02.07.2007 · Für die Windkraft sind die Zeiten stürmisch. Die Hersteller der weißen Windräder liefern in alle Welt und können sich vor Aufträgen kaum retten. Energiekonzerne beobachten das mit Argwohn.
Von Rüdiger KöhnEs übersteigt noch die Vorstellungskraft: 271 Windturbinen sollen auf einer Fläche von 245 Quadratkilometer in vier Jahren Strom für 750.000 Haushalte liefern. Das ist ein Viertel von London einschließlich Speckgürtel. Ende 2006 hat die britische Regierung dieses schätzungsweise 2,5 bis 3 Milliarden Euro teure, technisch außerordentlich ambitionierte Projekt mit dem Namen „London Array“, beschlossen. Die bis dato größte Windfarm würde entstehen - im Meer.
Das Offshore-Projekt wird von Shell Wind Energy, dem deutschen Energiekonzern Eon sowie dem dänischen Gemeinschaftsunternehmen Core 20 Kilometer vor der Mündung der Themse an der Ostküste Englands errichtet. Wenn es nach 2010 fertiggestellt sein wird, verfügt es über eine Kapazität von 1000 Megawatt (MW) und erspart der Atmosphäre 1,9 Millionen Tonnen Kohlendioxid. „London Array“ kann 1 Prozent des britischen Strombedarfs decken und hilft, ein Ziel zu erreichen: 2010 sollen 10 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien stammen, zehn Jahre später 20 Prozent.
Offshore-Technik ist wesentlich anspruchsvoller
Solche Offshore-Projekte werden nach Angaben der European Wind Energy Association kräftig an Bedeutung gewinnen, sollen doch bis zum Jahr 2020 Windräder mit insgesamt 70.000 MW Leistung im Meer installiert werden. Nicht so in Deutschland, das Weltmeister in Sachen Windenergie ist. Bislang hat es viele Bedenken gegen die Installation solcher Anlagen in der Weite von Nord- und Ostsee gegeben, mehr als 30 Kilometer von der Küste entfernt in Wassertiefen von 40 Meter und mehr - aus Gründen des Naturschutzes, aufgrund der Schifffahrtsrouten sowie aus Sorge um den Tourismus.
Die erforderliche Technik jedenfalls ist wesentlich anspruchsvoller als die für Installationen an Land (Onshore). Wie diffizil das ist, zeigen die technischen Probleme des internationalen Marktführers Vestas aus Dänemark, der Probleme mit einer speziell für Offshore-Zwecke entwickelten Anlage hat. Andere führende Anbieter lehnen ein Engagement zur See ab oder ziehen sich zurück; die deutsche Enercon, die spanische Gamesa und GE Wind von General Electric - die drei streiten sich um die Position als Nummer zwei.
Gabriels Verbeugung gegenüber den Energiekonzernen
Umso überraschender ist die Bekanntgabe der Bundesregierung am vergangenen Donnerstag, Offshore-Strom stärker fördern zu wollen. Die garantierten Einspeisevergütungen für Strom sollen von derzeit 9,1 Cent je Kilowattstunde (KWh) auf bis zu 14 Cent steigen. Das ist mehr als für die an Land erzeugte Windenergie mit 5,17 Cent, aber weit weniger als die für Solarstrom mit 47 Cent. Am Dienstag wird sich die Bundesregierung auf dem Energiegipfel mit dem Thema Erneuerbare Energien und damit auch mit dem wichtigsten Bestandteil Windkraft beschäftigen. Die Begriffe „Onshore“ und „Offshore“ stehen stellvertretend für einen Konflikt, der sich anbahnt.
Die „traditionellen“ Anbieter von Windkraftanlagen wie Vestas, Enercon, Repower oder Nordex verdanken ihre stürmischen Geschäfte den weißen Windrädern, die an Land aufgestellt werden. Eine Förderung von Anlagen zu Wasser kommt den Energiekonzernen entgegen. Sie sind - wenn überhaupt - im Offshore-Bereich tätig: Vattenfall in Schweden, Eon und RWE in Großbritannien. So sehen Experten die jüngste Aktion von Umweltminister Sigmar Gabriel eher als Verbeugung gegenüber den Energiekonzernen, für die Windkraft zum ernsthaften Konkurrenten für Strom aus fossilen und nuklearen Quellen wird.
Die von der Bundesregierung geforderte Effizienzsteigerung im Stromverbrauch von 3 Prozent jährlich führt zu entsprechendem Absatzverlust. Im Strommarkt nimmt Windkraft den etablierten Anbietern in Deutschland schätzungsweise ein Prozentpunkt Marktanteil im Jahr ab.
