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Branchen (99): Solarenergie Teuer erkaufter Erfolg

25.06.2007 ·  Die Solarindustrie boomt: Umsätze, Gewinne und Börsenkurse steigen, die Exportgeschäfte florieren. Aber noch ist dieser Erfolg teuer erkauft: Er basiert zum großen Teil auf Subventionen. Und die bremsen den Fortschritt.

Von Christian Geinitz
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Großer Bahnhof im kleinen Mochau. Das kalifornische Solarunternehmen Signet Solar hat in- und ausländische Prominenz zum ersten Spatenstich an seinem neuen europäischen Hauptsitz nach Sachsen geladen. In einem Jahr sollen hier die größten Photovoltaikmodule der Welt nach dem siliziumsparenden Dünnschichtverfahren hergestellt werden. Die Erfahrungen in Deutschland dienten dazu, die Produktion in anderen Werken „kosteneffizient zu replizieren“, sagt der deutsche Geschäftsführer Gunter Ziegenbalg. „Es gibt keinen schönen Strom, sondern nur billigen.“

Deutschland versteht sich seit vielen Jahren als Weltmarktführer in der Solarindustrie. Nach Angaben des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW-Solar) steht hier die höchste Dichte an „Solarfabriken“. Ihre Zahl habe sich in den vergangenen drei Jahren verdoppelt, die Produktion verfünffacht. Allein 2007/2008 kämen 15 neue Fertigungsstätten hinzu. 2006 flossen rund 100 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung, alle Investitionen zusammen bringen es auf rund eine Milliarde Euro im Jahr.

Feste Einspeisevergütung garantiert

Die Hälfte davon kommt der vorübergehenden Siliziumknappheit wegen den neuen Dünnschichttechniken wie in Mochau zugute. Die deutsche Zellproduktion stieg 2006 um 50 Prozent, der Wettbewerber Japan schaffte nur 10 Prozent. Fertigen tut die Konkurrenz ohnehin mit deutschem Wissen und deutscher Technik: Jede zweite Maschine oder Anlage stammt von einem hiesigen Hersteller.

Die Sonne lässt sich auf zweierlei Arten energetisch nutzen, als Wärme- und als Stromlieferant. In der Bedeutung übertrifft die Photovoltaik klar die Solarthermie. Seit 1998 hat sich der Umsatz mit Sonnenwärme um 450 Prozent erhöht, von 200 Millionen auf 1,2 Milliarden Euro. Beim Solarstrom fiel der Anstieg zehn Mal so stark aus, von 80 Millionen auf 3,7 Milliarden Euro. Der Grund dafür war 2004 die Einbeziehung der Photovoltaik (PV) in das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das Stromerzeugern eine feste Einspeisevergütung garantiert. Schon im Jahr des Inkrafttretens verdreifachte sich der PV-Umsatz, seitdem steigt er um mindestens 20 Prozent im Jahr.

China wird 2007 an Deutschland vorbeiziehen

Aus einer Umlage, die jeder Stromkunde mitträgt, zahlt das EEG Solarstromerzeugern einen festen Abnahmepreis, der deutlich über dem für herkömmlichen Strom liegt. Für Betreiber, die noch 2007 ans Netz gehen, beträgt die Einspeisevergütung 20 Jahre lang 49 Eurocent je Kilowattstunde, fast zehn Mal soviel wie für verstromte Braunkohle. Dadurch sind die Investitionen berechenbar und lohnen sich für den Betreiber und für seine Lieferanten. Wurden im Jahr 2000 Anlagen mit einer Leistung von nur 44 Megawatt installiert, so erreicht der Zubau heute 750 MW. Zu Jahresbeginn waren hierzulande etwa 300.000 Solaranlagen mit einer Gesamtleistung von 2,5 Gigawatt installiert.

Der galoppierende Bedarf schlägt sich an den Finanzmärkten nieder, wo die Unternehmen kaum Schwierigkeiten der Geldbeschaffung haben. Die Beratungsgesellschaft Ernst & Young rechnet vor, dass sich das Finanzierungsvolumen in diesem Jahr auf 1,2 Milliarden Euro verdreifachen wird. Die Investoren setzen vor allem auf das Ausland. Seit 2004 ist dort der Umsatz der Deutschen von 191 Millionen auf 1 Milliarde Euro gestiegen, die Exportquote der Produzenten nahm von 14 auf 34 Prozent zu. Freilich gibt es auch Rückschläge. Der Solar-Verlag weist darauf hin, dass Deutschland mehr Solarmodule einführe als exportiere. In der Zellenherstellung liege Japan vor Deutschland, China werde wohl 2007 vorbeiziehen.

„An der Solarenergie führt kein Weg vorbei“

Im Ausland wächst der Absatz dort besonders stark, wo man das EEG kopiert hat. In etwa 20 Ländern wird die Photovoltaik in ähnlicher Weise gefördert wie in Deutschland, selbst in einigen Regionen des Riesenmarktes China. Allein in Spanien hat sich die Solarstromleistung 2006 auf 60 Megawatt vervierfacht. Das Schweizer Bankhaus Sarasin und Roland Berger Strategy Consultant erwarten ein fortgesetztes Wachstum des Weltmarktes um 20 Prozent im Jahr. Der europäische PV-Verband EPIA erwartet einen Umsatzanstieg von heute 7 Milliarden Euro auf rund 200 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030.

