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Branchen (82): Energie Die Vertreibung aus dem Paradies

19.02.2007 ·  Der Wettbewerb läuft zäh an: In Deutschland gibt es nur wenige Anbieter auf dem Gasmarkt. Konkurrenten - meist lokal aufgestellte Stadtwerke - tun sich schwer, in neue Regionen vorzustoßen. Die Gaswirtschaft rüstet sich nun für härtere Zeiten.

Von Werner Sturbeck
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Erdgas genießt als Heizenergie in Deutschland seit langem hohes Ansehen. Aber mit den stark gestiegenen Preisen seit Anfang 2005 nimmt die Euphorie ab. Denn in weniger als zwei Jahren hat sich Erdgas um rund 30 Prozent verteuert. Zu Tausenden kürzten Kunden eigenhändig ihre Rechnungen, um diese gerichtlich überprüfen zu lassen. Auch Bundesregierung und EU-Kommission sind über die geringen Fortschritte in der Liberalisierung verärgert. So begann die Politik vor zwei Jahren mit Nachdruck, die deutsche Gaswirtschaft aus ihrem Paradies zu vertreiben.

Der Gasmarkt kennt zwar nicht die Absatzmonopole der Strombranche, die bis zur Marktöffnung im Jahr 1998 per Gesetz gesichert waren. Aber die etablierten Gasunternehmen haben sich früh durch die vom Staat anerkannten Gebietsverträge untereinander vor unliebsamen Wettbewerb geschützt.

Verfügungen und Gerichtsprozesse gegen Marktführer

Das ging gut, bis der Chemieriese BASF aus Ärger über die hohen deutschen Preise mit dem russischen Produzenten Gasprom eine Import- und Vertriebsgesellschaft gründete. Die Wingas hat sich mit Milliarden-Investitionen seit Anfang der neunziger Jahre einen Marktanteil von fast 15 Prozent erkämpft. Aber ansonsten ist in Sachen Wettbewerb wenig geschehen.

Erst mit politischem Druck hat sich 2006 einiges geändert, was in den vorangegangenen sieben Jahren nicht geschehen war. Das Bundeskartellamt brach durch Verfügungen und Gerichtsprozesse gegen Marktführer Eon Ruhrgas das Vertragssystem exklusiver und langfristiger Lieferverträge auf. Die Bundesnetzagentur (BNA) kürzte zum Teil drastisch die Entgelte für Gastransporte durch fremde Netze.

Gas ist ein homogenes Gut

Die der deutschen Kleinstaaterei des neunzehnten Jahrhunderts nachempfundenen Versorgungsgebiete wurden zunächst zu 19 Marktgebieten zusammengefasst, wie die BNA auch das Vertragswerk für Durchleitungen durch mehrere Netze erheblich vereinfachte. Eine für mehr Wettbewerb besonders wichtige Neuerung wurde in Sachen Qualitätsunterschiede angeordnet. Nun gibt es nur noch zwei Kategorien, das L-Gas mit geringerem Brennwert und das H-Gas mit hohem Brennwert.

In diesen beiden Netzen ist Gas ein homogenes Gut. Das gilt auch für das neuerdings immer mehr produzierte Biogas, sofern es die jeweiligen Energiewerte enthält. Wie seit Beginn der Liberalisierung bei Strom üblich, kann nun auch ein Gasverbraucher an beliebiger Stelle Gas abnehmen, während dessen Lieferant anderswo für Nachschub sorgen muss. Das ist wichtig für die in von der Leipziger Strombörse vorbereitet Gasbörse, die spätestens am 1. Oktober starten soll.

Garant für starkes Wachstum

Zu solchen - teils vom Staat veranlassten, teils unter dem Druck der kritischen Öffentlichkeit - von den Gasgesellschaften selbst zugestandenen Neuerungen passt die aktuelle Welle von Preissenkungen. Aber die Verbraucher dürfen sich nicht täuschen lassen. Denn es handelt sich hier nur begrenzt um Schritte zu einem Wettbewerbsmarkt. Zwar hat zum Beispiel die Ruhrgas erstmals sinkende Importpreise sofort an die weiterverteilenden Gasgesellschaften durchgereicht. Auch gekürzte Netznutzungsentgelte spielen eine Rolle. Am stärksten wirken sich die im Gefolge sinkender Erdölpreise nachgebenden Produzentenpreise aus.

Das ist Folge der Erdölpreisbindung: Seit Jahrzehnten folgt der Gaseinzelhandelspreis mit mehrmonatiger Verzögerung dem Ölpreis. Diese Preisbindung war für lange ein Garant für starkes Wachstum und hohe Erträge. Durch die mit den Gasproduzenten vereinbarte Ölpreisbindung konnte der Gaspreis so kalkuliert werden, dass mit ihm das in den siebziger und achtziger Jahren im Wärmemarkt noch dominante Heizöl zurückgedrängt wurde. Seit 1992 hat der Anteil von Erdgasheizungen in den privaten Haushalten von knapp 14 Prozent auf 48 Prozent zugelegt.

