03.12.2006 · Das Übernahmetempo in der Branche dürfte sich verschärfen. Die Aktien der Unternehmen notieren so hoch wie lange nicht - und sind deshalb eine attraktive „Tauschwährung“ für Zusammenschlüsse.
Von Christoph Hein, SingapurDie Minenkonzerne der Welt blicken auf eines der erfolgreichsten Jahre ihrer Geschichte. Doch die Zeiten werden härter für die Rohstoffriesen. Denn die Geldflut weckt Begehrlichkeiten. Aktionäre, Abnehmer und Arbeitskräfte fordern ihren Teil vom Kuchen. Zugleich steigen die Kosten: Das Erschließen neuer Lagestätten wird immer teurer. Der Umweltschutz fordert seinen Preis. Maschinen und Ersatzteile werden Mangelware.
„Die Unternehmen sind anfällig für die Inflation der operativen Kosten, Kurssteigerungen und eine Verknappung von Materialien und Arbeit“, warnt Alex Herbert, der die Branche für die Ratingagentur Standard & Poor's bewertet. Sein Kollege Reginaldo Takara wird mit Blick auf Lateinamerika noch deutlicher: „Die Industrie sorgt sich vor allem um Lieferengpässe durch Streiks oder andere operative Probleme.“
Lieferschwierigkeiten bei Maschinen
Monica Bonar, Branchenanalystin bei Fitch Ratings, erwartet, daß die Rohstoffpreise, obwohl sich der Anstieg verlangsamt, auf historisch betrachtet hohem Niveau bleiben werden: „Risiken für die Unternehmensgewinne bilden qualitativ schlechte Erzqualitäten, hohe Energiekosten, Lieferschwierigkeiten bei Maschinen und Ausrüstungsgegenständen und wachsende Behinderung der Produktion durch Regierungen und zivile Widerstandsgruppen.“ In diesem Jahr zogen die Preise für Eisenerz um 19 Prozent an. 2005 lag der Anstieg bei 71,5 Prozent.
Am augenfälligsten wurde der wachsende Druck auf das Management bei den Arbeiterprotesten in der Mine Escondida in Chile. Die Demonstranten forderten eine Gehaltssteigerung von 13 Prozent und einige Boni. Die größte Kupfermine der Erde ist mehrheitlich im Besitz von BHP Billiton, dem größten Bergbaukonzern der Welt, und seinem Konkurrenten Rio Tinto, der 30 Prozent hält. Die Manager boten ihren Arbeitern 3 Prozent Lohnzuwachs. Daraufhin blockierten die Arbeiter die Mine tagelang. Und BHP sieht sich zudem mit medienwirksamen Auftritten von Hollywood-Stars konfrontiert. Pierce Brosnan, Barbara Streisand, Halle Berry und Olivia Newton-John demonstrieren gegen eine Gas-Verladeanlage, die der Konzern für rund 5 Milliarden Dollar vor der Küste Malibus bauen will.
Zweistelligen Zuwächse der Unternehmensgewinne
Barometer für die Hausse der Branche ist der Stahlmarkt, für den Eisenerz und Koks gebraucht werden: Während die Produktion zwischen 1985 und 2000 im Jahresdurchschnitt um 7 Prozent zulegte, stieg sie zwischen 2000 und 2005 um 22 Prozent jährlich, berichtet Neil J. Bristow, Chefanalyst von BHP. Noch im Jahr 2002 machten die Australier in China einen Umsatz von gerade einmal 370 Millionen Dollar. In nur vier Jahren hat er sich 2006 auf mehr als 6,6 Milliarden Dollar vervielfacht. Um die Zukunft ist Bristow nicht bange: „Das Jahr 2006 verlief wesentlich besser als vorhergesagt. Und China wird weiter wachsen, mit positiven Auswirkungen auf die Nachfrage nach Bodenschätzen.“
Allerdings sind angesichts der zweistelligen Zuwächse der Unternehmensgewinne längst auch die Käufer hellhörig geworden. „Chinas Nachfrage wird der entscheidende Faktor für die weltweite Situation von Angebot und Nachfrage im nächsten Jahr werden“, sagte Xiong Bilin gerade mit Blick auf die in diesen Tagen beginnenden Liefer- und Preisverhandlungen für Eisenerz. Dabei treffen etwa Chinas führender Stahlproduzent, die Baosteel Group, und die größten Erzlieferanten, die australische BHP, Rio Tinto, und die brasilianische Companhia Vale do Rio Doce (CVRD) aufeinander.
Chinas Wirtschaftswachstum bei 11 Prozent
Das Trio steht für mehr als 70 Prozent der weltweiten Eisenerzexporte. Xiong, Vertreter der chinesischen Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission, wollte seinen Satz durchaus als Drohung verstanden wissen. Denn überzogene Preise schlagen direkt auf Chinas Produktionskosten für die wichtigsten Zweige der Industrie durch. „Insgesamt bewegen sich die Preise nach unten“, fügte Xiong deshalb an. Ein leichtes Nachgeben der Preise wäre für die Branche kein Problem.
