Home
http://www.faz.net/-gqg-vcr3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Branchen (101): Lichtindustrie Angeknipst

08.07.2007 ·  Energiesparlampen senken die Stromrechnung und den Kohlendioxidausstoß. Das Ende der Glühbirne ist deshalb nur eine Frage der Zeit. Für die Lampenhersteller ist der Wechsel ein lukratives Geschäft. Doch die Verbraucher haben noch Vorbehalte.

Von Rüdiger Köhn
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Ein Kilometer energiesparende Straßenbeleuchtung kostet 10.197 Euro. Das ist der Stadt Vechta in Nordrhein-Westfalen die Umwelt wert - und spart gleichzeitig Geld. Denn die Investition, hat der Anbieter Philips vorgerechnet, hat sich nach acht Jahren amortisiert. Das ist schnell. Etwa 30 Prozent der Beleuchtung auf Deutschlands Straßen und Plätzen basieren noch auf Technik der sechziger Jahre, die vor mehr als zwanzig Jahren installiert worden ist.

Die Straßenlaterne muss längst keine Energieschleuder mehr sein. Rund 200 Millionen Euro könnten Stadtverwaltungen einsparen. In der Modellrechnung für Vechta sinken die Energiekosten durch den Einsatz von Sparlampen um 53 Prozent, und das bei größerer Lichtausbeute. Je Kilometer spart das 1256 Euro im Jahr. Der Ausstoß von Kohlendioxid vermindert sich um mehr als 50 Prozent oder fünf Tonnen je Kilometer und Jahr.

Bis zu 400 Millionen Euro Ersparnis möglich

Drinnen ist noch mehr Potential. Zumtobel, Schweizer Hersteller von Beleuchtungssystemen, hat errechnet, dass durch intelligentes Lichtmanagement mit dem Einsatz von modernen Lampen, Sensoren sowie Steuerungs- und Betriebsgeräten im Bürogebäude oder in einer Parkgarage der Energieaufwand gegenüber alten Lösungen um ein Drittel gesenkt werden könnte.

Die Zusatzkosten für 100 dimmbare Leuchten betragen demnach 3000 Euro. Dem steht eine jährliche Energieersparnis von 2400 Euro gegenüber. Die vermeintlich teure Investition hat sich binnen 15 Monaten gerechnet; nicht zu reden vom verminderten Kohlendioxid-Ausstoß. Bis zu 400 Millionen Euro könnte der Einsatz moderner Lichttechnik in deutschen Büros an Ersparnis bringen.

Schwarzenegger und Australien als Vorreiter

Professionelle Lösungen für Büros, öffentliche Gebäude, Straßen oder Plätze haben einen Anteil von etwa 80 Prozent am gesamten Lichtmarkt. Der private Konsument deckt nur ein Fünftel ab, wenn er zu Glühbirnen, Halogen- oder zu Energiesparlampen greift. Doch ist es just in der breiten Bevölkerung zur großen Erleuchtung gekommen. Malcom Tumbull hatte öffentlichkeitswirksam der mehr als 100 Jahre alten Glühbirne den Kampf angesagt. Der australische Umweltminister will mit der Verbannung von 2010 an etwas für den Klimaschutz tun.

Tumbull ist mit seinem Regierungschef, dem konservativen Ministerpräsidenten John Howard, ein Coup gelungen. Obwohl sich das vom Ozonloch besonders betroffene Australien - wie die Vereinigen Staaten - nicht dem Kyoto-Klimaschutzprotokoll angeschlossen und damit Kritik eingehandelt hat, stand es plötzlich als Umweltengel da. Der Vorstoß fand in Deutschland ein großes Echo: Kein Tag verging, an dem nicht ein Politiker die Glühbirne verdammte und nach der Energiesparlampe rief. Die Ersten waren die Australier nicht. Schon im Januar hatte der kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger das Ende der Glühbirne bis zum Jahr 2012 ausgerufen.

Die letzte Glühbirne

Die Letzten waren die Minister von Downunder ebenso nicht: Wochen später hat Kanada über die Verbannung sinniert. „Wir sind mit vielen Regierungen in Diskussionen über den Einsatz von Energiesparlampen“, sagte denn auch in jenen Tagen Theo van Deursen, der Vorstandschef der Lichtsparte des niederländischen Elektronikkonzerns Philips. Neben Venezuela habe es Kontakte zu Kuba gegeben. Philips, Nummer eins auf dem Lichtmarkt vor der deutschen Siemens-Gesellschaft Osram und der amerikanischen General Electric (GE), liefert 10 Millionen solcher Lampen dorthin.

Philips-Manager van Deursen rechnet damit, dass das Thema an Dynamik gewinnen und das Aus der Glühbirne durch das Entstehen von europäischen Standards beschleunigt wird. In fünf, maximal in sieben Jahren könnte die letzte Glühbirne produziert werden, lautet seine Prognose. Van Deursen wie seine Kollegen von Osram und GE konnte nichts Besseres passieren als der australische Vorstoß. Denn die von Politikern empfohlene Energiesparlampe bringt Impulse in ein bisher wenig dynamisches Geschäft. In Europa, dem zweitgrößten Markt, entwickelt sich das Leuchten- und Lampengeschäft mäßig. In Deutschland hat sich seit Jahren der Absatz abgeschwächt und gerät nur langsam mit der Baukonjunktur in Bewegung.