Mehr als die Hälfte in den Wärmemarkt

Dadurch baut Erdgas seinen Anteil am deutschen Primärenergieverbrauch kontinuierlich aus. Mit inzwischen gut 23 Prozent rangiert es als bedeutender Energieträger hinter Öl (40 Prozent) und vor Steinkohle (13 Prozent). Von den pro Jahr verbrauchten rund 1000 Milliarden Kilowattstunden Erdgas geht mehr als die Hälfte in den Wärmemarkt. In der Stromerzeugung dagegen wird Erdgas mit 11 Prozent Anteil im europäischen Vergleich noch recht gering genutzt.

Aber das wird sich ändern. In der jüngsten Erhebung des Stromverbandes VDEW zu den geplanten oder in Bau befindlichen Kraftwerken mit einer addierten Kapazität konventioneller Anlagen von mehr als 31.000 Megawatt - knapp ein Viertel des bestehenden Kraftwerkparks - entfallen mehr als 10.000 Megawatt auf Erdgas. Mit dem 2006 begonnenen Preisauftrieb schien es fraglich, ob von den geplanten Bauten tatsächlich noch viel realisiert werden würde.

Transport mit Tankern

In jüngerer Zeit freilich schlägt der Pendel wieder um. Der von der Kommission und dem Bundesumweltministerium verschärfte Kurs zum Abbau der Kohlendioxidemissionen könnte insbesondere die für die deutsche Stromerzeugung wichtigen Braunkohlenkraftwerke erheblich benachteiligt werden und den Bau weiterer Gaskraftwerke beflügeln. Wenn damit der Erdgasverbrauch erheblich steigen wird, dürften auch neue, wettbewerbsfördernde Lieferbeziehungen entstehen. Denn hinter 40 Prozent der Neubauprojekte stehen Unternehmen, die neu in den deutschen Strommarkt eintreten oder zurückkehren wollen.

Eines davon ist die Aachener Trianel, die für fast 60 Stadtwerke arbeitet. Sie hat bereits ein großes Gaskraftwerk gebaut. Mit dem Versuch, selbst Erdgas in Norwegen einzukaufen, ist sie bisher daran gescheitert, dass ihr an den Anlandepunkten in Norddeutschland keine Leitungskapazität zur Verfügung gestellt wird. Zu den anstehenden Neuerungen der Branche gehört auch der Einstieg in das international seit Jahren stark wachsende Geschäft mit verflüssigtem Erdgas. Durch den Transport mit Tankern können die Importeure zumindest in begrenztem Umfang ihre Abhängigkeit von den wenigen Produzenten verringern, an die sie durch Pipelinegas eng gebunden sind.

Wechselbereitschaft niedrig wie beim Stromkauf?

Durch den Druck zu mehr Wettbewerb stehen der Branche spannende Zeiten ins Haus. Vor allem die Unternehmen warten darauf, dass sie sich endlich nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Realität unter verschiedenen Anbietern den für sie vorteilhaftesten aussuchen können. Abzuwarten bleibt die Entwicklung im Bereich der privaten Haushalte. Die haben zwar seit vergangenem Oktober Wahlfreiheit. Doch es gibt kaum Angebote.

Unklar ist ebenso, ob die Wechselbereitschaft so niedrig wie beim Stromkauf sein wird. Zwar schmerzen die Heizkosten stärker als die für Strom. Die Preisunterschiede in den 670 Einzelhandelsunternehmen sind immens. Aber niedrige Kampfpreise wie in den ersten Jahren der Strommarktöffnung sind nicht zu erwarten.

Abhängigkeit von Gasimporten bremsen

Aus den höchsten Preisen kann man nicht automatisch auf die üppigsten Margen schließen. Das kann auch mit hohen Konzessionsabgaben an die Kommunen oder Netzkosten in weniger dicht besiedelten Gebieten zusammenhängen. Selbst wenn die führenden Versorgungskonzerne Eon und RWE mit eigenen Angeboten ihren Beteiligungsunternehmen und weiterverteilenden Kunden Konkurrenz machen werden, lassen die Handelsmargen keine größeren Preissenkungen erhoffen. Denn mit den anziehenden Importpreisen haben sich die Gewinnanteile zunehmend zu den Produzenten verlagert.

Die wohl schwierigsten Herausforderungen der Gaswirtschaft liegen in den widersprüchlichen Zielen der Politik. Brüssel und Berlin wollen die Macht der etablierten Gasriesen schleifen. Sie drängen auf kürzere Vertragslaufzeiten bei langfristiger Versorgungssicherheit. Sie wollen die Umweltbelastungen durch den Energieverbrauch verringern und die wachsende Abhängigkeit von Gasimporten bremsen. Da passt einiges nicht zusammen.

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Jahrgang 1949, Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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