10.04.2007 · Lange schien es ruhig zu bleiben. Doch hinter den Kulissen bringen sich die Fluggesellschaften in Position. Die Konsolidierung unter den Airlines kommt dank des neuen Luftverkehrsabkommens zwischen der EU und Amerika in Bewegung.
Von Hans-Christoph NoackDie Konsolidierung ist schrittweise vor sich gegangen - und ohne viel Getöse. Als sich die französische Air France und die niederländische KLM im Jahr 2004 zusammenschlossen, rechneten viele Experten mit einer Konzentrationsbewegung Schlag auf Schlag. Stattdessen ist es wieder ruhiger geworden, selbst wenn der Erwerb der angeschlagenen schweizerischen Swiss durch die Lufthansa ein Jahr später noch einmal für Schlagzeilen gesorgt hatte.
Doch es kommt Dynamik in die Luftfahrtbranche. es ranken sich Spekulationen über die Zukunft von Iberia unter einem neuen Eigentümer. Die spanische Fluggesellschaft, die über die Partnerschaft mit British Airways unglücklich ist, wird immer wieder mit der Lufthansa in Verbindung gebracht. Diese hat direkte Gespräche bisher immer verneint. Stattdessen prüft der Finanzinvestor Texas Pacific Group (TPG) die Bücher von Iberia. Dem Aktienkurs der Fluggesellschaft bekommen die Spekulationen gut, der seit Mitte März um 30 Prozent gestiegen ist.
Bereinigung am deutschen Markt
Auf nationaler Ebene hat in Deutschland gerade Air Berlin mit der Übernahme der Charterfluggesellschaft LTU für Furore gesorgt. Damit hat sich Air Berlin seine zweite Position hinter der Lufthansa gesichert, nachdem Vorstandsvorsitzender Joachim Hunold erst im vorigen Jahr den Konkurrenten DBA übernommen hatte. Durch diese Akquisitionen ist Air Berlin zur viertgrößten Fluggesellschaft im Europaverkehr aufgestiegen - nach Lufthansa, Ryanair, Easy Jet.
Gleichzeitig zeichnet sich am deutschen Markt der Ferien- und Billigflieger eine Bereinigung ab: Air Berlin hat mit Condor, die zum Reisekonzern Thomas Cook gehört, eine Vereinbarung über Flüge mit gemeinsamen Flugnummern getroffen. Dies ist meist ein Indiz für ein engeres Zusammengehen zu einem späteren Zeitpunkt. Als wichtige Wettbewerber in diesem deutschen Marktsegment verbleiben nun noch Tuifly mit den früheren TUI-Fluggesellschaften Hapagfly und Hlx sowie Germanwings, die dem Einflussbereich des Lufthansa-Konzerns zuzurechnen ist.
„Open Sky“
Auch außerhalb der deutschen Grenzen kommt allmählich Bewegung in die Branche: Die chronisch malade Alitalia, bei der der italienische Staat noch mit 49,9 Prozent beteiligt ist und 40 Prozent an private Investoren abgeben will, wird unter anderem von einem Konsortium der Großbank Unicredit mit der russischen Fluggesellschaft Aeroflot umworben. Als weitere Interessent wird ebenfalls Texas Pacific Group genannt, während für die Lufthansa Vorstandsvorsitzender Wolfgang Mayrhuber abwehrend die Hände gehoben hat. Um British Midland als ärgsten Rivalen von British Airways ranken sich seit Tagen Spekulationen.
Es wird kolportiert, dass British Airways (BA) der Lufthansa ihren Anteil an dem Star-Alliance-Partner British Midland abkaufen will. British Midland gilt als einer der größten Nutznießer des Open-Sky-Abkommens, da sie 12 Prozent der wertvollen Start- und Landerechte auf dem Londoner Flughafen Heathrow besitzt. Diese könnte sie verkaufen oder tauschen. Ob dies schon alles Vorbereitungen auf das neue Luftverkehrsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten unter dem Schlagwort „Open Sky“ sind, wird sich zeigen.
Amerikanische Fluglinien können freier wählen
Sicher dagegen ist, dass die größere wettbewerbliche Freiheit am Himmel über dem Nordatlantik verkrustete Strukturen aufbrechen kann. Am 23. März haben die Verkehrsminister der Europäischen Union das Luftverkehrsabkommen mit den Vereinigten Staaten angenommen. Vom 30. März des kommenden Jahres an dürfte es somit erheblich mehr Wettbewerb auf dem transatlantischen Luftverkehrsmarkt geben. Europäische Fluggesellschaften können damit künftig aus jedem Mitgliedsland der EU in die Vereinigten Staaten fliegen und Weiterflüge in andere Länder, etwa nach Kanada oder Südamerika, anbieten.