Die Diskussion um den Klimawandel spielt der Solarwirtschaft in die Hände. Wenn auch das Bekenntnis in Heiligendamm deutlicher hätte ausfallen müssen, sei das Gipfeltreffen der G8 doch ein wichtiges Signal gewesen, sagt BSW-Geschäftsführer Carsten Körnig. „Wenn man die Endlichkeit und Schädlichkeit der fossilen Energieträger anerkennt, führt an der Solarenergie kein Weg vorbei.“ Der Bau von 40 neuen Kohle- oder Gaskraftwerken in Deutschland sei ebenso kontraproduktiv wie der Versuch, den Atomausstieg zu revidieren. „Der Energiegipfel am 3. Juli muss sich klar für den Vorrang der erneuerbaren Energien aussprechen. Das liegt im Interesse des Klimaschutzes und der Versorgungssicherheit, und es ist wichtig für die Investitionssicherheit eines erfolgreichen Wirtschaftszweigs.“

„Solar kann einer der wichtigsten Wirtschaftszweige werden“

Dass dieser Erfolg vom Stromkunden teuer erkauft wird - Skeptiker sprechen von 150 Milliarden Euro über 23 Jahre, Körnig von 48 Milliarden Euro über die kommenden 33 Jahre - hält der BSW für gerechtfertigt. Die Förderung zahle sich aus und diene der „Chancengleichheit“: Die Steinkohle habe Subventionen von 250 Milliarden Euro erhalten, die Kernenergie immerhin 100 Milliarden. Die Einspeisevergütung schmelze jedes Jahr ab und zwinge die Industrie zu Fortschritt und Kostensenkung. In etwa 10 Jahren werde man die „Grid Parity“ erreichen, die Wettbewerbsfähigkeit zur herkömmlichen Stromerzeugung an der Steckdose - ohne Förderung. „Dann geht die Post richtig ab“, erwartet Körnig.

„Wenn wir unsere Markt- und Technologieführerschaft erhalten, kann die Solartechnik einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Deutschlands werden.“ Er rechnet bis 2020 mit 200.000 Beschäftigten und 20 Milliarden Euro Exporterlösen. Im Jahr 2050 könnte die Sonne ein Viertel des deutschen Strom- und ein Drittel des Wärmebedarfs decken; derzeit sind es beim Strom nicht einmal 3 Prozent. Die Photovoltaik vermeide dann jährlich 75 und die Solarthermie 43 Millionen Tonnen Kohlendioxid.

„In-Dach-Lösungen“ könnten rasant wachsen

Ausgerechnet in der Branche selbst regen sich Zweifel an diesem Szenario. Die Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS) und der Solar-Verlag monieren, dass die üppige Förderung dem Kostenbewusstsein und der Innovationsfreude schade. „Die Einspeisevergütung ist zu hoch, sie bremst den Fortschritt“, warnt DGS-Präsident Jan Kai Dobelmann. Die Märkte seien schneller gewachsen und daher die Herstellungskosten schneller gefallen als im EEG erwartet. Die Degression der Vergütung um lediglich 5 Prozent im Jahr spiegele das nicht ausreichend.

Auch Bernd Schüßler vom Solar-Verlag kritisiert, dass die Kosten seit 1999 um mehr als die Hälfte zurückgegangen seien, die Produzenten dies aber nicht als Preisnachlässe weitergegeben hätten. „Solaranlagen sind heute ungefähr so teuer wie 2004.“ Nach Dobelmanns Angaben dürfte ein Modul je Kilowatt Leistung eigentlich nur 3000 Euro kosten, nicht 4500 Euro wie derzeit. Rechne man das auf die Einspeisevergütung um, wären 37 statt 49 Cent ausreichend. „Der Verbraucher finanziert die Umsatzrenditen von bis zu 25 Prozent. Das ist schön für die Unternehmen. Es bringt aber nichts für den Klimaschutz, die Verbreitung der Photovoltaik und die Wettbewerbsfähigkeit.“

Die Zukunft der Branche hängt Dobelmann zufolge von neuen Produkten ab, die billigere Anbieter in Fernost nicht herstellen könnten. Zum Beispiel Solaranlagen, die - wie am neuen Berliner Hauptbahnhof - in Gebäuden integriert werden. Diese „In-Dach-Lösungen“ hätten nur 1 Prozent Marktanteil, könnten aber in Zusammenarbeit mit der führenden deutschen Gebäudetechnik rasant wachsen. „Bisher kümmert sich die Solarbranche kaum darum“, sagt Dobelmann. „Sie hat es schlichtweg nicht nötig.“

Quelle: F.A.Z., 25.06.2007, Nr. 144 / Seite 21
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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.

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