http://www.faz.net/-gqe-8iuse

Nach dem Referendum : Brexit gefährdet britische Atomkraft-Pläne

Hier soll einmal Hinkley Point C entstehen - das Brexit-Votum wirft nun aber die Frage auf, ob es jemals dazu kommt. Bild: Reuters

Das geplante neue Atomkraftwerk Hinkley C kämpft ohnehin schon mit großen Problemen. Bedeutet Großbritanniens EU-Ausstieg nun das Aus für das Prestigeprojekt?

          Großbritanniens Ausstieg aus der Europäischen Union gefährdet eines der größten Kraftwerksprojekte der Welt. Beim geplanten Bau des Atomkraftwerks Hinkley C in Südengland ist der französische Staatskonzern EdF der Hauptinvestor.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Doch im Umfeld der Verhandlungen heißt es, der Brexit schaffe zusätzliche Hürden für das Projekt, das ohnehin schon mit großen Problemen belastet ist. Die Kosten für das Kraftwerk werden auf umgerechnet rund 22 Milliarden Euro geschätzt.

          Die Briten haben abgestimmt - hier geht es zu unserer Themenseite.

          „Ich zählte immer zu denen, die erwartet haben, dass Hinkley C gebaut wird. Jetzt habe ich zum ersten Mal diese Zuversicht verloren“, sagte ein Beteiligter gegenüber FAZ.NET. Das Problem sei: „Wenn die Investoren nach einem gesichtswahrenden Grund gesucht haben sollten, einen Rückzieher zu machen, dann hat der Brexit ihn diesen geliefert.“

          EdF zögert wegen der enormen Kosten seit Jahren mit einer endgültigen Investitionsentscheidung. Eigentlich sollte diese, nach mehreren Verschiebungen, im September getroffen werden. Dies gilt nach dem Brexit-Votum mittlerweile jedoch als unrealistisch.

          Die französische Regierung, die hinter EdF steht, bekundete bisher ihre Unterstützung für das Projekt. Doch der französische Finanzminister Michel Sapin sagte der BBC am Mittwochabend, die Umsetzung des Großprojekts werde durch das Votum der Briten für einen EU-Austritt „schwieriger”. „Wir müssen jetzt erst mal sehen, wo wir stehen”, fügte er hinzu. „Wir müssen unser Gleichgewicht zurückgewinnen. Der Brexit hat hohe Wellen geschlagen.”

          Frankreich sieht das Projekt als Aushängeschild für das Exportgeschäft.  Der französische Wirtschaftsminister Emmanuel Macron sagte in dieser Woche, der Brexit habe „keine Auswirkungen“. Französische Gewerkschafter forderten dagegen, wegen der zusätzlichen politischen Risiken, jetzt keine finale Entscheidung für Hinkley C zu treffen.

          Auch im Unternehmen EdF intern ist  das Atomkraftwerk in der englischen Grafschaft Somerset umstritten. Im März trat Finanzvorstand Thomas Piquemal zurück, weil ihm das Investitionsvorhaben zu riskant erschien. Ende April gewährte der französische Staat EdF eine Kapitalspritze von 5 Milliarden Pfund, denn: Frankreich brauche das Prestigeprojekt in Großbritannien um bei anderen Ausschreibungen in Ländern wie Indien, Südafrika und Polen eine Chance zu haben, argumentiert die Regierung in Paris.

          Bei Hinkley C soll die neuartige Reaktortechnik EPR-3 zum Einsatz kommen. Während des Baus von zwei anderen Kraftwerken auf Basis dieser Technik in Frankreich und Finnland kämpft EdF mit großen technischen Problemen.

          Auch die chinesischen Co-Investoren in Hinkley C blicken nach dem Brexit-Votum der vergangenen Woche offenbar mit Sorge nach Großbritannien. „Die Chinesen haben Bedenken, ob der Brexit die Finanzierung erschweren wird“, heißt es. EdF soll fast zwei Drittel der Kosten stemmen, während der chinesische Staatskonzern CGN einsteht. Die Chinesen sehen das Kraftwerk in Großbritannien als Chance, längerfristig ihre eigene Nukleartechnik im Westen verkaufen zu können.

          „Niemand mag Unsicherheit“, heißt es nun mit Blick auf den Referendums-Entscheid der Briten. „Wenn das Projekt auf gutem Wege wäre, würde der Brexit ihm nichts anhaben können“, heißt es. „Aber tatsächlich könnte er nun den Ausschlag dafür geben, sich zurückzuziehen.“

          Es gibt eine ganze Reihe von Befürchtungen: Die Franzosen könnten versucht sein, Hinkley C fallen zu lassen, um die Briten politisch abzustrafen für den Brexit, heißt es im Umfeld der Verhandlungen. Allerdings würde Frankreich damit vermutlich auch die Marktchancen seiner EPR-3-Technik weiter beschädigen. Außerdem habe EdF bereits einen Milliardenbetrag in die Vorbereitung des Bauvorhabens investiert, der nach einem Rückzieher verloren wäre.

          „Verwandelt in eine Seifenoper“

          Der Brexit könnte auch die Baukosten weiter nach oben treiben: „Es würden voraussichtlich Tausende von Arbeitskräften aus dem Ausland benötigt und wichtige Komponenten für das Kraftwerk würden importiert“, heißt es. Doch nach dem EU-Austritt drohen schlimmstenfalls Einfuhrzölle und Großbritannien will den Zugang ausländischer Arbeitskräfte stärker reglementieren.

          Gefragt wird auch, wie handlungsfähig die britische Politik nach dem Brexit-Schock ist. „Die britische Politik hat sich in eine Seifenoper verwandelt“, heißt es im Umfeld der Verhandlungen. Der bisherige Premierminister David Cameron hat Hinkley C unterstützt. Aber Cameron tritt wegen des Referendums zurück. Wer ihm nachfolgt, ist offen. Wird der neue Regierungschef nach kostengünstigeren Alternativen zu dem teuren Atomkraft-Neubau Ausschau halten?

          Kritiker argumentieren seit Jahren, dass Hinkley C wegen hoher garantierter Stromabnahmepreise für die britischen Energieverbraucher viel zu teuer sei. Das Kraftwerk soll eigentlich ab Mitte des nächsten Jahrzehnts rund 7 Prozent des Stromverbrauchs auf der Insel decken. Doch Gaskraftwerke wären, zumindest im Bau viel billiger und unkomplizierter. Die  Regierung in London hat EdF einen langfristigen Garantiepreis gewährt, der mehr als doppelt so hoch ist wie der derzeitige Großhandelspreis für Strom.

          Weitere Themen

          Wird Guinness teurer? Video-Seite öffnen

          Irische Brauerei in Sorge : Wird Guinness teurer?

          Das Dunkelbier ist nicht nur in seiner Heimat Irland beliebt, sondern auch der Exportschlager der Insel. Abgefüllt wird das das Getränk allerdings in Nordirland, was zu Großbritannien gehört. Das könnte in Zukunft zum Problem werden.

          Topmeldungen

          Diesmal kommt die Kritik für SPD-Vorsitzende Andrea Nahles aus den eigenen Reihen: Die Europawahlliste sorgt für Aufregung.

          FAZ Plus Artikel: SPD und die Europawahl : Nach oben geschubst

          Die SPD-Liste für die Europawahl sorgt für Ärger, weil gewählte Kandidaten lediglich auf den hinteren Plätzen landen. Die Parteispitze steckt in einer Zwickmühle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.