Home
http://www.faz.net/-gqg-ysnb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bill Gates im Interview „Mir geht es nicht ums Steuersparen“

 ·  Die Bill & Melinda Gates Foundation ist die größte Privatstiftung der Welt. Der Microsoft-Gründer macht heute vor allem als Wohltäter von sich reden. Im F.A.Z.-Gespräch bezeichnet er sich als „Extremspender“, dem es nicht um Steuervorteile gehe.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Herr Gates, Sie haben zusammen mit Ihrer Frau Melinda und dem Investor Warren Buffett 58 amerikanische Milliardäre zu dem Versprechen bewegt, mehr als die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu geben. Sind Sie bei manchen Superreichen auch abgeblitzt?

Es gab tatsächlich einige, die „Nein“ gesagt haben. Manche Menschen wollen ihr Vermögen eben doch lieber vererben – und sicherstellen, dass ihre Kinder superreich sind. Andere sehen ihre Spenden als Privatangelegenheit und wollen keine öffentliche Erklärung abgeben wie mit unserem „Giving Pledge“. Und dann gibt es auch solche, die erst einmal sagen: „Wir überlegen es uns noch.“ Aber insgesamt sind wir von der Reaktion überwältigt.

Können Sie noch mehr Milliardäre rekrutieren?

Wir bekommen ständig Neuzugänge. In ein paar Monaten werden wir die nächste Runde von Namen veröffentlichen.

Ihre Aktion gefällt nicht jedem. Manche bemängeln den elitären Charakter eines solchen Appells unter Milliardären, andere stören sich daran, dass durch die mit Spenden verbundenen Steuernachlässe dem Staat Einnahmen vorenthalten bleiben.

Aber es führt doch wohl kein Weg an der Tatsache vorbei, dass der wohltätige Einsatz reicher Menschen eine Menge guter Dinge bewegt hat. Außerdem: Einem Extremspender wie mir geht es bestimmt nicht ums Steuersparen. Wenn man mehr als 95 Prozent seines Vermögens hergibt, dann wird auch das Potential für Steuervergünstigungen kleiner. Im „Giving Pledge“ haben wir einige solche Extremspender, manche versprechen sogar 100 Prozent.

Die Milliardäre folgen Ihrem Beispiel nicht überall auf der Welt. Sie haben sich vor kurzem mit Reichen in Indien und China getroffen. Dort gibt es immer mehr Milliardäre, aber deren wohltätiger Einsatz hält sich in Grenzen, und Ihre Besuche scheinen bisher keine Spendenversprechen ausgelöst zu haben.

Wir haben in Indien und China ganz andere Ziele. Uns ging es bei den Treffen in diesen Ländern nicht darum, konkrete Spendenverpflichtungen einzuholen, sondern einen grundsätzlichen Dialog über karitative Arbeit zu beginnen. Mit dem „Giving Pledge“ beschränken wir uns auf Amerika.

Sie wollen also auch keine Milliardäre aus Deutschland oder anderen europäischen Ländern für die Aktion anwerben?

Nein, aber ich kann mir sehr wohl einen Gedankenaustausch mit vermögenden Deutschen vorstellen, die sich zu Diskussionen über wohltätigen Einsatz zusammentun und dabei auch an meinen Erfahrungen interessiert sind.

Was sagen Ihre drei Kinder dazu, dass die Eltern „Extremspender“ sind und nur ein sehr kleiner Teil des Vermögens für das Erbe bleibt?

Melinda und ich haben den Kindern unsere Haltung oft erklärt, und ich denke, sie verstehen es auch. Wir wollen unsere Kinder nicht in eine Position bringen, in der sie keinerlei Ehrgeiz haben und nichts aus ihrem Leben machen müssen, und das ist sicher gesund für sie.

Sie kommen in der nächsten Woche nach Deutschland und werden sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Entwicklungsminister Dirk Niebel treffen. Was soll bei den Gesprächen herauskommen?

