08.01.2007 · In Deutschland entstehen endlich wieder Arbeitsplätze. Ausgrechnet die einst ungeliebte Zeitarbeit hat daran einen wesentlichen Anteil: Ob Bandarbeiter oder Ingenieur - alles ist gefragt.
Von Sven AstheimerNoch nie genoss die Zeitarbeit in Deutschland so viel Aufmerksamkeit wie derzeit. Der medienwirksamste Coup der jüngeren Vergangenheit gelang dem Schweizer Personaldienstleister Adecco, als im vergangenen Oktober der ehemalige Superminister Wolfgang Clement den Vorsitz des neu gegründeten und firmeneigenen Forschungsinstituts in London übernahm. Unter der Führung des SPD-Politikers soll dieser "Think Tank" Lösungen für die Probleme der Arbeitswelt von morgen erarbeiten - in der die Zeitarbeit, so darf vermutet werden, eine zentrale Rolle spielen wird. Zur Inthronisierung von Clement lud Adecco eigens nach Frankfurt ein. Außerdem ließ sich Klaus Jacobs, der charismatische Adecco-Chairman, die Umbenennung der Bremer Hochschule in "Jacobs University" 200 Millionen Euro kosten.
Adecco, der weltgrößte Zeitarbeitskonzern, poliert derzeit sein Image auf wie kein anderer Wettbewerber. Das Unternehmen sucht mit großem Aufwand nach Antworten auf die Fragen, die sich mit dem demographischen Wandel einer alternden Arbeitsbevölkerung und mit dem Verlangen nach lebenslangem Lernen stellen. Durch den erhofften Kompetenzvorsprung will Adecco vor den klassischen Beratungsgesellschaften zum ersten Ansprechpartner werden.
Volle Auftragsbücher für das erste Quartal
Doch das sind Investitionen in eine mittelfristige Zukunft. In der Gegenwart leben die Zeitarbeitsunternehmen von der klassischen Arbeitnehmerüberlassung - und das sehr gut. Der Gesamtmarkt wuchs im Jahr 2005 laut den Marktforschern von Lünendonk um 16 Prozent, die Branchengrößen legten sogar um mehr als 20 Prozent beim Umsatz zu. Die Zeitarbeit ist der Jobmotor in Deutschland. Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, stellt fest, dass "die Hälfte aller neuen Arbeitsplätze derzeit in der Zeitarbeit" entstehen. Allein Adecco schuf 2006 nach eigenen Angaben 10.000 Stellen.
Ein Ende des Höhenfluges ist mittelfristig nicht in Sicht. Im Gegenteil. "Die Auftragsbücher für das erste Quartal 2007 sind voll", meldet ein hocherfreuter Thomas Reitz, Geschäftsführer von Manpower-Deutschland. Die ersten drei Monate gelten als wichtiger Indikator für den Verlauf des Gesamtjahres. Die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften kann derzeit kaum noch bewältigt werden. Allein die drei größten Anbieter - Randstad, Adecco und Manpower - melden derzeit zusammen 13.000 unbesetzte Stellen. Gesucht wird fast alles: vom Ingenieur in fast allen erdenklichen Fachrichtungen über den Chemiefacharbeiter bis hin zu Lokführern, Krankenschwestern und Lastwagenfahrern. Die Aussichten bleiben angesichts eines prognostizierten Wirtschaftswachstums von rund 2 Prozent für das laufende Jahr gut. Traditionell galt die Zeitarbeit als Frühindikator für eine anziehende Konjunktur und steigende Nachfrage am Arbeitsmarkt. Je länger der Aufschwung anhielt, desto eher waren Unternehmen geneigt, die Stellen auf Zeit in feste Arbeitsplätze umzuwandeln - auf Kosten der Zeitarbeit. Doch diese Faustregel büßt derzeit an Geltungskraft ein. Der globale Wettbewerb, in dem die meisten Zeitarbeitskunden vor allem des produzierenden und verarbeitenden Gewerbes stehen, verlangt nach flexiblen Personalstrukturen.
Widerstand der Personalabteilungen gebrochen
Laut einer Umfrage im Auftrag des Personaldienstleisters I. K. Hofmann ist das Personal-Leasing mittlerweile zu einem festen Bestandteil der langfristigen Personalplanung geworden. Eckard Gatzke, Geschäftsführer von Randstad Deutschland, bestätigt dies. "Mittelständische Betriebe, aber auch große Konzerne ergänzen ihren Stamm an festangestellten Mitarbeitern um einen flexiblen Pool an Zeitarbeitskräften zur Deckung zusätzlichen Bedarfs bei Auftragsspitzen und Projekten."
