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BND-Studie Amerika wird unabhängig von der Golfregion

Amerika produziert selbst immer mehr Öl und Gas. Die Großmacht wird sich darum weniger um die Sicherheit im Nahen Osten kümmern, erwartet der Bundesnachrichtendienst. Für China ist das schlecht, für Deutschland gut.

© dpa Ölförderung in Oklahoma

Der neue Gas- und Ölreichtum der Vereinigten Staaten wird die Politik im Nahen Osten nach Einschätzung von Geheimdienstexperten massiv verändern. In einer vertraulichen Studie des Bundesnachrichtendienstes (BND) heißt es, durch die riesigen Schiefergas- und Ölfunde würden die Vereinigten Staaten bis zum Jahr 2020 vom größten Energieimporteur der Welt zu einem Exporteur von Öl und Gas. Dadurch ändere sich auch das Machtgefüge zwischen der Supermacht und dem aufstrebenden China.

Hintergrund ist der Boom bei der durch neue Technologien möglich gewordene Produktion von Gas und Öl in Amerika, etwa in North Dakota oder Texas. Schieferöl und -gas wird mit Hilfe des sogenannten Fracking gewonnen. Dabei werden die Rohstoffe mit Horizontalbohrungen unter Einsatz von hohem Druck, Chemikalien und Wasser aus dem Schiefergestein gelöst. Die Funde sind nach Einschätzung der Internationale Energieagentur (IEA) so groß, dass die Vereinigten Staaten Russland und Saudi-Arabien bis 2020 als größte Ölproduzenten einholen könnten.

Amerika wird sich weniger engagieren im Nahen Osten

Umwälzungen auf den weltweiten Energiemärkten erwarten Experten durch die Funde in Amerika schon länger. In der BND-Studie analysieren die Autoren jetzt auch die gravierenden wirtschaftlichen, finanziellen und geostrategischen Folgen. Dramatisch seien vor allem die Folgen in den internationalen Beziehungen und das Machtgefüge zwischen den Vereinigten Staaten und China.

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Betroffen sein wird vor allem die Golfregion: Die Amerikaner hätten sich bisher politisch und militärisch deshalb so massiv im Nahen und Mittleren Osten engagiert, weil sie von den dortigen Energielieferungen abhängig gewesen seien. Bald könnten die Vereinigten Staaten aber komplett auf Lieferungen aus der Region verzichten, sagt die BND-Studie voraus. Damit werde „die außen- und sicherheitspolitische Handlungsfreiheit“ für die Regierung in Washington erheblich zunehmen. Unter anderem verliere die vom Iran angedrohte Sperrung der Straße von Hormus deshalb für die Amerikaner an Schrecken, weil die Versorgung des Landes künftig nicht mehr von Lieferungen der arabischen Staaten abhängig sei.

China wird die Hälfte des arabischen Öls abnehmen

Großer Verlierer der Entwicklung könnte dagegen China sein, prognostiziert die Studie. Denn das Land werde mit seinem ungebremsten, wachsenden Rohstoffbedarf künftig die Hälfte des arabischen Öls abnehmen. Damit aber nehme die Abhängigkeit von der Golfregion in einer Zeit zu, in der China noch nicht über genügend militärische Mittel verfüge, die für sie wichtigen Transportwege auch zu schützen. Bisher, so schreiben die Autoren, sicherten vor allem die Milliarden-Investitionen Amerikas in ihre weltweit agierende Flotte die Sicherheit und Freiheit der Handelswege. Davon profitiere vor allem auch China.

Mit dem immer weiter abnehmenden Interesse an der Sicherheit der Rohstofflieferungen etwa aus Saudi-Arabien dürfte aber im Gegenzug in Washington die Bereitschaft sinken, immer neue große Milliardenbeträge in die militärische Kapazitäten für diese Region zu stecken. „Die Verwundbarkeit chinesischer Energieversorgungsrouten“ werde also wachsen und der Handlungs-Spielraum der Vereinigten Staaten gegenüber dem potentiellen Rivalen erheblich zunehmen.

Auch Russland zählt zu den Verlierern

Nach Ansicht der Studie gibt es aber auch andere Verlierer durch die Entwicklung der Schiefergas-Technologie und die Erschließung neuer Ölvorkommen. Dazu werden etwa die Opec-Länder und vor allem Russland gezählt. Bei den Opec-Ländern sinke die Marktmacht, weil Amerika bis 2020 weltweit größter Öl-Förderer werden könnte. Russland wiederum muss als einer der Hauptlieferanten für Europa mit neuer Konkurrenz rechnen, weil etwa Deutschland seinen Bedarf an fossilen Rohstoffen zunehmend aus Ländern decken könnte, die bisher die Vereinigten Staaten beliefern, wie Nigeria.

Hinzu kommt, dass Russland besonders anfällig für Verschiebungen auf den Energiemärkten ist, weil dort die Produktionskosten für Öl und Gas in schwer zugänglichen nördlichen Gebieten sehr viel höher sind als in vielen anderen Teilen der Welt. Das durch den sinkenden amerikanischen Import steigende Überangebot von Gas und Öl auf den Weltmärkten führt bereits jetzt zu einem erheblichen Preisverfall.

Deutschland profitiert

„Deutschland dagegen zählt zu den Gewinnern und dürfte seine Energieversorgungssicherheit deutlich erhöhen können“, heißt es gleichzeitig. Profitieren könnten nach Ansicht der Autoren der Irak, Kanada und Brasilien, in denen neue große Vorkommen an fossilen Rohstoffen entdeckt wurden.

Der BND erwartet aber auch, dass sich als Folge der Eigenproduktion von Öl und Gas die Wettbewerbsfähigkeit der zuletzt angeschlagenen amerikanischen Wirtschaft wieder verbessern wird. Bis zum Jahr 2020 wird in den Vereinigten Staaten mit rund drei Millionen neuen Arbeitsplätzen allein deshalb gerechnet, weil die Stromkosten für die Industrie schon heute nur noch knapp 60 Prozent des deutschen Niveaus betragen und deshalb besonders energieintensive Unternehmen in Amerika einen attraktiven Standort sehen. Der Gaspreis ist nach Angaben von Experten noch stärker gesunken.

Erstmals haben die Vereinigten Staaten wegen der drastisch sinkenden Importe und der steigenden Exporte von fossilen Rohstoffen sogar eine Chance, ihr riesiges Handels- und Leistungsbilanzdefizit wieder in den Griff zu bekommen. Bis 2020 dürfte sich das Defizit halbieren, was die Rolle des Dollar als weltweite Leitwährung festigen werde, schreiben die Autoren der Studie.

Quelle: Reuters

 
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