Deutschland ist großzügig in der Entwicklungshilfe, und die deutsche Regierung ist auf vielen Gebieten tätig, die auch in unserer Stiftungsarbeit eine Rolle spielen. Wir wollen über die Fortschritte und Ergebnisse diskutieren, die wir in der Entwicklungsarbeit sehen.

Aber es dürfte wohl kaum pure Harmonie herrschen. Es muss Ihnen ein Dorn im Auge sein, dass die deutsche Regierung kürzlich die Zahlungen an den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria nach einer Korruptionsaffäre gestoppt hat. Ihre Stiftung gehört zu den größten Förderern des Fonds.

Richtig, ich hoffe, dass Deutschland die Zahlungen so schnell wie möglich wieder aufnimmt. Am Ende sprechen die Fakten nämlich für den Fonds, und die Wirksamkeit seiner Arbeit ist unbestritten. Der Korruptionsfall hat eine kleine Dimension und wurde von der Organisation selbst aufgedeckt. Das rechtfertigt kein Fehlverhalten, und der Fonds mag nicht perfekt sein. Aber wer ihm Geld verweigert, dem muss klar sein: Viele Menschen werden dann keine Medikamente bekommen, und viele Menschen werden sterben.

Wo in der Entwicklungshilfe muss Deutschland sonst mehr tun?

Ich hoffe, dass Deutschland sich stärker als bisher bei Impfprogrammen engagiert. Im Juni wird es eine Konferenz der Impforganisation Gavi in London geben, und ich wünsche mir, dass Deutschland ebenso wie Frankreich und Großbritannien mehr Unterstützung zusagt. Deutschland hat Gavi bislang nicht sehr viel Geld geben. Gavi leistet einen gewaltigen Beitrag, die Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern zu verringern.

Deutschland hat sich wie viele andere Länder dazu verpflichtet, die Ausgaben für staatliche Entwicklungshilfe bis zum Jahr 2015 auf 0,7 Prozent seiner Wirtschaftsleistung auszubauen. Ist das noch zu erreichen? Zuletzt waren es nur 0,35 Prozent.

Ich habe da meine Zweifel. Großbritannien könnte es vielleicht schaffen, aber Deutschland und Frankreich werden sich vielleicht etwas länger Zeit nehmen wollen. Aber es wäre in jedem Fall phänomenal, wenn die Marke erreicht würde, selbst mit Verspätung.

Wie viel Gehör können Sie sich allgemein mit Ihrer Stiftung bei Regierungen verschaffen? Vor einiger Zeit haben Sie Italien wegen seiner vergleichsweise geringen Ausgaben für Entwicklungshilfe an den Pranger gestellt. Dabei haben Sie beklagt, dass ein persönlicher Appell beim Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi erfolglos geblieben ist.

Die Regierungen hören mir durchaus zu, und ich bekomme Termine bei Berlusconi wie auch bei vielen anderen. Aber am Ende sind es eben doch politische Entscheidungen, die nicht in meiner Hand liegen.

Was sagen Sie Menschen, die meinen, dass Entwicklungshilfe kaum Fortschritte gebracht hat?

Dass Sie offensichtlich die Fakten ignorieren. Sehen Sie sich an, wie weit die Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern heute im Vergleich zu vor fünfzig Jahren gesunken ist. Sehen Sie sich an, wie dramatisch sich die Verbreitung von Kinderlähmung verringert hat. Das sind Ergebnisse der Entwicklungshilfe, und ich könnte die Aufzählung lange fortsetzen.

Gleichwohl liegt die Vermutung nahe, dass gerade jemand wie Sie, der noch nie für Geduld bekannt war, oft frustriert sein muss, dass sich konkrete Ergebnisse der Entwicklungsarbeit nicht schneller zeigen.

Natürlich bin ich ungeduldig und oft frustriert. Viele Projekte unserer Stiftung brauchen selbst im Erfolgsfall sieben bis acht Jahre Zeit. Zum Beispiel bis ein Impfstoff gefunden ist, genehmigt wird und zu niedrigen Kosten verteilt werden kann. Oder bis man eine neue Reissorte entdeckt und verfügbar machen kann. Und natürlich scheitern manche Projekte auch ganz.

