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Branchen (37): Biotechnologie Kurze Glücksgefühle

03.04.2006 ·  In der Pharmaindustrie ist die Biotechnologie der Innovationsmotor schlechthin. Doch plagen die Unternehmen dieser Branche große Finanzierungsprobleme. Der Ausleseprozeß ist noch längst nicht beendet.

Von Carsten Knop
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Je nach der Perspektive des Betrachters kann der Blick auf die Lage der in der Pharmaforschung tätigen deutschen Biotechnologiebranche entzücken oder ernüchtern. Letzteres gilt schon seit Jahren. Trotz Investitionen in Milliardenhöhe gibt es bis heute kein Unternehmen, das aus der eigenen Forschung schon ein nennenswertes Medikament auf den Markt gebracht hat. Die Glücksgefühle - vor allem an der Börse - währen hingegen erst kurz.

Viele Biotech-Gesellschaften halten sich mehr schlecht als recht über Wasser. Sie überleben in Nischen. Glaubwürdige Hoffnungsträger unter den Vertretern der Zunft gibt es wenige. Und obwohl einige deutsche Biotech-Aktien in der jüngsten Zeit endlich wieder besser abgeschnitten haben, gibt es noch genug andere Unternehmen, die von einer Finanzierung über die Börse nur träumen können. Dennoch: „Biotechnologie gehört zu den von uns favorisierten Branchen für 2006 - nicht nur für Kapitalerhöhungen, sondern auch für Börsengänge“, heißt es zum Beispiel bei der WestLB.

Rund 60 Millionen Euro an liquiden Mitteln

Eine Rolle zur Begründung dieser Betrachtungsweise spielt, daß andere Sektoren an der Börse zuletzt sehr viel besser gelaufen sind und in der Biotechnologie Nachholpotential vermutet wird. So steckten europäische und amerikanische Investoren im Rahmen einer Privatplazierung 15,6 Millionen Euro in die im Tec-Dax vertretene Medigene. Dietmar Hopp, Mitgründer und Großaktionär von SAP, kaufte sich einen Anteil von 8,7 Prozent an GPC Biotech und führte dem Biotechnologieunternehmen damit 36,2 Millionen Euro zu. Bei Evotec hatte es im Juni 2005 eine Kapitalerhöhung um 28,4 Millionen Euro und bei Morphosys im März 2005 um 17,4 Millionen Euro gegeben.

Erst in dieser Woche hat Morphosys mit einer weiteren Kapitalerhöhung um 17,1 Millionen Euro nachgelegt. Der Bestand an liquiden Mitteln erreicht damit rund 60 Millionen Euro. Das alles geht am größten Teil der Privatinvestoren, die die langen Investitionszyklen der Branche zu überfordern scheinen, noch immer vorbei. 2005 erzielte die deutsche Biotechbranche mit der Hilfe professioneller Anleger aber schon wieder ihr historisch zweitbestes Finanzierungsergebnis.

Entwicklung als Teil einer Konsolidierung

Nach einem Bericht des Biotechnologiemagazins „Transkript“ floß den Biotechnologie-Gesellschaften in Wagniskapital- und Börsenfinanzierungen mit 543,4 Millionen Euro soviel Kapital zu wie zuletzt im Jahr 2000. Spitzenreiter der Wagniskapital-Finanzierungen war mit 31,5 Millionen Euro die Curacyte in Leipzig, die Medikamente gegen Schockzustände entwickelt. Mit Paion sowie Jerini sammelten zwei Unternehmen mit ihrem Gang an die Börse 95,6 Millionen Euro ein - und haben sich danach besser entwickelt als mancher Börsengang aus der Branche im Biotech-Stammland Vereinigte Staaten.

Die Entwicklung ist Teil einer Konsolidierung, die die Branche seit dem Ende des Börsen- und Finanzierungsbooms zur Jahrtausendwende auszeichnet. Die hoffnungsvollen, oft auch größeren Unternehmen werden wieder gefördert und können sich neue Finanzierungsquellen erschließen. Die breite Masse tut sich aber schwer. In der Regel sind es ohnehin die ganz Großen der Branche, die mit guten Nachrichten für eine positive Grundstimmung sorgen, die dann alle Werte des Sektors antreibt. Zuletzt galt das für die amerikanischen Anbieter Genentech und Biogen Idec, die für ihr Medikament Rituxan eine Zulassung zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis erhalten haben.