300 Millionen Tonnen weniger Treibhausgas

Da kommt ein Ersatzbeschaffungsprogramm für die Hersteller genau richtig. Van Deursen etwa berichtet für die ersten drei Monate über einen Absatzsprung von 40 Prozent bei Energiesparlampen für den privaten Hausgebrauch. In Deutschland stieg der Verkauf im ersten Quartal laut ZVEI im Gesamtmarkt sogar um 55 Prozent. Die Politik gab willkommene Rückendeckung für etwas, was Philips, Osram, GE und Co. schon lange propagiert hatten.

Der Einsatz neuer Lichttechnik, das zeigen Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) sowie das World Resource Institute (WRI), könnte weltweit eine Einsparung von jährlich 20 Prozent oder rund 53 Milliarden Euro bringen, davon mindestens 13,4 Milliarden Euro in Europa. Mehr als 800 Millionen Barrel Rohöl (ein Barrel entspricht 159 Liter) könnten in der Stromerzeugung und somit 265 mittelgroße Kraftwerke eingespart, der Ausstoß des Treibhausgases um mindestens 300 Millionen Tonnen vermindert werden.

Energiesparlampe hat sich noch nicht durchgesetzt

Die beeindruckenden Zahlen resultieren aus der Tatsache, dass die traditionelle Glühbirne nur 5 Prozent des Stroms in Licht wandelt, aber 95 Prozent für Wärme vergeudet. In Europa werden jedes Jahr zwei Milliarden dieser ineffizienten Glühbirnen gekauft; drei Viertel des im Büro benutzten Lichts basiert immer noch auf altmodischer Technik. Zu unterschätzen ist die Bedeutung von Licht nicht: Weltweit hat es einen Anteil von 19 Prozent am Stromverbrauch.

„Im Bewusstsein hat sich etwas getan“, sagt Jürgen Waldorf, Geschäftsführer des ZVEI-Fachverbandes Elektrische Lampen und Elektroleuchten. „Dennoch ist die Energiesparlampe noch nicht richtig beim Konsumenten angekommen.“ Es gebe noch Vorbehalte aus den Anfängen der Technik, als die Produkte grelles und diffuses Licht lieferten. Die Hersteller arbeiten mit Hochdruck daran, das Licht wärmer und damit wohnlicher aussehen zu lassen. Hinzu kommt, dass solche Lampen in der Anschaffung teuer sind, wenngleich sie weniger Energie verbrauchten und eine bessere Lichtqualität hätten. „Sobald es an das eigene Portemonnaie geht, verliert der Umweltgedanke oft an Bedeutung.“

Stromkonzerne blockieren

Die Preise für die modernen Lichtspender sind zwar schon deutlich gesunken. Und die Preise würden auch noch weiter fallen, sagt van Deursen vom Marktführer Philips. Doch im Preisvergleich mit Glühbirne und Halogenlampe schreckt die Stromsparversion immer noch ab. Zudem ist die Rücknahme im privaten Verbrauch nicht geregelt und erweist sich als Hemmnis. Die Glühbirne besteht aus Glas, Glühdraht und etwas Blech; die Energiesparer sind mit Elektronik vollgestopft und gehören daher nicht in den Hausmüll.

Im professionellen Umfeld sind Rücknahmesysteme längst organisiert. Zudem sind die Firmen aufgeschlossener. Würden neue Lichtsysteme angeschafft, beobachtet Waldorf, spiele Effizienz eine große Rolle. Auch in Kommunen wächst das Bewusstsein, selbst wenn die hohen Investitionen mitunter finanzielle Kraftakte erfordern, für die es schon private Finanzierungsmodelle gibt. Nicht immer wird aber diese Bereitschaft belohnt. Städte und Gemeinden sind da von Energieversorgern abhängig, die in langfristigen Verträgen Strom für die Beleuchtung von Straßen und öffentlichen Plätzen liefern und diese warten - und den Sparprozess nicht immer fördern.

Die Gemeinde Nack bei Alzey etwa hat modernisiert. Vom Ersparten hat sie wenig. Das landet letztlich beim Stromversorger. Das scheint bei kleineren Kommunen kein Einzelfall zu sein, die anders als große Städte eine schwächere Position gegenüber Stadtwerken oder Stromkonzernen haben. Warum sollten die daran interessiert sein, jährlich 1256 Euro je Kilometer Straße weniger Umsatz zu machen?

Quelle: F.A.Z., 09.07.2007, Nr. 156 / Seite 21
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1958, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7

29.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.396,84 +1,16%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.394,15 +1,26%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2465 −0,19%
Rohöl Brent Crude 106,30 $ −0,51%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.