Das Zauberwort heißt „Repowering“
Was sich also gerade abspielt, ist nichts anderes als eine Auseinandersetzung zwischen den großen Energiekonzernen und den Anbietern sowie Betreibern von Windkraftanlagen - mittendrin die Bundesregierung. „Es gibt keinen Anlass für Bundeskanzlerin Merkel, den Forderungen der etablierten Energiewirtschaft und Teilen der Industrie nach Abschwächung der Ziele zum Ausbau erneuerbarer Energien nachzugeben“, warnt Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes Wind Energie (BWE).
Die Klimaschutzziele, bis zum Jahr 2020 ein Fünftel des verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Energien bereitzustellen, seien mit dem verstärkten Ausbau der Windkraft nicht nur erreichbar, sondern könnten sogar übertroffen werden. Pikant wird die Aussage des Interessenverbandes durch die Tatsache, dass der BWE im Interesse seiner Mitglieder mehr auf Windkraftanlagen an Land bezieht. Und Albers hat die Ziele nun erhöht: Statt der bislang 20 Prozent, glaubt er, könnte nun 25 Prozent des Verbrauchs aus Wind erzeugt werden.
Das sind 150 Milliarden Kilowattstunden. Davon sollen mindestens 110 Milliarden KWh aus Onshore-Anlagen generiert werden. Die Sorge, dass Deutschland mit den Mühlen übersät werden sollte, ist indes unberechtigt. Denn das Zauberwort heißt „Repowering“: der Ersatz von Anlagen aus den neunziger Jahren durch größere, leistungsfähigere Windräder.
Deutschland liegt an der Weltspitze
Die heutzutage produzierte Leistung eines Windrades liegt bei 2 bis 3 MW. Damit kann eine Anlage 10 kleine Räder ersetzen. Dieser Trend ist wichtig für Gemeinden, die sich schwertun, den Bau solcher Anlagen noch zu genehmigen. Denn immer mehr rührt sich der Widerstand der Bevölkerung, die sich durch die Geräuschentwicklung belästigt fühlt. Das ist für die Politik ein Grund, die See als Zuflucht zu suchen; dort stören Rotoren am wenigsten.
Doch der Strom aus Wind ist nicht aufzuhalten. Heute hat er einen Anteil von 1 Prozent an der globalen Stromerzeugung; 2020 soll er auf 15 Prozent steigen. Das Weltmarktvolumen für den Neubau steigt Schätzungen zufolge von heute 19 Milliarden Euro auf dann 100 Milliarden Euro.
Deutschland liegt mit einem Anteil von 27 Prozent an der in aller Welt installierten Leistung an der Spitze. Die Wachstumsraten der vergangenen Jahre scheinen daher nicht wiederholbar zu sein. Im Jahr 2006 waren die Vereinigten Staaten bereits auf dem ersten Platz, wenn es um neu installierte Leistungen (2500 MW) ging, vor Deutschland (2200 MW). Dennoch wurden hierzulande noch 1200 neue Windräder aufgestellt. Für die deutschen Hersteller wird künftig das Auslandsgeschäft Wachstumstreiber sein. Nach Schätzung des dänischen Marktforschungsinstitutes BTM wächst die neu erbaute Leistung bis 2011 jährlich um 17 Prozent.
Finanzinvestoren haben bereits Kasse gemacht
Asien liegt mit 29 Prozent vor Amerika (24 Prozent). In Europa wird das Plus „nur“ noch 16 Prozent betragen, was aber nicht verwundert. Denn mit einem Anteil von 46 Prozent ist der „alte Kontinent“ der größte Markt. Die stürmische Nachfrage aus dem Ausland sorgt denn auch für Kapazitätsengpässe und lange Lieferzeiten von teilweise mehr als zwei Jahren. Die verlustreiche Startphase haben die Anbieter hinter sich gelassen. Die Gewinne steigen ansehnlich.
Das ist ein Grund, warum die Unternehmen Repower und Nordex innerhalb eines Jahres ihren Börsenwert fast vervierfacht beziehungsweise verdreifacht haben. Die andere Ursache ist die Übernahmephantasie. Finanzinvestoren, die sich weitsichtig noch zu schlechten Zeiten eingekauft hatten, haben bei Repower bereits Kasse gemacht. Sie ist gerade erst für 1,2 Milliarden Euro vom indischen Windkraftanlagenhersteller Suzlon übernommen worden, die Nummer fünf auf dem Weltmarkt. Sie hat den staatlichen französischen Energiekonzern Areva ausgestochen, der mit Windkraft seine Dominanz in der Kernenergie abbauen wollte.
Nun steht Nordex zum Verkauf. Deren Eigentümer - ebenso Finanzinvestoren - nutzen die Gunst der Stunde, nachdem der Börsenwert auf 1,8 Milliarden Euro gestiegen ist. Areva könnte wieder von der Partie sein, aber auch die Widerstreiter RWE, Eon oder Vattenfall sollen angeblich interessiert sein.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,30 $ | −0,51% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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