Wohl aber ein Wachstumseinbruch in der Volksrepublik: „China repräsentiert seit einigen Jahren den Löwenanteil der Nachfrage, jeder unerwartete Rückgang der Industrieproduktion dürfte ernsthafte Auswirkungen auf den gesamten Metallsektor haben“, sagt Analyst Herbert. Momentan indes spricht wenig für einen solchen Einschnitt: Chinas Wirtschaftswachstum liegt bei 11 Prozent, die Erzimporte lagen im ersten Quartal 28 Prozent über dem Vergleichsquartal 2005, im zweiten 18 Prozent höher, im dritten, in dem Vorräte für den Winter angelegt werden, abermals 27 Prozent darüber.
Größten Aluminiumproduzent der Erde
Kein Wunder also, daß Analyst Herbert zu dem Schluß kommt: „Die sehr hohen Marktpreise für viele Metalle, gestützt von einer robusten Nachfrage bei beschränkter Versorgung bedeuten, daß 2006 ein außergewönliches Jahr werden wird. Das führt bei vielen Konzernen zu einem sehr starken Cash-flow, der sofort eingesetzt werden kann.“ Diese gute Ausstattung der Konzerne mit Finanzmitteln wird zu höheren Dividenden und Aktienrückkäufen führen. Die hoch notierenden Aktien bieten den Unternehmen aber auch eine attraktive „Tauschwährung“ für Zusammenschlüsse. Das Übernahmetempo dürfte sich verschärfen.
Jüngstes Beispiel: Der Kauf von Phleps Dodge durch den Kupferriesen Freeport-Mcmoran für knapp 26 Milliarden Dollar. Der russische Aluminiumhersteller Sual und Rusal will nach dem Kauf der Aluminiumbereiche der Glencore International AG den größten Aluminiumproduzenten der Erde formen. „Konsolidierung lautet das Gebot der Stunde in der Bergbauindustrie“, sagt Wang Yan, CEO der BOC International Holdings, des Investmentarms der Bank of China. „Es gibt eine selten gute Chance für chinesische Minenunternehmen, den Kapitalmarkt anzuzapfen.“ Wang rechnet mit mindestens vier Übernahmen in China in den kommenden Monaten.
Stahlkomplexe im Gesamtwert von 45 Milliarden
Mit ganzer Kraft aber treiben die Konzerne auch die Suche nach weiteren Lagerstätten voran. So wird etwa CVRD 4,6 Milliarden Dollar investieren, um die Eisenerzproduktion von derzeit 264 Millionen Jahrestonnen bis 2008 auf 300 Millionen Tonnen auszubauen. BHP untersucht derzeit mehr als 15 Lagerstätten für Metalle in China. Der größte Bergbaukonzern der Welt hat insgesamt 23 Projekte in der Pipeline, deren Entwicklung rund 14 Milliarden Dollar kosten dürfte.
Teck Comico, größter Zink-Produzent der Erde, hat öffentlich bekanntgegeben, chinesische Partner für dortige Projekte zu suchen. Und Anglo American erklärte, 4 Milliarden Dollar in Kohlegruben in Chinas Shaanxi-Provinz investieren zu wollen. In Indien bereitet die Stahlbranche zudem die größte Investitionswelle ihrer Geschichte vor: Allein Mittal Steel, Tata Steel und Koreas Posco wollen innerhalb eines Jahrzehnts Stahlkomplexe im Gesamtwert von mehr als 45 Milliarden Dollar aus dem Boden stampfen.
Exportsteuer für Aluminium gestrichen
Die Kupferbestände der Unternehmen stehen auf einem Allzeittief. Wachstumsweltmeister China aber bleibt mit einem Nachfrageanteil von 23 Prozent der größte Abnehmer der Welt, Amerika steht nur noch für 13 Prozent. Während die Nachfrage weltweit um mindestens 4 Prozent steigen dürfte, schätzt die International Copper Study Group das Wachstum der Kupferproduktion nur auf 2,5 Prozent jährlich. Der Markt für Aluminium dürfte frühestens Ende 2007 wieder ins Gleichgewicht kommen, wenn neue Schmelzanlagen in Australien, Brasilien, China und Guinea ihre Arbeit aufnehmen.
Aufgrund eigener Engpässe aber hat China seinen Nachlaß auf die Exportsteuer für Aluminium inzwischen gestrichen und statt dessen eine Ausfuhrsteuer von 5 Prozent erlassen. Auch der Markt für Zink bleibt unterversorgt. Die Minen fahren ihre Produktion zu langsam hoch, nachdem sie jahrelang unter zu geringen Investitionen litten. Die großen Bergbaukonzerne verkaufen nicht nur mehr an China und Indien, sie fördern dort auch zunehmend.
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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