Home
http://www.faz.net/-gqg-qea2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Branchen (40): Erneuerbare Energien Goldgräberstimmung

24.04.2006 ·  Erneuerbare Energien wie Solar und Windkraft erhalten im viel diskutierten Energiemix eine immer wichtigere Bedeutung. Unter den Unternehmen herrscht Goldgräberstimmung. In den nächsten sechs Jahren sollen 70 Milliarden Euro investiert werden.

Von Holger Schmidt
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wenn sich Energiemanager treffen, ist automatisch viel Geld im Spiel. Keine Branche investiert in Deutschland so kräftig: 30 Milliarden Euro sollen in den kommenden Jahren in neue Kraftwerke und Stromnetze fließen. Sogar 70 Milliarden Euro werden bis 2012 in erneuerbare Energien in Deutschland investiert, kündigte der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) auf dem Energiegipfel an. Das Gros soll in Solar, Windkraft und Biomasse fließen: 25 Milliarden Euro für die Sonnenenergie, 13 Milliarden Euro für den Ausbau der Windkraft und sogar 26 Milliarden Euro für die Nutzung der Biomasse.

Der Rest entfällt auf die Erdwärme (Geothermie) und auf Wasserkraft. Das Muskelspiel der Öko-Branche folgt einem klaren Ziel: „Erneuerbare Energien sind die Zukunft der deutschen Energieversorgung“, hofft Frank Asbeck, Chef des Bonner Solarunternehmens Solarworld und Teilnehmer des Energiegipfels. „Der Wegfall atomarer und fossiler Energien kann vollständig durch den Ausbau erneuerbarer Energien ersetzt werden.“

„Deutschland ist weltweit technologisch führend“

Den Optimismus begründen die deutschen Anbieter mit ihrer Stellung auf dem Weltmarkt: „Deutschland ist weltweit technologisch führend bei erneuerbaren Energien; inzwischen beträgt das jährliche Exportvolumen der Branche bereits mehr als vier Milliarden Euro und wächst rasant weiter“, erwartet Aloys Wobben, Gründer des größten deutschen Windenergieanlagenherstellers Enercon. Tatsächlich geht es den Anbietern erneuerbarer Energie zur Zeit sehr gut.

Im Blickfeld steht vor allem die Solarbranche, obwohl sie im vergangenen Jahr nur 0,16 Prozent des Stroms in Deutschland erzeugt hat. Aber spätestens seitdem Länder wie die Vereinigten Staaten, China, Spanien und Italien ebenso wie Deutschland milliardenschwere Förderprogramme für den Solarstrom aufgelegt haben, herrscht in der Branche Goldgräberstimmung. Mit jedem Dollar, um den das Rohöl sich verteuert, wird Ökostrom attraktiver.

Problemfall Spezialisierung

Ob allerdings viele deutsche Unternehmen auf den neuen Auslandsmärkten Fuß fassen können, ist keineswegs sicher. Denn abgesehen von einigen Vorzeigefirmen, sind die 5.000 Unternehmen der Branche meist spezialisierte kleine Betriebe oder Mittelständler ohne große Auslandserfahrung. Zudem haben sich die meisten Anbieter nur auf eine oder zwei Stufen der Wertschöpfungskette spezialisiert, die insgesamt fünf Stufen umfaßt.

Die Siliziumhersteller wie Wacker Chemie produzieren Reinsilizium, das in der zweiten Stufe von Unternehmen wie Solarworld, Ersol und Schott Solar zu Siliziumscheiben (Wafer) oder Blöcken (Ingots) verarbeitet wird. Aus diesen Vorprodukten werden in der dritten Stufe die Solarzellen gefertigt, worauf sich in Deutschland Unternehmen wie Q-Cells spezialisiert haben. Aus den Zellen werden in der vierten Stufe von Unternehmen wie Solon dann Solarmodule zusammengestellt, die Dienstleister wie Conergy in der fünften Stufe zu kompletten Solarsystemen kombinieren und an Vertriebspartner oder Endkunden verkaufen.

„Echte Konkurrenz für deutsche Solarbranche“

Mit Ausnahme der Handwerker, die für die Montage der Solarsysteme zuständig sind, haben die Unternehmen über alle Stufen der Wertschöpfungskette hinweg in den vergangenen beiden Jahren prächtig verdient. Da die Preise für Solarzellen und Module seit zwei Jahren steigen und wohl in diesem Jahr weiter zulegen, bleiben die Gewinne der Unternehmen hoch. Zu verdanken haben sie diese Gewinne vor allem den hohen Einspeisevergütungen für Solarstrom in Deutschland und der dadurch ausgelösten hohen Nachfrage nach Solaranlagen.