„50 Prozent zwischen 1997 und 2001 gegründet“

Der Vergleich mit Branchenpionieren wie Genentech zeigt aber auch deutlich, daß für die deutschen Biotech-Vertreter noch nicht aller Tage Abend ist. Denn im Vergleich zur amerikanischen Biotech-Branche sind die deutschen Unternehmen, die auf diesem Gebiet tätig sind, noch recht jung. „Mehr als 50 Prozent der deutschen Biotech-Gesellschaften wurden in den Jahren zwischen 1997 und 2001 gegründet“, sagt Jörn Leewe, General Manager der Unternehmensberatung Novumed in München. Und selbst in den schweren Jahren zwischen 2002 und 2004 hat es in Deutschland keinen wirklichen Einbruch gegeben.

In dieser Zeit haben sich 572 Biotech-Kernunternehmen - also Gesellschaften, die vor allem mit modernen biotechnischen Verfahren arbeiten - nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts, bezogen auf den Umsatz, positiv entwickelt. Die Biotech-Kernunternehmen nach der Definition des Statistischen Bundesamts beschäftigten 2004 insgesamt rund 12.000 Personen (minus 10 Prozent gegenüber 2002), von denen 45 Prozent in der Forschung und Entwicklung tätig waren. Der Umsatz erreichte 1,1 Milliarden Euro (plus 9 Prozent). Rund 743 Millionen Euro (minus 32 Prozent) haben die Biotech-Kernunternehmen für Forschung und Entwicklung ausgegeben.

Erneuerung „von unten“

Es wurde also kräftig gespart. Dabei ließe sich das Blatt in der Biotechnologie ganz schnell zum Guten wenden, zum Nutzen der gesamten Pharmabranche des Landes. Denn die Erneuerung der international in die zweite Liga abgerutschten Pharmabranche könnte nach der Meinung vieler Branchenkenner durchaus „von unten“ kommen - aus der Kombination der Kraft der erfolgreichen, kleineren Biotechnologieunternehmen mit der international durchaus konkurrenzfähigen deutschen Grundlagenforschung.

Denn die Forschungspipeline der deutschen Biotech-Firmen ist in den frühen Phasen der Entwicklung trotz aller Sparmaßnahmen gut gefüllt. Die deutschen Pharmakonzerne hingegen sind hier nur selten mit Produkten zu finden. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer langfristigen Entwicklung, die den Biotechnologieunternehmen noch sehr zugute kommen kann. Viele etablierte Pharmakonzerne verfolgen schon seit geraumer Zeit die Strategie, die fixen Kosten der eigenen Forschung zu senken und statt dessen von Biotech-Unternehmen Forschungsprojekte in späten Phasen der klinischen Entwicklung zu kaufen.

Weniger die Qual als die Wahl

Sie wollen damit aus fixen Kosten, die die Gewinn-und-Verlust-Rechnung dauerhaft belasten, variable Kosten machen, bei denen man sich je nach Gelegenheit aus strategischen Gründen entscheiden kann, ob man sie entstehen lassen möchte oder nicht. Es gibt kein großes Pharmaunternehmen der Welt, das es nicht zu seiner Strategie erklärt hat, grundsätzlich an solchen Einlizenzierungen interessiert zu sein. Um entsprechende Projekte gibt es also durchaus einen Wettbewerb. Biotech-Unternehmen wie die Münchener Wilex haben bei der Entscheidung über künftige Partner für wichtige Medikamente deshalb weniger die Qual als die Wahl.

Sie können sich aussuchen, von welcher Vertriebsmannschaft sie ihren Hoffnungsträger vermarkten lassen wollen, wer am besten über die Hürde der Zulassung helfen kann. Das zeigt auch die Vereinbarung der Paion AG mit dem dänischen Unternehmen Lundbeck. Die im Vergleich winzige Paion konnte sich immerhin das Wahlrecht aushandeln, ihr neues Schlaganfallmedikament in wichtigen europäischen Ländern allein zu vermarkten.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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