Die Nachrichten von Übernahmen und Einstiegsversuchen kommen im Wochenrhythmus: Der weltgrößte Rohstoffkonzern BHP Billiton verleibt sich die australische Minengesellschaft WMC Ressources ein.
Die kanadische Inco bietet 12,5 Milliarden kanadische Dollar (8,8 Milliarden Euro) für den ebenfalls kanadischen Bergbaukonzern Falconbridge. An ihm aber hält schon die Schweizer Xstrata einen Anteil von 20 Prozent.
Indische Eisenerzminen
Unterdessen versuchen sich die chinesischen Unternehmen China Minmetals Corp., Shuicheng Iron & Steel Group, Sinom (Hong Kong), Zhejiang Metals and Materials und Xiamen International an einem Einstieg in die indischen Eisenerzminen.
Um den Zuschlag für den Kauf des australischen Bauxitlagers in Cape York steht das gesamte Wer-ist-Wer der internationalen Minenkonzerne Schlange.
Massenhaft Singhs und Lis
Die Bergbauindustrie ist derzeit in Bewegung wie kaum eine andere Branche der Welt. Ein Wunder ist das nicht, denn die Bodenschätze sind heiß begehrt. Der Grund dafür liegt vor allem in Asien.
Wenn Herr Singh in Bombay seiner Frau Goldschmuck kauft oder Frau Li in Schanghai ihren ersten Volkswagen erwirbt, profitieren davon mittelbar auch die Bergbaukonzerne rund um die Erde.
Und es gibt massenhaft Singhs und Lis. China und - noch in deutlich kleinerem Maßstab - Indien treiben die Nachfrage nach Rohstoffen. Eine Wachstumsrate von 9,3 Prozent jährlich über die vergangenen 15 Jahre in China hat einen gewaltigen Abnehmer von Erz, Kohle, Nickel, Kupfer oder Gold heranwachsen lassen.
In jedem Haus stecken Metalle
Ein Ende des Nachfragebooms ist nicht abzusehen: In diesem Jahr dürfte Chinas Bruttoinlandsprodukt um weitere 9,4 Prozent zulegen. Und die avisierte Abkühlung der Konjunktur im kommenden Jahr bedeutet wohl immer noch eine Wachstumsrate von mindestens 8,5 Prozent.
In jedem Haus, das zwischen Schanghai im Osten und Lhasa im Westen gebaut wird, in jedem Automobil, das bei Volkswagen oder First Automotive Works in China vom Band läuft, in jedem Mobiltelefon, das Siemens oder Nanjing Bird fertigen, stecken Metalle.
Mit Indien wächst ein weiterer wichtiger Markt heran. Zwar verfügt Indien selber über riesige Rohstoffvorkommen, insbesondere Eisenerz und Kohle, die für die Stahlproduktion gebraucht werden.
Indische Mittelschicht
Doch wenn die Wachstumserwartungen der Regierung von etwa 6 Prozent jährlich auch weiterhin gelten, dürfte auch der Subkontinent mittelfristig zum großen Rohstoffkäufer werden.
Wächst die Nachfrage dank einer prosperierenden indischen Mittelschicht mittelfristig in vergleichbarer Geschwindigkeit wie in China seit gut fünf Jahren, dürfte ein zweiter Großabnehmer für ausgewählte Metalle und Rohstoffe aus den Bergwerken in Australien, Südafrika und Brasilien heranwachsen.
Chinas Kohlegruben
Das kommt auch den Mitarbeitern zumindest in den Industrienationen zugute. Nicht nur in Australien sind die Stellen in den hochmodernen Minengesellschaften begehrt, denn sie gelten als sichere Arbeitsplätze, bringen Ansehen und viel Geld.
Sie unterscheiden sich fundamental von den Arbeitsplätzen in Chinas Kohlegruben mit mehr als 6000 Toten jährlich.
Aber wird die Rohstoff-Hausse so weitergehen?
Begrenzte Neuvorkommen
„Die weltweiten Rohmetall-Preise sind seit dem Jahresbeginn 2003 unaufhaltsam gestiegen, getrieben von der Nachfrage Chinas, einer wachsenden Industrieproduktion in den wichtigen Volkswirtschaften und schmelzender Lager aufgrund begrenzter Entdeckungen großer Neuvorkommen“, heißt es bei den Analysten der Bewertungsagentur Fitch Ratings.
