18.12.2006 · Milch, Käse, Eier und Hähnchen werden wahrscheinlich demnächst deutlich mehr kosten. Denn wenn Getreide im Tank landet, kann das liebe Vieh davon nicht satt werden.
Von Henning PeitsmeierEigentlich ist Volker Harenberg ja Landwirt. Der Achtunddreißigjährige führt einen 160 Hektar großen Ackerbaubetrieb im südniedersächsischen Rhüden, einer 3000-Seelen-Gemeinde am Fuße des Harzes. Harenberg baut Weizen, Gerste, Raps und Zuckerrüben an, und der Hof muß ihn und seine vierköpfige Familie ernähren.
Das funktioniert seit einiger Zeit besser als gedacht, denn Harenberg ist über Nacht zum Energiewirt geworden. „Die steigende Energienachfrage beschert mir ein Zusatzeinkommen“, sagt Harenberg. Vergessen sind die Klagen über Milchquoten, Zuckermarktreform oder Flächenstillegungen. Von Harenbergs Acker stammt der Sprit für die Bio-Autos. Seitdem zunehmend Kraftstoffe auf Pflanzenbasis getankt werden, Autos mit Biodiesel und Ethanolbenzin fahren, ist der Ackerbau erste Alternative zu den fossilen Brennstoffen. Heute kommen in Deutschland schon fünf Prozent des Dieselverbrauchs aus dem Energiepflanzenanbau. Und es werden immer mehr.
„Energie frißt Lebensmittel“
Der Sprit aus Getreide ist Segen und Fluch zugleich. Während sich Landwirt Harenberg über die neue Einkommensquelle freut, treiben die sinkenden Getreidevorräte dem Lebensmittelunternehmer Paul-Heinz Wesjohann Sorgenfalten auf die Stirn. Wesjohann ist Europas größter Hähnchenproduzent. 700 selbständige Landwirte arbeiten für seinen PHW-Konzern, züchten jedes Jahr mehr als 230 Millionen Küken, die dann als „Wiesenhof“-Hähnchen in den Kühlregalen der Supermärkte landen. Zwischen 3,50 Euro und 4,50 Euro kostet so ein Hähnchen.
Doch PHW-Chef Wesjohann versucht in diesen Tagen im Lebensmittelhandel Preiserhöhungen von 10 Prozent durchzusetzen. Der Grund: Weizen, Gerste und Raps haben sich dramatisch verteuert. „Ich muß meinen Landwirten schon Futtermittelzuschüsse zahlen, 7,5 Cent je Kilo Hähnchen“, sagt Wesjohann. Futtermittel sind mit 60 Prozent der größte Kostenblock in der Hähnchenproduktion. Wesjohann ist mit diesem Problem nicht allein: Die Verteuerung landwirtschaftlicher Vorprodukte trifft die gesamte Lebensmittelindustrie, von den Molkereien über die Metzger bis zum Bäcker, nur Obst und Gemüse sind nicht betroffen. Wesjohann bringt die Knappheit auf den kurzen Nenner „Energie frißt Lebensmittel“.
Anbauflächen für Raps werden knapp
Wegen der weltweit gestiegenen Nachfrage hat sich zum Beispiel Weizen in Deutschland innerhalb von nur drei Monaten um 50 Prozent verteuert. Während der Erntezeit kostete der Doppelzentner 10,50 Euro, jetzt sind es mehr als 15 Euro. Und für Raps, Basis für Biodiesel-Treibstoff, werden sogar die Anbauflächen in Deutschland knapp.
Dabei ist selbst Umweltschützern und grünen Politikern klar, daß der Raps allein die mobilisierte Welt nicht vom Erdöltropf befreien kann. Um etwa das von der Europäischen Union vorgegebene Ziel einer Pflanzen-Beimischung von 5,75 Prozent beim Biodiesel zu erreichen, müßte für die Ölfrucht die Anbaufläche deutlich größer sein, als sie heute schon für Nahrungs- und Treibstoffzwecke beansprucht.
