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Branchen (35): Chemie Bestens in Form

20.03.2006 ·  Die Ära des Triumvirats Hoechst, Bayer und BASF ist Vergangenheit. Doch Deutschland spielt in der Weltliga nach wie vor ganz oben mit und bietet den mächtigen Konkurrenten aus Amerika Paroli.

Von Michael Psotta
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Der Chemiebranche geht es derzeit glänzend. Dank der guten Weltkonjunktur, angetrieben durch die starke wirtschaftliche Dynamik in Asien und die anhaltend hohe Nachfrage aus Amerika, sind die Auftragsbücher der Chemiekonzerne prall gefüllt wie selten zuvor. Die Kraft des Aufschwungs überrascht inzwischen auch langjährige Beobachter der Branche. Noch Mitte 2005 deutete vieles auf eine Beruhigung hin, unter anderem wegen des starken Anstiegs des Ölpreises.

Zum Jahresende gab der Verband der Chemischen Industrie (VCI) dann unerwartet ein Produktionswachstum 2005 von rund 7 Prozent bekannt. Einen derartigen Zuwachs hatte es in Deutschland seit zehn Jahren nicht mehr gegeben. Für das laufende Jahr rechnet die Branche zwar mit einem etwas geringeren Anstieg. Ein Abflauen der Chemiekonjunktur für 2006 erwartet kaum jemand. Das hängt damit zusammen, daß sich diese Branche parallel zur guten Weltkonjunktur entwickelt.

Von der Stoßstange bis zum Airbag

Da chemische Produkte in fast allen Herstellungsprozessen der übrigen Industriezweige eingesetzt werden, blüht die Chemie fast automatisch, wenn die Weltnachfrage hoch bleibt. Dabei nimmt das relative Gewicht der chemischen Industrie stetig zu. Das läßt sich an einem modernen Auto demonstrieren, das erheblich mehr Kunststoffteile - von der Stoßstange bis zum Airbag - enthält als ältere Modelle. Auch in Flugzeugen kommen inzwischen zahlreiche moderne chemische Werkstoffe zum Einsatz, die zum Beispiel das Gewicht verringern helfen.

Trotz der aktuell prächtigen Stimmung in der Branche bestehen kaum Illusionen darüber, daß die Chemiekonjunktur auch einmal wieder schwächer werden dürfte. Die meisten Experten glauben, daß dies 2007 oder spätestens 2008 der Fall sein wird. Diese Erwartung speist sich nicht nur aus der generellen Erfahrung mit Konjunkturverläufen. Vielmehr hängt sie damit zusammen, daß von 2007 an eine Reihe neuer großer Anlagen in Betrieb gehen wird, die das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage verschieben. Dazu gehören sogenannte Cracker im Mittleren Osten, die Öl und Gas in chemische Vorprodukte beziehungsweise Grundstoffe aufspalten.

BASF als unbestrittener Weltmarktführer

Sie gehören zu dem Versuch von Ölnationen wie Saudi-Arabien, durch den Aufbau einer eigenen chemischen Industrie einerseits die reichlich vorhandenen eigenen Energievorräte zu nutzen und andererseits die Abhängigkeit vom Energieexport zu vermindern. Ein Beispiel für diesen relativ neuen Ehrgeiz bietet der staatliche saudi-arabische Chemiekonzern Sabic, der sich mit reichlicher finanzieller Ausstattung und günstiger Rohstoffversorgung zu den international bedeutenden Chemiekonzernen vorgearbeitet hat.

Auch wenn die Ära des Chemie-Triumvirats Hoechst, Bayer und BASF der Vergangenheit angehört, ist Deutschland in dieser Liga noch immer hervorragend vertreten. Hoechst ist zwar zerschlagen, aber Bayer versucht mit Erfolg, als hochspezialisierter Anbieter von Medikamenten, Hochtechnik-Kunststoffen und Agrochemie an frühere Erfolge anzuknüpfen. Und BASF ist heute der unbestrittene Weltmarktführer. Das ist eine beachtliche Leistung, da die Konkurrenten Dow Chemicals und Dupont aus den Vereinigten Staaten stammen, also einen ungleich größeren Heimatmarkt haben.