Während in anderen europäischen Ländern die Zeitarbeit häufig eine längere Tradition und damit in der Regel auch einen entsprechend hohen Anteil an der Beschäftigung hat - Spitzenreiter ist Großbritannien mit 5 Prozent -, dürfte der Vergleichswert für Deutschland gerade mal bei etwas mehr als 1 Prozent liegen. Ein Grund dafür ist die starke gesetzliche Reglementierung der Branche bis in die neunziger Jahre hinein. Wegen dieses vermuteten Potentials galt Deutschland neben Italien als hoffnungsvollster Wachstumsmarkt unter den alten Industrieländern.
Der Markt ist übersichtlich
Außerdem ist der Markt unübersichtlich. Die 15 größten Anbieter vereinen etwa 40 Prozent des Branchenumsatzes auf sich. Den Rest teilen sich rund 5.000 kleinere Unternehmen. Sogar dreimal so hoch ist die Zahl der für das Geschäft notwendigen Verleihkonzessionen, die die Bundesagentur für Arbeit vergeben hat. Für Marktbeobachter war es also nur eine Frage der Zeit, wann eine Konsolidierung größeren Ausmaßes den deutschen Markt erfassen würde.
Das Jahr 2006 begann gleich mit zwei spektakulären Akquisitionen. Zunächst ließ sich Adecco die Übernahme des Düsseldorfer Fachkräfteanbieters DIS AG 650 Millionen Euro kosten. Einen Tag später griff Randstad für die Bremer Bindan-Gruppe tief in die Tasche. Dabei ging es vor allem um das Tochterunternehmen Teccon, welches auf Ingenieurdienstleistungen spezialisiert ist.
Niederländer haben die Nase vorne
Kein Wunder also, dass der hiesige Zeitarbeitsmarkt auch in den Fokus von ausländischen Finanzinvestoren gerückt ist. Die Beteiligungsgesellschaft Odewald & Companies machte Kasse und verkaufte die Ingolstädter Tuja Holding, bis dahin die Nummer sechs am Markt, mitsamt ihren 8.500 Mitarbeitern an die Barclay Group. Sogar im Nahen Osten glaubt man an die Wachstumsstory der deutschen Zeitarbeit. Der Finanzinvestor Investcorp aus dem Königreich Bahrein griff bei der Nürnberger Zeitarbeitsfirma Time-Partner zu. Der Kaufpreis für die Gruppe mit ihren rund 5.500 Beschäftigten wird auf etwa 250 Millionen Euro geschätzt.
Auch in den Niederlanden, wo Zeitarbeit eine viel längere Tradition hat und der Markt nicht mehr viel Potential bietet, hat man längst ein Auge auf deutsche Unternehmen geworfen. Im November erwarb das auf Dienstleistungen im Reinigungsgewerbe und Facility-Management spezialisierte Unternehmen Vebego den hiesigen Anbieter Management 2000 in Köln. Und die niederländische Olympia-Gruppe arbeitet derzeit an der Fusion mit der Düsseldorfer Allbecon. Die Hauptversammlung der Allbecon-Aktionäre hat dem Zusammengehen bereits zugestimmt. Allerdings sind derzeit noch mehr als ein Dutzend Klagen anhängig. Eventuell kann der Vorstand aber noch im ersten Halbjahr dieses Jahres Vollzug melden. Von dem neuen Auftritt unter dem Dach der Allbecon Olympia AG erhoffen sich die Düsseldorfer strategische Vorteile. "Die Niederländer haben eine große Erfahrung und einen daraus resultierenden Know-how-Vorteil", sagt Allbecon-Finanzvorstand Paul Nasada. Olympia wachse organisch, und das vor allem dank eines erfolgreichen Franchise-Modells. Dadurch könne das Unternehmen auf eigene Finanzierung weitgehend verzichten und die vor allem in Südeuropa stark vertretene Allbecon international enormes Wachstumspotential heben.
Finanzinvestoren mit großem Interesse
Die Anlageberater suchen derzeit nach weiteren attraktiven Übernahmezielen in der Branche. Denn die Aussichten auf zweistellige Wachstumsraten scheinen auch in den kommenden Jahren gut. Eine Umfrage von Lünendonk unter Vertretern der Zeitarbeit, unter Wissenschaftlern und der Private-Equity-Branche im vergangenen Jahr ergab, dass das Marktvolumen in Deutschland in den kommenden zehn Jahren stetig steigen wird. Auch gehen die Experten davon aus, dass sich mehr und mehr ein gesamteuropäischer Markt herausbilden wird. Die Goldgräberstimmung in der Zeitarbeit dürfte also anhalten. Und für den Fall, dass der deutsche Markt einmal gesättigt sein sollte, ist mit Osteuropa schon die nächste Wachstumsquelle ausgemacht.
Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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