„Das Fell wird nun mehrfach verteilt“
Der Gedanke, vom Erdöl unabhängig zu werden, ist nicht neu. Aufgeschreckt von den steigenden Energiekosten und Verschärfungen bei den Emissionsrechten, hat die Autoindustrie zuletzt immer größere Anstrengungen unternommen, Alternativen zum Verbrennungsmotor zu entwickeln. Auf dem Weg zur Bio-Mobilität ist eine geringfügige Beimischung von aus Zuckerrüben gewonnenem Ethanol zum Benzin oder Dieselkraftstoff auf Rapsbasis ein bequemer Anfang, weil die Motoren nicht groß verändert werden müssen. Außerdem käme die Autoindustrie ihrem Ziel näher, den hohen Stickoxydausstoß zu mindern, ohne in neue, teurere Harnstoffkatalysatoren investieren zu müssen.
Für die Mineralölindustrie wiederum lohnt sich die geringfügige Beimischung von Rapsdiesel zum herkömmlichen Diesel und Bioethanol zum Benzin wegen der Steuerbefreiung. Die Wechselwirkung auf die Nahrungskette erkennen die Mineralölkonzerne sehr wohl. „Das Fell wird nun mehrfach verteilt“, sagt ein Sprecher von BP. Er erwartet ebenfalls schon bald eine Verteuerung von Lebensmitteln. Getrieben wird der Preisanstieg auf dem Weltmarkt von den Vereinigten Staaten, die vor allem im Bioethanol den Schlüsselkraftstoff erkannt haben, um wie etwa Brasilien unabhängiger vom Erdöl zu werden. Viel Applaus erhielt der amerikanische Präsident George W. Bush neulich für seine Aussage, die Leute sollten mit dem Treibstoff fahren, „der in Amerika wächst“. Dafür klettern jetzt die Getreidepreise.
Hoffen auf die „zweite Generation“
Einen Ausweg könnten neue Biokraftstoffe liefern. Beim Kraftstoff der derzeitigen ersten Generation werden lediglich die Knollen oder Samen der Gewächse genutzt. „Die Biokraftstoffe der zweiten Generation greifen nicht in die Nahrungskette ein, weil die Frucht der Nahrungskette zugeführt wird – und nur der komplette Pflanzenrest dient der Gewinnung von Biokraftstoff“, sagt Bernd Gottschalk, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). „Damit gibt es keinen Gegensatz zwischen Energiegewinnung und Nahrungskette.“
Deshalb schlägt der VDA-Präsident ruhigen Gewissens eine Beimischung von sogar 10 Prozent vom Jahr 2010 an vor, während die EU nur 5,75 Prozent verbindlich festschreibt. Die Mineralölindustrie ist skeptisch. „Biokraftstoffe der zweiten Generation wird es 2010 in großer Menge nicht geben“, heißt es bei BP. Bis dahin könnten aber die Lebensmittelpreise in Deutschland schon um 50 Prozent gestiegen sein, vermuten Branchenfachleute.
Freude bei den Landwirten
Ackerbauern wie Volker Harenberg sind die einzigen Profiteure dieser Entwicklung. Sie können nicht nur ihre Erzeugnisse teurer verkaufen, auch ihre Böden werden mehr wert. Und obendrein kassieren Bauern, die nachwachsende Rohstoffe nicht mehr für Nahrungszwecke anbauen, eine Stillegungsprämie von mehreren hundert Euro je Hektar.
In der Gemeinde Rhüden, die heute noch 15 Vollzeit-Landwirte zählt, könnte die Stimmung jedenfalls nicht besser sein. „Mir und meinen Kollegen macht es wieder richtig Spaß zu wirtschaften“, sagt Harenberg. Wer hätte das von einem Landwirt noch vor Monaten gehört?
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.379,22 | +0,19% |
| Dow Jones | 12.529,80 | +0,27% |
| EUR/USD | 1,2534 | +0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 106,62 $ | −0,12% |
| Gold | 1.568,50 $ | +1,26% |
Anonym bewerben? Ist das gut?