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Veröffentlicht: 28.01.2016, 17:35 Uhr

Jens Weidmann Bundesbank: Das Bargeld bleibt

Auch in vielen Jahren werden die Deutschen noch Bargeld verwenden, sagt Bundesbankchef Jens Weidmann. Sorgen bereitet ihm die EZB- Politik und die Gefahr einer Verschleppung der Eurokrise.

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© Reuters Jens Weidmann

Bundesbankpräsident Jens Weidmann hat im Interview mit der F.A.Z. der Erwartung des Deutsche-Bank-Chefs John Cryan widersprochen, dass es in zehn Jahren kein Bargeld mehr geben werde. „Diese Prognose halte ich für nicht realistisch“, sagte Weidmann. Die Deutschen seien besonders bargeldaffin. 79 Prozent aller Transaktionen, vor allem die kleineren Käufe, würden mit Münzen und Scheinen bezahlt. Auch wenn die Bedeutung bargeldloser Zahlungen steige, stehe die Bundesbank weiterhin bereit, dass die Bürger Bargeld erhielten. „Wir wollen den Bürgern die Zahlungsart ermöglichen, die sie sich wünschen.“

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Weidmann äußerte sich skeptisch zum Vorstoß der SPD-Finanzpolitiker, den 500-Euro-Schein abzuschaffen und eine Obergrenze von 5000 Euro für Barzahlungen einzuführen, um so Geldwäsche und kriminelle Aktivitäten einzudämmen. „Glauben Sie, dass kriminelle Handlungen deshalb unterbleiben, weil es den 500-Euro-Schein nicht mehr gibt?“, fragte er. Einige Ökonomen, darunter der frühere Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Kenneth Rogoff, hatten eine generelle Abschaffung des Bargelds mit dem Argument befürwortet, dass Zentralbanken dann leichter Negativzinsen durchsetzen könnten, weil die Bürger nicht mehr auf Bargeld ausweichen könnten. Weidmann bezeichnete diese Überlegungen als „falsche Antwort“ auf die Herausforderungen der Geldpolitik. Statt über „finanzielle Repression“ zu sprechen, was eine solche Enteignung der Finanzvermögensbesitzer wäre, sollte man darüber diskutieren, „wie wir durch höheres Wachstum wieder zu höheren Zinsen kommen können“, sagte Weidmann.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, hatte nach der jüngsten Sitzung des EZB-Rats öffentlich die Erwartung an den Märkten auf eine baldige Lockerung der Geldpolitik geschürt. Marktteilnehmer erwarten entweder eine Senkung des Einlagenzinses noch weiter in den negativen Bereich oder mehr Anleihekäufe, was die Zinsen drückt. Das Volumen der Anleihekäufe wird sich nach Draghis Angaben auf nunmehr rund 1,8 Billionen Euro belaufen. Weidmann gehört zu den Kritikern dieser Staatsanleihekäufe. „Wenn das Kaufvolumen zu groß wird, wirken die Käufe auf dem Sekundärmarkt wie die uns verbotenen Käufe direkt von den Staaten.“

F.A.Z. Mehr dazu in der F.A.Z. vom 29.01.2016. Am Vorabend schon in der F.A.Z. -App und als E-Paper.

Die Notenbanken würden zu den größten Gläubigern der Staaten, warnte Weidmann. Es gebe eine zunehmende Verflechtung der Geldpolitik und der Fiskalpolitik der Staaten. Der Druck auf die Zentralbanken, ewig die Zinsen niedrig zu halten und weiter Staatsanleihen zu kaufen, steige. In einer Währungsunion sei dies noch problematischer als in einem Nationalstaat, wenn gemeinschaftliche Staatsanleihekäufe zu einer Gemeinschaftshaftung führten.

Die niedrige Inflationsrate besorgt Weidmann offenbar weniger als andere EZB-Ratsmitglieder. Zwar erklärte er, dass die bisherige Prognose für dieses Jahr von durchschnittlich 1,0 Prozent wohl „relativ deutlich“ nach unten gesetzt werden müsse. Die von der EZB befragten Ökonomen erwarten inzwischen nur noch 0,7 Prozent – vor allem weil der Ölpreis so stark gefallen ist. Das billigere Öl sieht Weidmann weiterhin als Konjunkturprogramm für den Euroraum und Deutschland, weil die Kaufkraft von Ölproduzenten zu Ölkonsumenten umverteilt werde. Für die Weltwirtschaft sei der Effekt aber nicht mehr zwangsläufig positiv, einige ölproduzierende Länder müssten stark sparen.

Eher skeptisch äußerte sich Weidmann auch über die wirtschaftlichen Folgen des derzeitigen Flüchtlingsandrangs. Entscheidend sei es, dass Asylbewerber, die dauerhaft hierbleiben dürften, in den Arbeitsmarkt integriert würden. Ob dies gelinge, hänge wesentlich von den Qualifikationen ab. „Selbst wenn man annimmt, dass diejenigen, die bei uns bleiben werden, den gleichen Bildungshintergrund und die gleichen Sprachkenntnisse haben wie die Migranten der Vergangenheit, dauert es mehr als zehn Jahre, bis diese Zuwanderer eine ähnliche Beschäftigungsquote erreicht haben wie die einheimische Bevölkerung“, sagte Weidmann.

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