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Branchen (32): Bahnindustrie Die Deutsche Bahn verdirbt die Stimmung

28.02.2006 ·  Der Sparkurs der Deutschen Bahn als Hauptkunde für den Bau von Lokomotiven und Schienenwagen zwingt die Bahnindustrie zur Umstrukturierung. Sie sucht ihr Heil nun im Auslandsgeschäft.

Von Christian Geinitz, Berlin
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Licht am Ende des Tunnels, Signal auf Grün, Weichen stellen - viele positiv besetzte Bezeichnungen in der gegenwärtigen Aufschwungrhetorik stammen aus der Eisenbahnersprache. Die Lage der zugehörigen Branche beschreiben sie weniger treffend. Der Umsatz der Mitgliedsunternehmen im Verband der Bahnindustrie in Deutschland (VDB) stagnierte im Jahr 2004 bei rund 9,9 Milliarden Euro und ging im ersten Halbjahr 2005 (jüngere Zahlen liegen nicht vor) sogar zurück - von 4,3 auf 4,1 Milliarden Euro.

War die Zahl der Mitarbeiter von 1999 bis 2003 noch jedes Jahr deutlich gestiegen, ist sie seitdem auf dem Rückgang. Nach einer Umfrage des Hamburger Instituts SCI Verkehr sehen fast ein Drittel der Unternehmen ihre Geschäftslage als unbefriedigend an. Die Hälfte leide unter zu niedrigen Aufträgen, weshalb in vielen Unternehmen über weitere Rationalisierung einschließlich Personalabbau nachgedacht werde.

Kräftig in die Fahrwege investiert

Vor Beginn der Konsolidierung hatte die Branche sieben fette Jahre erlebt, beflügelt vor allem von den Großaufträgen der Deutschen Bahn, die nahezu alle Elektrolokomotiven erneuerte und mit Hilfe der öffentlichen Hand kräftig in die Fahrwege investierte. Seit der Staatskonzern jedoch einen Sanierungskurs fährt, hat er seine Bestellungen verringert und verhandelt „knallhart“, wie es heißt. Zwischen 1999 und 2002 stiegen die Auftragseingänge der Bahnindustrie kräftig von 7,3 auf 9,3 Milliarden Euro, um bis 2004 jäh auf 6,7 Milliarden abzufallen.

Das Auftragsvolumen aus dem Inland ging 2004 um mehr als ein Drittel auf 3,5 Milliarden Euro zurück. Im ersten Halbjahr 2005 stagnierte es. Auch in der staatlich finanzierten Infrastruktur, vor allem den Fahrwegen, zeigt sich das Auf und Ab. Die Bahn-Tochtergesellschaft DB Netz AG stockte ihre Bruttoinvestitionen von 4,4 Milliarden Euro 2001 auf mehr als 6 Milliarden Euro in den beiden Folgejahren auf; 2004 waren es dann wieder 4,6 Milliarden.

Markteintritt wirbelt Kalkulationen kräftig durcheinander

Lobbygruppen wie die „Allianz für Schiene“ kritisieren, daß der Bund den Bahnverkehr gegenüber der Straße deutlich vernachlässige. Je Kopf investiere Deutschland nur noch 39 Euro in die Schieneninfrastruktur, in Italien. Großbritannien, Schweden oder Österreich seien es drei- bis viermal so viel. Auch die zunehmende internationale Konkurrenz. setzt der Industrie zu. Der Markteintritt Asiens und Osteuropas hat die Kalkulationen kräftig durcheinandergewirbelt.

Nicht zuletzt weil die Arbeitskosten dort nur einen Bruchteil der deutschen betragen, sind die Preise stark unter Druck geraten. Grob gerechnet kostet eine Lokomotive heute nur noch halb soviel wie vor 15 Jahren. „Das stellen Sie sich in einem Autohaus vor“, sagt der VDB-Hauptgeschäftsführer Michael Clausecker. „Sie bekommen das Modell von 2005 zum halben Preis des Modells von 1990.“ Bei allem Bedauern über das Ende der guten alten Zeit ist nicht zu übersehen, daß der schärfere Wettbewerb die Branche so abgehärtet hat, daß sie heute standfester im Markt auftritt.

„Das Gröbste scheinen wir hinter uns zu haben“

Die Produktivität wurde mittels Arbeitsoptimierung und Maschineneinsatz stark erhöht. Da zudem - flankiert von moderateren Tarifabschlüssen - der Arbeitskostenanteil immer weiter sinkt, gewinnen die deutschen Standorte ihre Wettbewerbsfähigkeit zunehmend zurück. Die Verlagerung ins Ausland sei gestoppt worden, sagt Clausecker. „Das Gröbste scheinen wir hinter uns zu haben.“ Das liegt daran, daß die Globalisierung den deutschen Herstellern auch viel Gutes bietet.

Die Ausfuhr hat im ersten Halbjahr 2005 den Inlandsabsatz erstmals überrundet und damit wenigstens einen Teil der heimischen Rückgänge wettgemacht. Während die Inlandsaufträge auf der Stelle treten, hat das Ausland fast 19 Prozent mehr bestellt, so daß zum ersten Mal seit zwei Jahren der gesamte Auftragseingang den Vorjahreswert überholte. Von der Marktöffnung hat die Branche auch im Inland profitiert, weil sie unabhängiger von dem ehemaligen Platzhirsch Deutsche Bahn geworden ist.

Kleiner Fortschritt im Vergleich zu Deutschland

Seitdem immer mehr Wettbewerber die Ausschreibungen im Regionalverkehr gewinnen, ziehen die Bestellungen neuer Züge spürbar an; 15 bis 20 Prozent der erteilten Aufträge stammen schon von der Bahn-Konkurrenz. Andere Länder lassen sich mit der Liberalisierung mehr Zeit und schützen damit auch die heimische Industrie. In Frankreich etwa verfügte bis Herbst vergangenen Jahres nur ein Betreiber über das nötige Sicherheitszertifikat des Transportministeriums, die Staatsbahn SNCF.

Daß mittlerweile drei private Konkurrenten ihre Züge fahren lassen dürfen, ist nur ein kleiner Fortschritt im Vergleich zu Deutschland, wo rund 340 Anbieter zugelassen sind. Seit der Einrichtung einer Europäischen Eisenbahnagentur machen die Marktöffnung und Harmonisierung in Europa zwar Fortschritte, dennoch erwartet die Bahnindustrie, daß sich die Bundesregierung in Brüssel stärker für ihre Belange einsetzt. Es gelte, die technischen, rechtlichen und kommerziellen Standards aus Deutschland zu retten, fordert Clausecker.

„Nach dem Autokanzler jetzt eine Bahnkanzlerin“

„Wir wünschen uns nach dem Autokanzler jetzt eine Bahnkanzlerin.“ Im Inland sieht sich die Branche gegenüber dem Straßen- und dem Flugverkehr benachteiligt: Die Steuervergünstigungen auf Flugbenzin und die Mautbefreiung leichter Lastwagen gehörten abgeschafft, heißt es, wobei der Güterverkehr auf der Schiene in den vergangenen drei Jahren trotzdem stärker gewachsen ist als auf der Straße.

Der Wettbewerbsdruck hat die alleinige Ausrichtung des Markts auf die großen „Systemhäuser“ verändert. Noch immer bestimmen Bombardier Transportation, Alstom und Siemens das Bild. Aber während diese Alleskönner ihre Fertigungstiefe verringern, wachsen die Lieferanten aus ihren Nischen heraus.

Zulieferer tummeln sich auf großen Wachstumsmärkten

So hat der sauerländische Verkehrstechniker Vossloh seine Palette stark erweitert und rückt immer mehr an die Spitzengruppe heran, während der weltgrößte Hersteller von Schienenfahrzeug-Bremsen, die Münchner Knorr AG, heute auch Türen und Klimaanlagen herstellt. Die Zulieferer tummeln sich zunehmend auch auf den großen Wachstumsmärkten, allen voran in Rußland und Asien. Das Institut SCI Verkehr hat im Auftrag von Vossloh ermittelt, daß das Marktvolumen für die Bahntechnik in Asien 10 Milliarden Euro im Jahr beträgt.

Der Löwenanteil davon entfällt auf China, ein Viertel auf Indien. Die Wachstumsaussichten seien phänomenal, bestätigt auch Clausecker, warnt aber zugleich vor den Risiken. Diese lägen vor allem im fehlenden Marken- und Patentschutz. „In China gibt es sogar Joint-venture-Partner, die deutsches Know-how abkupfern - und dann selbständig auf den Markt bringen.“

Quelle: F.A.Z. vom 25. Februar 2006
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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.

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