In der deutschen Elektroindustrie sinken die Auftragseingänge weiter. Die neuesten Zahlen weisen für den April einen Auftragsrückgang um 40 Prozent und einen Produktionsrückgang um 30 Prozent jeweils gegenüber dem Vorjahresmonat aus. Die Tendenz der sinkenden Aufträge habe sich bis heute nicht geändert, sagte Friedhelm Loh, Präsident des ZVEI Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie. Er rechnet damit, dass sich die Lage auch in den Sommermonaten nicht verbessern wird.
Wegen der Werksferien vieler Abnehmerbranchen, darunter der Autoindustrie, sei mit einer Bodenbildung erst im September zu rechnen. Dann würden die Auftragseingänge erstmals die Höhe des Umsatzes erreichen oder gar übersteigen. In einer vom ZVEI und von der Deutschen Bank erstellten Branchenstudie gehen die Konjunkturexperten beider Institute davon aus, dass die Elektroindustrie in diesem Jahr mit einem Umsatzrückgang von 19 Prozent aus dem Jahr gehen wird. Einen solchen Einbruch hat es nach dem Zweiten Weltkrieg noch nie gegeben.
Einbruch bei Neuzulassungen
Die Deutsche Bank geht wie der Verband davon aus, dass sich die Auftragslage in der Elektroindustrie von September an zunächst langsam, aber schon im kommenden Jahr mit einem Umsatzplus von 6 Prozent deutlich verbessern wird. Der starke Fokus der Branche auf Investitionsgüter werde sie vom ersten Tag an am Aufschwung teilhaben lassen. Erst im kommenden Jahr werden sich nach den Worten von Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, auch einige Umfeldbedingungen wie die staatlichen Konjunkturprogramme, die niedrigeren Rohstoffpreise und die niedrigen Zinsen konjunkturstabilisierend auswirken. Zudem hofft er auf ein großes Energiesparprogramm der Vereinigten Staaten.
Umsatzdämpfend würden 2010 hingegen nur noch die Zweitrundeneffekte der Abwrackprämie wirken, die einen Einbruch bei Neuzulassungen von Personenwagen nach sich ziehen werde. Nach dem Jahr 2010 werde die Elektroindustrie auf ihren langjährigen Wachstumspfad von 3 Prozent im Jahr zurückkehren, sagte Philipp Ehmer, Branchenexperte bei der Bank. Walter fügte hinzu, dass er davon ausgehe, dass die deutsche Elektroindustrie 2014 das Tal durchschritten haben werde und den Produktionswert von 2008 wieder erreiche.
Kaum noch Warenkreditversicherungen
In jenem Jahr war die Elektroindustrie mit 827.000 Beschäftigten die zweitgrößte Branche Deutschlands nach dem Maschinenbau. Loh erwartet, dass in diesem Jahr zwischen 20.000 und 30.000 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz verlieren werden. Die Zahl der Kurzarbeiter habe im März bei 110.000 gelegen mit weiter steigender Tendenz.
Die Branche sei mit einer durchschnittlichen Eigenkapitalquote von 35 Prozent heute besser gerüstet als in früheren Branchenkrisen. Große Sorge bereite den Unternehmen aber die zunehmende Weigerung, Warenkredite zu versichern. „Ohne Warenkreditversicherung muss der Kunde in Vorkasse treten. Das kann er nicht, weil er keinen Kredit bekommt. Weil er keinen Kredit bekommt, verweigert die Versicherung die Risikoübernahme. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz“, beklagte Loh, der Inhaber der gleichnamigen Gruppe in Mittelhessen mit gut 2 Milliarden Euro Umsatz ist.