Chinas Abkühlung aber zeichnet sich nicht ab. So ziehen die Analysten einen eindeutigen Vergleich: „Das Ganze ähnelt den beiden großen Aufschwungphasen der Branche, die mit der Erholung Europas in den fünfziger Jahren und der Industrialisierung Japans in den sechziger Jahren zusammenfiel.“
Charles „Chip“ Goodyear, Vorstandschef des Weltmarktführers BHP Billiton, stößt in das gleiche Horn:
Steigende Nachfrage
Innerhalb von nur fünf Jahren könne der China-Anteil am Gesamtumsatz von derzeit 12 auf 20 Prozent steigen. „Die Nachfrage dort ist nicht nur nachhaltig, ich bin überzeugt, sie wird sogar noch steigen.“
Und dies, obwohl die Preise für Metalle enorm zugelegt haben: Kupfer und Zink haben sich innerhalb von zwei Jahren verdoppelt.
Platin steht auf seinem höchsten Stand seit einem Vierteljahrhundert, Gold auf dem höchsten seit 17 Jahren - letzteres nicht nur getrieben durch die Schmuckindustrie, sondern auch durch die Inflationsangst der Investoren.
Hohe Unsicherheiten
Die australische Macquarie Bank rechnet damit, daß der Goldpreis noch in diesem Jahr auf mehr als 500 Dollar je Feinunze steigen werde, um sich 2006 wieder auf etwa 475 Dollar abzukühlen. „Wir glauben, daß die Finanzmärkte der Haupttreiber des Goldpreises ist“, sagt Analyst Michael Widmer.
Anders ausgedrückt: Hohe Unsicherheiten und eine hohe Inflation führen zu steigender Nachfrage nach Gold. Der Nachfrageschub für Basismetalle und Edelmetalle aber unterscheidet sich grundlegend:
Basismetalle verlangt die Industrie, getrieben etwa vom Bausektor oder der Automobilindustrie. Edelmetalle hingegen werden vor allem von Endverbrauchern oder von Zentralbanken nachgefragt.
Macht bei Preisverhandlungen
Die Hersteller sitzen dabei so oder so auf der Gewinnerseite. Angesichts des fragmentierten Marktes wie in der Stahlindustrie (Eisenerz) oder bei den Juwelieren (Diamanten, Platin) hätten die großen Minenkonzerne bemerkenswerte Macht bei Preisverhandlungen, heißt es bei Fitch.
Dominiert wird die Branche dabei von den wenigen diversifizierten Minenkonzernen, die sich in der letzten Dekade formiert haben:
Anglo American, BHP Billiton, Rio Tinto, Xstrata haben sich erst in den vergangenen Jahren durch Übernahmen und Fusionen in ihrer heutigen Form gebildet. Allein 2001 betrug das Transaktionsvolumen für Zusammenschlüsse im Minensektor rund 40 Milliarden Dollar.
Stahlkonzerne kaufen Minen
Gemeinsam stehen die großen Spieler heute für etwa 90 Prozent des FTSE Index der Minenindustrie. Dabei fällt auf, daß die Zusammenschlüsse der Branche und die folgende Integration in der Regel deutlich erfolgreicher verlaufen ist als in anderen Branchen - etwa der Autoindustrie.
Natürlich kam den Riesen dabei zugute, daß zeitgleich die Nachfrage wuchs, sie also eine Aufschwungphase zur Restrukturierung nutzten. Weltumspannend und in praktisch allen Bereichen tätig, können sie ihre Kunden ähnlich gut bedienen wie die Ölindustrie.
Nun versuchen immer mehr Verbraucher, etwa Stahlkonzerne, sich angesichts steigender Preise der Bodenschätze auch die Quellen zu sichern - gerade in Australien geben verstärkt chinesische Unternehmen Angebote für Minen ab.
Gut gepolstert
Der Umsatz der Rohstoffbranche (ohne Öl und Gas) stieg seit 2002 im Schnitt um 16 Prozent. Rio Tinto steigerte den Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) im gleichen Zeitraum um 16 Prozent, Anglo American um 14 Prozent und BHP Billiton um 13 Prozent.
Damit scheinen die Großen gut genug gepolstert, um die beiden künftigen Herausforderungen der Branche zu bewältigen: einerseits den Ausbau der Reserven dank der immer teureren Erschließung entlegener Gruben und Felder; andererseits die Übernahme kleinerer Unternehmen zu immer höheren Preisen.
Kohle und Stahl
Hayri Ergun (DrErgun)
- 25.10.2005, 15:53 Uhr