Keine großen Übernahmen und Fusionen

BASF erntet derzeit den Lohn für die Entscheidung, konsequent auf die Chemie zu setzen und zum Beispiel auf die vor Jahren in Mode befindliche Neuausrichtung auf Life Science (Gesundheit und Landwirtschaft) zu verzichten. Dabei kommt BASF allerdings auch eine Voraussetzung zugute, die den Ludwigshafener Konzern früher als den langweiligsten der drei großen deutschen Chemiekonzerne abstempelte: Er fand sich nach der Aufspaltung der IG Farben als das Unternehmen mit dem höchsten Anteil an der Grundstoffproduktion wieder.

Die ganz großen Übernahmen und Fusionen gibt es, anders etwa als in der europäischen Energiebranche, in der Chemieindustrie derzeit nicht. Dennoch wächst BASF auch durch Zukäufe. Kürzlich erstand der Konzern für 2,8 Milliarden Euro die Bauchemiesparte der Degussa; die Angebotsfrist für die 4,9 Milliarden Dollar teure Übernahme des amerikanischen Katalysatorenspezialisten Engelhard hat BASF soeben bis zum 14. April verlängert. Die Degussa hat die hochprofitable Bauchemie verkaufen müssen, weil ihre Muttergesellschaft RAG die Mittel benötigt, um das bisher fehlende, bei Eon liegende Paket mit den restlichen Degussa-Anteilen zu bezahlen.

Margen erheblich unter Druck

Degussa selbst war über die eigene Verschlankung zwar nicht glücklich, sieht jetzt aber eine gefestigte Zukunft, weil sie künftig der entscheidende Stützpfeiler des immer weniger auf den Bergbau setzenden RAG-Konzerns werden soll. Den Start in das laufende Jahr hat die Degussa als hervorragend bezeichnet - eigentlich kein Wunder angesichts der Chemiekonjunktur, andererseits aber doch erstaunlich, weil sich das Unternehmen stark mit Feinchemie beschäftigt. Dies ist der einzige Zweig der Branche, der gegenwärtig unter Druck steht.

Während die übrigen Sparten beinahe mühelos die hohen Ölpreise an die Kundschaft weitergeben konnten, gelang dies den Feinchemieanbietern nicht - mit der Folge, daß ihre Margen erheblich unter Druck gerieten. Das liegt daran, daß ihr Markt aus austauschbaren Produkten wie Vormaterialien für die Arzneimittelhersteller besteht. Im Unterschied zur Spezialchemie bieten sie also keine einzelnen Lösungen an, auf die die Kunden auch bei höheren Preisen nicht verzichten können. Damit hat die Feinchemie derzeit schlechte Karten im neuen Wettbewerb mit chinesischen Chemiekonzernen, die mit günstigen Preisen an Marktanteilen gewinnen.

Massenproduktion floriert derzeit

Bei der Degussa führte dies 2005 sogar zu einem Konzernverlust, der sich nach Umstrukturierungen nicht wiederholen soll. Daß es sich hier um ein Branchenproblem und nicht um eine spezielle Schwierigkeit von Degussa handelt, zeigt der Schweizer Clariant-Konzern, dessen Schwerpunkt heute ehemalige Hoechst-Anlagen bilden und der mit ähnlichen Schwierigkeiten in der Spezialchemie kämpft. Daß sich die Ausrichtung auf Spezialitäten stärker auszahlt, zeigt der Chemiezweig des Altana-Konzerns, der im Zuge der Zerschlagung des Dax-Wertes 2006 an die Börse gebracht werden soll.

Altana Chemie beschäftigt sich unter anderem mit forschungsintensiven Lacken. Doch auch die Massenproduktion grundstoffnäherer Chemieprodukte floriert derzeit. Auf dem Gebiet arbeitet der von Bayer abgespaltene Chemiekonzern Lanxess, der seinen Börsenwert in gut einem Jahr verdoppelt hat. Die Bewährungsprobe im Konjunkturabschwung, sei es 2007 oder 2008, steht für Lanxess aber noch aus.

Quelle: F.A.Z. vom 18. März 2006
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Jahrgang 1957, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung.

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