Die üppigen Renditen locken aber ernstzunehmende Nachahmer an: „Die Energiekonzerne wachen jetzt auf und entdecken die Attraktivität des Solarmarktes. In Asien und den Vereinigten Staaten werden in den kommenden Jahren schlagkräftige Unternehmen entstehen, die für die deutsche Solarbranche eine echte Konkurrenz darstellen werden. Die goldenen Zeiten für die deutsche Solarbranche werden vorbei sein, wenn nicht rechtzeitig genügend wettbewerbsfähige Unternehmen entstehen, die sich auf den internationalen Markt fokussieren“, warnt Carsten Frede vom Beratungsunternehmen Ernst & Young.

Finanzielle Mittel durch Börsengängen

Mit Börsengängen verschaffen sich einige Solarunternehmen die finanziellen Mittel, um ihre Kapazitäten möglichst schnell zu erweitern und die geforderte Auslandsexpansion angehen zu können. Aber auf den Auslandsmärkten ist die Konkurrenz größer als in Deutschland. Dort sind heimische Anbieter ebenso präsent wie die großen asiatischen Anbieter Sharp, Kyocera, Sanyo oder Suntech. Als Folge des steigenden Wettbewerbs werden weitere Übernahmen vermutet.

„Die Konzentrationswelle auf dem weltweiten Photovoltaik-Markt ist im vollen Gange, wie jüngst die Übernahme von Shell Solar durch Solarworld verdeutlicht hat“, sagt Frede. „Die Frage ist, inwieweit sich die deutschen Unternehmen weiterhin daran beteiligen werden.“ Kleinere Nischenanbieter würden zunehmend zu attraktiven Übernahmekandidaten. „Größe, eine möglichst komplette Abdeckung der Wertschöpfungskette und Internationalität werden zukünftig die entscheidenden Erfolgsfaktoren in der Solarbranche sein“, erwartet der Berater.

Neu installierte Kapazität geht stetig zurück

Unter den Deutschen erfüllen bisher nur wenige Anbieter wie Solarworld, Conergy, Q-Cells oder Ersol diese Kriterien. Branchenkenner erwarten daher eine Bereinigung der Solarbranche, was auch die Aktienkurse in Bewegung bringen wird. Diese Bereinigung hat die deutsche Windkraftbranche gerade hinter sich gebracht. Auf den steilen Anstieg der installierten Windkraftkapazität bis zum Jahr 2002 folgte der Dämpfer: Die neu installierte Kapazität geht seitdem in Deutschland Jahr für Jahr zurück. Im Jahr 2004 sank sogar die neu geschaffene Kapazität in der Welt. Seit 2005 hat die Branche aber wieder kräftigen Rückenwind.

Die installierte Kapazität stieg in aller Welt um 23 Prozent und wird nach Berechnungen des Deutschen Windenergie-Instituts (Dewi) in den kommenden Jahren weiter zulegen. Obwohl Deutschland mit mehr als 18.400 Megawatt installierter Windkraftkapazität zum Jahresende immer noch an erster Stelle in der Welt steht, kommt das Wachstum für die Branche aus dem Ausland. Nach Berechnungen des Dewi stammen mehr als 50 Prozent aller Windkraftanlagen und ihrer Bauteile aus Deutschland.

„Das Siebzigfache an Stromertrag“

Die Ausfuhr macht rund 60 Prozent der 5 Milliarden Euro Umsatz der deutschen Hersteller aus. „Aufgrund des stark expandierenden Weltmarktes sind die Auftragsbücher bei Herstellern und Zulieferunternehmen voll. Allein auf dem explodierenden Markt der Vereinigten Staaten wurden 2005 schätzungsweise 2.500 Megawatt neu installiert“, sagt Thorsten Herdan, Geschäftsführer des Branchenverbandes VDMA Power Systems. Hoffnung auf einen Aufschwung im Inland gibt es nach der Dewi-Prognose erst wieder im Jahr 2008, wenn die ersten Offshore-Windkraftanlagen im Meer in Betrieb gehen sollen.

Zu diesem Zeitpunkt wird auch der Ersatz alter Anlagen an Land durch leistungsfähige Windräder beginnen. „Moderne Anlagen bringen schon das Siebzigfache an Stromertrag der Windräder aus den neunziger Jahren. Somit können viele Altanlagen ersatzlos abgebaut werden, was auch dem Landschaftsbild zugute kommt“, sagt Peter Ahmels, Präsident des Bundesverbandes Windenergie.

Quelle: F.A.Z. vom 22. April 2006
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7

29.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.396,84 +1,16%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.394,15 +1,26%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2465 −0,19%
Rohöl Brent Crude 106,30 $ −0,51%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.