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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bundesamt für Naturschutz „Der Anbau von Mais wird zu stark gefördert“

 ·  Naturschutz und Energiewende seien kein Gegensatz, sagt die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz. Sie wünscht sich eine bessere Planung, mehr Mitsprache und weniger Fehlanreize.

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Frau Jessel, die Nationalakademie Leopoldina rät davon ab, bei der Energiewende auf Bioenergie zu setzen. Stimmen Sie dem zu?

Jedenfalls ist die starke Zunahme des Maisanbaus, der wichtigsten Energiepflanze, aus Sicht des Natur- und Ressourcenschutzes tatsächlich bedenklich. Die Anbaufläche für Energiemais hat sich von 2005 bis 2011 auf 700.000 Hektar verzehnfacht. Das hat wegen der Monokulturen und des hohen Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln viele negative Auswirkungen auf die biologische Vielfalt, den Boden, den Gewässerschutz. Nicht zuletzt ist das ein Grund für den drastischen Rückgang der Feldvogelpopulationen.

Mehr Schaden als Nutzen?

Das hängt von regionalen Gegebenheiten, vom Standort und der Anbauform ab. Und Sie dürfen nicht vergessen: Bioenergie ist anders als Strom aus Wind und Sonne speicherbar und damit grundlastfähig.

In Niedersachsen steht Mais auf über der Hälfte der Äcker. Ist das zu viel?

Aus Sicht des Natur- und Ressourcenschutzes ist das sicherlich sehr viel. Wir haben als Naturschützer nichts gegen den Maisanbau, sofern er sich sinnvoll in die Kultur- und Fruchtfolgen einfügt. Es wird problematisch, wo Mais, Mais und noch mal Mais angebaut wird. Das erzeugt Probleme der biologischen Vielfalt.

Für Strom aus Bioenergie zahlen die Verbraucher mehr als 4 Milliarden Euro, mehr als für Windstrom, der aber fast eine doppelt so hohe Ausbeute hatte. Sind die Anreize falsch gesetzt?

Bioenergie hat einen sinnvollen und notwendigen Platz in der Energiewende. Aber man muss sich dringend Gedanken machen, wie lange die starke Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz noch toleriert werden kann. Denn für Mais können Landwirte heute einen Gewinn von 2000 bis 3000 Euro je Hektar erzielen. So wird sehr unreflektiert die Ausweitung des Maisanbaus gefördert. Das muss korrigiert werden. Bisherige Eingriffe wie der „Maisdeckel“ reichen nicht aus.

Statt Bioenergie wollen die Leopoldina-Autoren mehr Strom aus Windkraftanlagen und Sonnenkollektoren produzieren. Ist das eine Alternative?

Die entscheidende Frage für den Naturschutz ist: Wo kann was regional verträglich getan werden? Das geht über die technische Frage hinaus, wie klimaverträglich welche Erzeugungsart ist. Wir müssen die Auswirkungen auf die ganze Landschaft im Blick halten. Die Energiewende wird dazu führen, dass die Stromerzeugung aus Wind, Sonne, Biomasse in der Landschaft sichtbarer wird.

Die Wind-Ausbaupläne der Länder folgen dem olympischen Motto: schneller, höher, weiter. Damit wird die Kulturlandschaft bis auf die Höhen des Schwarzwaldes ein völlig neues Gesicht bekommen. Ist das akzeptabel?

Da hängt viel von einer sinnvollen Steuerung ab. Man muss verträgliche Standorte finden.

Auf den Höhen des Schwarzwalds?

Unsere Perlen, Naturschutzgebiete, Nationalparke, Natura-2000-Gebiete, müssen natürlich ausgenommen werden. Aber wir wollen keinen Gegensatz zwischen Natur-, Klimaschutz und Energiewende konstruieren.

Windkraftanlagen in Wäldern, die die Bäume um Dutzende Meter überragen, sind vertretbar?

Auf solche neuen Perspektiven wird man sich einstellen müssen. Aber auch hier kommt es immer auf den Standort an. Reich strukturierte Mischwälder, die noch für den Artenschutz bedeutsam sind, sollte man aussparen. Aber große Monokulturen, Wirtschaftswälder, die auch vergleichsweise einfach erschlossen werden können, können akzeptable Standorte für Windanlagen sein.

Das provoziert Anwohnerproteste.

Das kann ich verstehen. Es geht eben nicht nur um technische Fragen, sondern auch um ästhetische Belange, um Identität und Heimat. Das sind alles auch Naturschutzanliegen. Deshalb kann eine angemessene und frühzeitige Berücksichtigung von Naturschutzanliegen auch in der Bevölkerung für Akzeptanz der Energiewende werben.

Nutzungskonkurrenz herrscht auch auf See. Wasservögel leiden unter Windrädern, Schweinswale werden durch das Rammen der Fundamente gestört. Ist Windstrom aus dem Meer auch keine umweltverträgliche Alternative?

Es hängt ganz viel davon ab, auch offshore naturverträgliche Standorte zu identifizieren und sich etwa frühzeitig Gedanken darüber zu machen, wie die Lärmbelästigungen minimiert werden können. Hier gibt es eine Reihe interessanter Verfahren wie Blasenschleier und technische Neuerungen, die in der Erprobung sind. Dass der Offshore-Ausbau den Plänen hinterherhinkt, liegt ja nicht am Naturschutz, sondern an der Finanzierung, der Technik.

Es wird viel über eine unzureichende Steuerung der Energiewende geklagt. Ist das berechtigt?

Offshore wäre ein Masterplan wünschenswert, in dem die vielen Nutzungsansprüche - Windenergie, Schifffahrtswege, Abbaugebiete - mit dem Naturschutz koordiniert werden. Der Raumordnungsplan für die Meeresgebiete erfüllt diese Anforderungen nur unzureichend. Auch an Land sollten Raumordnung und Regionalplanung frühzeitig die Gebiete identifizieren und ausweisen, in denen regenerative Energie umwelt- und naturverträglich erzeugt werden kann. Bedenklich ist es, wenn, wie jetzt in Baden-Württemberg, die Regionalplanung quasi ausgehebelt wird und man die kommunale Ebene damit alleine lässt, zu entscheiden, ob und wo Windkraftanlagen gebaut werden sollen. Es wäre viel sinnvoller, übergreifende Vorranggebiete auszuweisen.

Nicht zuletzt muss in Sachen Energiewende die länderübergreifende Abstimmung verbessert werden. Schleswig-Holstein etwa will bis 2020 das Dreifache seines Strombedarfs aus erneuerbaren Energien erzeugen. So hat jedes Land seine Ziele. Genau hier brauchen wir mehr Abstimmung. Es gibt nun mal Länder, wo der Wind stärker weht, und Gegenden, in denen häufiger die Sonne scheint.

Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) verlangt, die Umweltschutzrichtlinien etwa beim Bau neuer Stromleitungen auszusetzen. Ist es nicht tatsächlich wichtiger, die Stromversorgung zu sichern, als einige wenige, vielleicht auch nur lokal gefährdete Arten mit großem Aufwand zu schützen?

Es hat ja einen Grund, warum der Naturschutz an solchen Planungen beteiligt wird. Das ist übrigens auch ein Weg, die Akzeptanz der Energiewende in der Bevölkerung zu stärken. Zudem ist das Naturschutzrecht so flexibel, um im Zweifel überwiegenden Interessen des Gemeinwohls Rechnung zu tragen. Deshalb sind solche Ausnahmen vom Umweltrecht überflüssig und auch nicht notwendig.

Die Fragen stellte Andreas Mihm.

Quelle: F.A.Z.
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