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Bombay Die Anschläge zielen auf die Wirtschaft

27.11.2008 ·  Die Anschläge in Bombay treffen Indiens Wirtschaft ins Mark. Die Attentäter wählten die wichtigsten Orte für ausländische Geschäftsleute. Praktisch jede Delegation, die nach Bombay reist, steigt in einem der Hotels ab.

Von Christoph Hein
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Die Anschläge in Bombay (Mumbai) treffen Indiens Wirtschaft ins Mark. Denn die Angriffe auf Ziele im Touristen- und Handelsbezirk und die Geiselnahmen in den beiden Luxushotels richteten sich gegen Ausländer und Geschäftsleute. Praktisch jede Delegation, die nach Bombay reist, steigt in einem der beiden Hotels ab, hier finden die Abendempfänge und auch viele Veranstaltungen der Handelskammern statt. Die Attentäter wählten einen Zeitpunkt, in dem die Wirtschaftswelt sowieso schockiert ist vom raschen Wachstumseinbruch Indiens. Zudem wächst schon seit Monaten die Sorge vor neuen Anschlägen, auch wegen der bevorstehenden Wahlen in einigen Bundesländern und der Parlamentswahl. In der Vergangenheit war die Wirtschaftshauptstadt Indiens immer wieder Opfer von Bomben geworden – zuletzt 2006 mit den verheerenden Angriffen in den Nahverkehrszügen. Nun aber ist zum ersten Mal die indische Finanz- und Geschäftswelt Ziel der Terroristen.

Am Donnerstag machten die beiden Börsen Bombays erst gar nicht auf. Weite Teile der Stadt, die sonst vor Verkehr bersten, wirkten wie ausgestorben. Zahlreiche internationale Unternehmen wie Walt Disney oder Microsoft schlossen ihre Büros. Überall in Asien wurden Geschäftsreisen nach Indien abgesagt. Singapore Airlines bot ihren gebuchten Passagieren an, Flüge nach Bombay kostenfrei um Monate zu verschieben. Sollte der Aktienhandel schon an diesem Freitag wiederaufgenommen werden, sind starke Kurseinbußen zu erwarten; der Druck auf die schwache Rupie wird steigen.

Hier leben Milliardäre, Millionäre und sehr gut ausgestattete Ausländer

Die Bombay Stock Exchange in der Dalal Street, der älteste Handelsplatz für Aktien in Asien, liegt in Fußweite der angegriffenen Hotels. Ein paar Straßen hinter dem am Donnerstag noch brennenden Taj-Mahal-Hotel liegt im Bombay House die Zentrale der Tata-Gruppe, Indiens führendem Konglomerat. Um die Ecke wohnt dessen Chef, Ratan Tata, Ikone der indischen Wirtschaft. Auf der anderen Seite residieren die milliardenschweren Ambani-Brüder. Aus den Fenstern des am Donnerstagabend noch besetzten Trident-Oberoi-Hotels blickt man auf die Firmenzentrale von Vijay Mallya, Gründer der Fluglinie Kingfisher und Erbe der Brauereigruppe UB. Die Deutsche Handelskammer ist nicht weit entfernt. Dazwischen Galerien, Antiquitäten- und Andenkenläden, schmucke Restaurants für die oberen Zehntausend, Geschäftszentralen. In den Einkaufspassagen im Taj-Hotel, das zur Tata-Gruppe zählt, und im Oberoi-Hotel sitzen die teuersten Luxusmarken der Welt.

Video: Premier Singh warnt Nachbarländer nach Terroranschlägen

Hierher, an die südliche Landspitze Nariman Point, kommt der durchschnittliche „Mumbaikar“ nur, um am Wochenende das Gateway of India zu bestaunen. Ansonsten gibt es keinen Laden, den er sich leisten könnte. Bombay ist gekennzeichnet durch ein enormes Einkommensgefälle. Rund um die Landspitze leben Milliardäre, Millionäre und sehr gut ausgestattete Ausländer. Hier wird generiert, was Bombay reich macht. Die Stadt trägt gut 5 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt Indiens und 40 Prozent zum gesamten Steueraufkommen bei. Handelsmetropole schon unter den britischen Kolonialherren, ist das heutige Mumbai vom modernen Indien ausersehen, globale Bedeutung zu erringen. „In Indien wächst ein Finanzsektor der Ersten Welt heran. Aber es hat die Probleme der Dritten Welt. Die eine Welt versteht nichts von den Problemen der anderen“, sagt Nasser Munjee, Vorstandsvorsitzender der Infrastructure Development and Finance Company. In Indiens Wirtschaftshauptstadt prallen die Gegensätze der Gesellschaft auf wenigen Quadratkilometern so hart aufeinander wie sonst kaum in Asien. Denn nur ein paar Kilometer hinter der reichen Landspitze Bombays liegt der größte Slum Asiens, Dharavi. Knapp 60 Prozent der fast 20 Millionen Einwohner leben in Slums. Flüchtlinge aus Bangladesch vegetieren auf den Straßen, auf der sich Milliardäre im Bentley chauffieren lassen. In der Vergangenheit sorgten diese Konflikte, gepaart mit ethnischen und religiösen Vorbehalten, immer wieder für Attentate. Die gezielte Gewalt gegen Ausländer und Geschäftsleute aber war im Schmelztiegel Bombay bislang unbekannt.

Indische Börse hat in diesem Jahr schon fast 60 Prozent verloren

Die Anschläge auf die Wirtschaftshauptstadt und die ausländischen Manager trifft Indien zu einem Zeitpunkt, an dem es um Vertrauen ringt. Die Börse hat dieses Jahr fast 60 Prozent ihres Wertes eingebüßt. Ausländische Investoren haben schon 13,4 Milliarden Dollar aus dem Aktienmarkt abgezogen. Im vergangenen Jahr hatten sie noch indische Aktien im Wert von gut 17 Milliarden Dollar gekauft. Auch der Häusermarkt gerät unter Druck. „Verglichen mit dem Rest Asiens ist Indien eine der verschlossenen Volkswirtschaften. Ausfuhren stehen nur für 22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, im Schnitt Asiens machen sie 52 Prozent aus. Trotzdem ist ein scharfer Einbruch unvermeidlich“, sagt Sonal Varma von der Bank Nomura. Nach 9 Prozent Wachstum 2007 rechnet der Internationale Währungsfonds für Indien in diesem Jahr noch mit 7,8, im nächsten nur noch mit 6,3 Prozent Wachstum. Die Unternehmer fordern die Regierung auf, für Zinssenkungen zu sorgen. Die Regierung fordert die Unternehmer auf, die Preise zu senken.

Wegen der Anschläge werden keine Großprojekte zum Stillstand kommen. Doch das Gefühl der allgemeinen Unsicherheit wird steigen und die Konsumlaune beeinträchtigen. „Die tragischen Ereignisse von Bombay könnten in beachtliche Verunsicherung münden, die das Investitionsklima verdüstert, wenn die Politik und Sicherheitskräfte nun nicht schnell und entschlossen vorgehen“, warnte Moody’s.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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