Sie haben sich vor fast drei Jahren aus dem Tagesgeschäft bei Microsoft zurückgezogen und konzentrieren sich seither ganz auf ihre Stiftung. Was hat sich für Sie persönlich verändert?

Die Stiftungsarbeit macht mir riesige Freude. Ich bin viel unterwegs, spreche mit Politikern aus reichen wie auch aus armen Ländern. Und ich darf noch immer mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten – aber jetzt eben mit solchen, die sich mit Impfungen beschäftigen und nicht mit Software.

Sie haben bei Microsoft noch immer die Position des Verwaltungsratsvorsitzenden. Sehen Sie das Unternehmen noch auf einem guten Weg? Der Wettbewerb setzt Microsoft auf vielen Gebieten von Smartphones bis Tabletcomputern hart zu.

Es gibt einige Dinge, bei denen sich Microsoft derzeit sogar extrem gut schlägt, etwa mit dem Bewegungssensor Kinect für die Spielekonsole Xbox oder mit dem Betriebssystem Windows 7. Ich gebe zu, dass es in manchen Bereichen viel zu tun gibt. Natürlich hat zum Beispiel Google einen riesigen Marktanteil bei der Internetsuche, aber für Microsoft geht es mit Bing aufwärts. Aber meine Aufmerksamkeit liegt heute anderswo. Ich sehe mich bei Microsoft wirklich nur noch als Teilzeitkraft und Berater.

Paul Allen, Ihr Mitgründer und langjähriger Weggefährte bei Microsoft, hat in dieser Woche mit Auszügen aus seiner demnächst erscheinenden Autobiografie Schlagzeilen gemacht. Sie kommen nicht gut weg, viele Passagen lesen sich wie ein Frontalangriff auf Ihren Charakter. Würden Sie aus heutiger Sicht sagen, Sie haben Paul Allen damals unfair behandelt?

Ich habe dazu eine offizielle Stellungnahme abgegeben, und dabei werde ich es belassen.

Darin haben Sie nur floskelhaft verlauten lassen, dass sich Ihre Erinnerung vielleicht nicht immer mit derjenigen von Paul Allen deckt und Sie ansonsten seine Freundschaft und seine Leistungen schätzen ...

... und mehr bekommen Sie von mir darüber nicht zu hören.

Zäsur für Bill Gates

Fast drei Jahre liegt die Zäsur im Leben von Bill Gates nun zurück. Mitte 2008 hat sich Gates aus dem Tagesgeschäft bei dem von ihm mitgegründeten Softwarekonzern Microsoft zurückgezogen, der ihn reich und ebenso bewundert wie umstritten gemacht hat. Microsoft hat mit Programmen wie Windows und Office Standards in der Computerbranche gesetzt, aber dabei hat sich Gates auch einen Ruf als gnadenloser Geschäftsmann erworben, der zu wettbewerbsrechtlich fragwürdigen Methoden greift. Nach seinem Rückzug von Microsoft konzentriert sich Gates heute auf die Bill & Melinda Gates Foundation; mit einem Vermögen von 36,7 Milliarden Dollar ist sie die größte Privatstiftung auf der Welt. In der kommenden Woche trifft er sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Entwicklungsminister Dirk Niebel.

Die Fragen stellte Roland Lindner.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Protektionismus nach Brüsseler Art

Von Hendrik Kafsack, Brüssel

Die Europäische Kommission will Strafzölle auf Solarmodule aus China erheben. Zahlreiche Unternehmen warnen vor der Reaktion Chinas. Davon darf sich die EU nicht beeinflussen lassen – trotzdem sollten die Mitgliedsstaaten alles daran setzten, die Kommission von ihren Plänen abzubringen. Mehr 27 13

Wichtigste Werte
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --