31.10.2005 · Dem guten Start in das Jahr 2005 folgt ein plötzlicher und unerklärlicher Umsatzeinbruch. Die wachsende Konkurrenz aus Fernost, vor allem aus China, drückt mit ihren Billigangeboten das Preisniveau.
Von Georg GiersbergDie Welt ist zu Jahresbeginn noch heil gewesen. Fast jedem dritten Deutschen gefällt sein Bad nicht mehr. Etwa 1,3 Millionen Heizungen in deutschen Häusern sind älter als 24 Jahre. Steigende Energiepreise erhöhen den Druck auf Eigentümer, ihre Heizung zu modernisieren. Hinzu kommt der von 2006 an geforderte Energiepaß für Wohnungen und Häuser.
Die Stimmung in der Branche war gut, als man sich noch im März in Frankfurt zur weltweit größten Messe „ISH Internationale Fachmesse Gebäude- und Energietechnik Erlebniswelt Bad Klima- und Lüftungstechnik“ getroffen hat. Es wurde darüber diskutiert, ob die Branche der Ausstellung des Energiepasses überhaupt personell gewachsen sei. Und als am 2. April zum ersten Deutschen Aktionstag des Bades einhunderttausend Menschen in die Handwerksbetriebe strömten, wähnte sich die Branche auf der absolut sicheren Seite: Wachstum war angesagt.
Abgasgrenzwerte erfordern modernere Heizungen
Doch dann brach der Umsatz ein. Im ersten Halbjahr 2005 blieb die Sanitärindustrie um 9 Prozent hinter dem vergleichbaren Vorjahreswert zurück. Für Ulrich Döpke, Geschäftsführer von Grohe Deutschland, einem großen Badarmaturenhersteller, ist es noch immer ein Phänomen: „Einerseits ist der enorme Bedarf für die Renovierung deutscher Bäder offensichtlich“, sagt er. „Bei Umfragen bekennen 3,7 Millionen Haushalte, daß sie ihr Bad renovieren möchten, und weitere 6,1 Millionen Haushalte wollen es zumindest verschönern; andererseits wirkt sich dieser Wunsch nicht in entsprechender Bautätigkeit aus.“
Aber auch dem zweiten großen Bereich der Sanitär- und Heizungswirtschaft, dem Heizungsbau, ergeht es nicht viel besser. Allerdings haben sie nach der Verschärfung der Abgasgrenzwerte durch die Kleinfeuerungsanlagenverordnung zum 1. Januar 2004 wenigstens einen kleinen Boom hinter sich. Dabei können die Heizungsbauer wenigstens für sich in Anspruch nehmen, heute Geräte anzubieten, die über einen geringeren Energieverbrauch angesichts der steigenden Preise für Öl und Gas richtig Geld einsparen.
Auslandsumsatz rettet deutsche Heizungsbauer
Die steigenden Energiekosten müßten ihnen eigentlich in die Hände spielen. Die beeindruckenden Zuwächse bei Solartechnik oder der Holzheizung scheinen das zu bestätigen. Als Ganzes gesehen sind aber auch 40.000 Pelletanlagen (Pellets sind kleiner aus Restholz und Sägespänen gepreßte Stäbchen) oder 15.000 Wärmepumpenanlagen in diesem Jahr ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Geschäftslage in der Heizungsbranche hat sich im Inland jedenfalls im Verlaufe dieses Jahres deutlich verschlechtert.
Daß die Heizungsbranche insgesamt besser dasteht als ihre Kollegen vom Badbereich, verdankt sie nur dem hohen Auslandsumsatz der großen deutschen Heizungsbauer. Europas größter Heizungshersteller BBT Bosch-Buderus-Thermotechnik, dahinter verbergen sich vor allem die Marken Junkers und Buderus, setzt knapp 60 Prozent seiner 2,5 Milliarden Euro Umsatz im Ausland um. Vaillant als zweitgrößter europäischer Hersteller kommt auf einen Auslandsanteil von rund 80 Prozent, vor allem durch die britische Marke Hepworth. Der nordhessische Heizungsbauer Viessmann erreicht 43 Prozent Auslandsanteil am Umsatz, obwohl er erst spät mit der Internationalisierung begann.
Deutlich weniger Badewannen gefragt
Insgesamt geht man bei der Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft davon aus, daß in diesem Jahr die Gesamtbranche stagnieren wird, wobei einem geringeren Handwerksumsatz gleichbleibende Großhandelsumsätze und ein im Ausland wachsender Industrieumsatz gegenüberstehen. Alle Bemühungen der Sanitärindustrie und des Sanitärhandwerks, das Bad wohnlicher zu gestalten, durch altengerechte Einrichtungen dem zunehmenden Anteil älterer Bürger an der Gesamtbevölkerung zu entsprechen oder die Wellness-Welle aufzugreifen, haben nicht wirklich gefruchtet.
So haben die Bundesbürger im vergangenen Jahr zwar für Armaturen und Brausen mehr Geld ausgegeben. Deutlich weniger gefragt waren aber Badewannen, Waschbecken, Toilettenspülungen oder Duschabtrennungen. Das setzte sich in diesem Jahr fort, wenn auch die Monate August und September nach dem schlechten Frühsommer einige Lichtblicke im Umsatz zuließen.
Chinesische Konkurrenz wird spürbar
Da sich die Umsatzkurve seit Monaten auf und ab bewegt, ohne daß die Experten rechte Gründe für die Entwicklung ausmachen können, wagt kaum jemand eine Prognose über einen Wirtschaftszweig, der aus 700 Industrieunternehmen, 230 Handelshäusern und knapp 50.000 Handwerksbetrieben besteht. Der Neubau liegt in Deutschland danieder, vermag der Branche mithin kaum Impulse zu verleihen. Und bei der Renovierung, auf die mehr als 75 Prozent des Umsatzes entfallen, gibt es einige Edelsanierungen und sehr viel preiswerte, notwendige Sanierungen.
Aber es fehlt das große Mittelfeld. Das trifft die Branche besonders hart, weil gerade im größer werdenden Niedrigpreissegment die zunehmende chinesische Konkurrenz spürbar wird. Bisher beschränkt sie sich überwiegend auf Kleinteile. Für größere Einrichtungsgegenstände oder gar ganze Bäder oder Heizungsanlagen ist China bisher qualitativ keine echte Konkurrenz für deutsche Unternehmen. Darunter leiden eher die Mitbewerber aus Südeuropa. Spurlos geht die chinesische Produktion an deutschen Herstellern nicht vorüber, da die Billigangebote aus Fernost das Preisniveau drücken.
In Zukunft ist Klimatechnik stärker gefragt
Langfristig geht die Branche aber weiterhin von guten Wachstumsaussichten aus. „Das Leben mit Wasser, Wärme und Luft“, für das sie sich zuständig fühlt, sei noch längst nicht ausgereizt. Da geht es zum einen um den Einsatz neuer Energien wie Sonnenenergie, Holz, Erdwärme (Wärmepumpe) oder Wasserstoff (Brennstoffzelle). Es geht darum, den Komfort zu erhöhen und die Systeme altengerecht zu gestalten. Und die Branche blickt neidisch auf die Autohersteller, denen es gelungen ist, die Klimaanlage zur Standardausrüstung zu machen.
Das ist in der Haustechnik nur eine Frage der Zeit, sind sich Beobachter einig. Sie verweisen auf die Weltstatistik. Die besagt, daß global gesehen viel mehr Häuser künstlich gekühlt als erwärmt werden. Vom Weltmarkt für Heizung, Ventilation und Klimatechnik von 56 Milliarden Euro entfallen fast 60 Prozent auf Klimatechnik. Die größten Märkte liegen in Nordamerika und in Asien. Vaillant sieht sich global daher ganz auf dem Weg vom Heizungs- zum Klimagerätebauer.
Gebäudeenergiepaß soll Effizienz verbessern
In Deutschland wird das aber noch einige Zeit auf sich warten lassen. Wer nicht einmal seine Heizung erneuert oder sein Bad verschönt, wird sich noch mehr Zeit mit dem Einbau einer Klimaanlage lassen. In Deutschland wartet das Handwerk auf den Gebäudeenergiepaß. Die Europäische Union schreibt in ihrer Gebäuderichtlinie zur Erhöhung der Gesamtenergieeffizienz vor, daß von 2006 an beim Verkauf oder bei der Neuvermietung eines Hauses oder einer Wohnung ein solcher Paß vorgelegt werden muß. Im Jahr werden in Deutschland etwa 1,2 Millionen Wohnungen und Häuser vermietet oder verkauft. Alle fünf Jahre muß der Paß bei Bedarf (Neuvermietung oder Wiederverkauf) erneuert werden.
Er gibt Auskunft über den Energieverbrauch, den Energieverlust durch schlechte Isolierung des Hauses oder eine unzureichende Anlagentechnik sowie über die Kohlendioxydemission. Der Preis muß sich in der Praxis herausstellen. Zunächst erwartete 300 Euro haben sich inzwischen reduziert. Es gibt Angebote auch schon für 120 Euro. Ob der Paß einen Wachstumsschub für die Branche auslöst, bleibt abzuwarten. Die Verbraucher verstehen es immer besser, Mehrausgaben an einer Stelle durch Minderausgaben an anderer Stelle auszugleichen.
Georg Giersberg Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,30 $ | −0,51% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
Anonym bewerben? Ist das gut?