Im Gegenzug können amerikanische Fluglinien ihre Zielflughäfen in Europa freier wählen. Die bisherigen bilateralen Vereinbarungen der europäischen Staaten den Vereinigten Staaten für ohnehin knappe Start- und Landerechte (Slots) werden damit hinfällig. Das bedeutet geringere Markteintrittsschranken für Fluggesellschaften.
Damit würden sich die Rahmenbedingungen für Passagiere und Luftfahrtunternehmen erheblich verbessern, sagte EU-Verkehrskommissar Jacques Barrot anlässlich der Unterzeichnung. Er erwartet, dass fünf Jahre nach der Marktöffnung die Zahl der Flugpassagiere zwischen der EU und Amerika auf 75 Millionen Personen steigen könnte. Heute sind es knapp 50 Millionen. Angesichts des zunehmenden Wettbewerbs könnten die Verbraucher mit mehr Anbietern und damit günstigeren Preisen rechnen, sagte Barrot. Nach Berechnungen der Kommission werde das Abkommen in fünf Jahren die Kosten der Fluggesellschaften um bis zu 12 Milliarden Euro senken. Im gleichen Zeitraum könnte die Marktöffnung auf beiden Seiten des Atlantiks zu insgesamt rund 80.000 neuen Arbeitsplätzen führen.
Strukturen wurden verbessert
Dass das Abkommen, das nicht alle Wünsche der starken europäischen Fluggesellschaften Air France/KLM, Lufthansa oder British Airways erfüllt, nun doch nach jahrelangen Verhandlungen beschlossen wurde, liegt auch an der verbesserten Wettbewerbsposition der amerikanischen Fluglinien. Bis auf American Airlines haben sich alle in den vergangenen Jahren unter den Gläubigerschutz (Chapter 11) nach nordamerikanischem Recht geflüchtet, um sich zu sanieren. Heute befindet sich noch Delta Air Lines unter Gläubigerschutz. Sie will diesen aber Ende April verlassen.
Die meisten Fluglinien haben in diesem Verfahren ihre Strukturen verbessert, Kosten gesenkt und drückende Pensionsverpflichtungen an halbstaatliche Stellen abgegeben - also quasi vergesellschaftet. Die Konsequenz: American Airlines hat aus einem Verlust von 875 Millionen Dollar im Jahr 2005 einen Gewinn von 231 Millionen Dollar im vergangenen Jahr gemacht. Auch United Airlines und Continental sind wieder in die Gewinnzone zurückgekehrt. Die Folgen für die Weltluftfahrtbranche lassen sich an der Schätzung des Dachverbandes der Fluggesellschaften - International Air Transport Association (IATA) - ablesen. Statt eines Verlustes aller 285 Mitgliedsgesellschaften von mehr als drei Milliarden Dollar im Jahr 2005 werden für das abgelaufene Jahr nur noch eine halbe Milliarde Dollar Verlust erwartet.
Trotz der subventionierten Wiederauferstehung ist mit transatlantischen Fusionen zwischen europäischen und amerikanischen Fluggesellschaften nicht zu so schnell zu rechnen. Schließlich dürfen sich europäische Gesellschaften an amerikanischen nur bis zu knapp 25 Prozent beteiligen. Allerdings gehen Experten davon aus, dass sich hinter diesem Schutzzaun vor ausländischen Übernahmen der amerikanische Markt konsolidieren wird. Gedankenspiele gibt es viele. Einige Übernahmeversuche wie der von US Airways bei Delta sind aber auch schon gescheitert.
Eine neue Herausforderung
Mit Sorge sehen vor allem Fluggesellschaften in Europa auf die Entwicklung in den Anrainerstaaten am Arabischen Golf. Vor allem die Fluglinie Emirates aus Dubai hat ein Tempo im Flottenaufbau und in der Flughafeninfrastruktur vorgelegt, dass auf den Fluren der großen europäischen Fluggesellschaften das Wort von der „arabischen Herausforderung“ umgeht. Denn Dubai hat als strategisches Ziel, an der Nahtstelle zwischen den großen Flugmärkten im Westen und den schnell wachsenden im Osten an die Verkehrsströme von Asien nach Amerika oder Europa angeschlossen zu werden.
Emirates, schätzen Fachleute, könnten vom prognostizierten Verkehrszuwachs im internationalen Flugverkehr am meisten profitieren. Da kündigt sich eine neue Herausforderung für die etablierten Fluggesellschaften an.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,30 $ | −0,51% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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