Schwelle zurück. Dafür analysieren sie mit ihm zusammen genau, wo der Schuh drückt: Ist es die Arbeit, die Ehe, sind es die Kinder? Wie steht es um die Gesundheit? Wie viele Drogen sind im Spiel? „Drogen in der ein oder anderen Form nehmen sie fast alle“, sagt Kienast.

          Dann gucken sie gemeinsam, was der Patient, den sie hier immer nur Gast nennen, unbedingt ändern will. „Meine Ehe retten“, stand bei dem 42-jährigen Manager ganz oben. „Also haben wir mit seiner Frau am Telefon einen Minimal-Vertrag aufgesetzt.“ Sie versprach, bei ihm zu bleiben, wenn er einmal in der Woche zur gleichen Zeit wie sie zu Bett gehen würde. Und wenn sie im Monat an drei Abenden gemeinsam etwas unternehmen. „Das hat geholfen“, sagt Kienast. Fürs Erste zumindest.

          Den Perfektionismus muss man bändigen

          Ausreichend Handwerkszeug, sein Leben dauerhaft in den Griff zu bekommen, hat der Patient damit natürlich noch lange nicht. Das dauert länger. Modemanager Carsten Voss brauchte ein Jahr, bis er Burnout inklusive schwerer Depression überwand. Danach hatte er nichts mehr, keine Arbeit, keine Wohnung, kein Geld, keine Freunde. Zwischendurch war er gar in einer Unterkunft für Obdachlose gestrandet. Aber er hatte seinen Lebensmut zurück. „Und ich habe gelernt, Hilfe anzunehmen. Früher hätte ich mich viel zu sehr geschämt.“

          Dieses Eingeständnis fällt gerade Perfektionisten schwer, die den Anspruch haben, alles allein zu schaffen. Aber auch den Idealisten, den Menschen in pflegenden Berufen, die es gewohnt sind sich aufzureiben für andere, immer da zu sein, immer zu geben. Dass sie selbst auch Hilfe annehmen dürfen, kommt ihnen meist gar nicht in den Sinn.

          Und was kommt nach dieser Einsicht? Nach der Klinik? Nach dem Burnout? Mancher orientiert sich vollkommen neu. Hartmut Ostrowski räumte den Chefposten bei Bertelsmann vorzeitig und arbeitet heute als selbständiger „Business Angel“. Carsten Voss macht sich gerade als Fundraiser in Berlin selbständig. Jan Bredack kehrte erst zurück zu Mercedes, ging für die Firma noch nach Moskau - bevor er ausstieg, um eine Kette veganer Supermärkte zu eröffnen. Die meisten aber machen es eher wie jener norddeutsche Manager, der bis heute an seinem Posten festhält. Klinikleiter Kienast sagt: „Es hat zwar jeder eine Fluchtphantasie parat: ,Wenn gar nichts mehr geht, werde ich Briefträger auf Sizilien.‘ Aber ich kenne keinen, der den Komplettausstieg umgesetzt hat.“

          Es ist nicht verboten, nach der Erschöpfung wieder das Gleiche zu machen wie vorher. Schließlich darf man die Geschichten der Erschöpften keinesfalls so verstehen, dass Engagement und Stress im Beruf per se schädlich sind. Ein gewisses Stresslevel kann sogar sehr positiv wirken, stimulieren, anstacheln, glücklich machen. Bekannte Burnout-Forscher wie Christina Maslach, die in Stanford lehrt, sind heute so weit, dass sie sagen: Nach dem Burnout soll man nicht in ein neues, total tiefenentspanntes Leben finden. Man soll vielmehr zurück zum Engagement finden, zur Begeisterung für den Beruf, die den Ausgebrannten von heute einst kennzeichnete. Nur den Perfektionismus, den muss man bändigen.

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