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Bildungspolitik : Mehr Nicht-Abiturienten an die Unis

Fast jeder dürfte, aber kaum einer tut es: Knapp 3 Prozent der Studenten sind beruflich Qualifizierte Bild: dpa

Schon jetzt könnten 70 Prozent der Deutschen studieren - auch ohne Abitur oder Fachhochschulreife. Der Politik reicht das aber noch nicht: Die Hochschulen sollen sich noch stärker öffnen.

          Das Wort vom Akademisierungswahn macht regelmäßig die Runde. Zu viele Menschen drängten an die Hochschulen, heißt es dann. Im Jahr 2000 hätten erst rund 30 Prozent eines Jahrgangs ein Studium begonnen, inzwischen sei es weit mehr als die Hälfte. Wer eine zu starke Akademisierung beklagt, den könnten die Bemühungen von Bundesbildungsminsterin Johanna Wanka (CDU) beunruhigen. Sie setzt sich vehement dafür ein, dass sich die Hochschulen stärker öffnen, vor allem gegenüber denen, die in der Schule kein Hochschulreife erworben haben.

          Lisa     Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Schon seit einigen Jahren treibt der Bund den Hochschulzugang für viele voran – zum Beispiel mit dem Bund-Länder-Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: Offene Hochschulen“. Bis 2020 werden mit 250 Millionen Euro Projekte gefördert, die beruflich Qualifizierten ein Studium schmackhaft machen sollen. Ein Blick auf die bisher begonnenen Vorhaben zeigt, worum es oft geht: um berufsbegleitende, praxisnahe Studienangebote.

          „Wir haben einen nahezu offenen Hochschulzugang“

          Rein formal ist schon vor fünf Jahren viel passiert. Die Kultusministerkonferenz beschloss damals, die Regeln für den Hochschulzugang von Menschen ohne Abitur zu verbessern und zu vereinheitlichen. Meister können seitdem jedes Fach studieren; andere Berufstätige können zum Studium zugelassen werden, wenn sie Berufserfahrung nachweisen und das Studienfach eine Nähe zu ihrem Beruf aufweist. „Wir haben inzwischen einen nahezu offenen Hochschulzugang“, sagt Anke Hanft, Professorin für Weiterbildung und Bildungsmanagement an der Universität Oldenburg. Ein großer Teil der erwachsenen Bevölkerung könnte studieren – nach Schätzungen rund 70 Prozent.

          Einfach ist das nach einer Analyse des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) aber nicht. Wer ohne Abitur und Fachhochschulreife studieren wolle, müsse „sehr viel Willensstärke und Durchhaltevermögen aufbringen, um sich durch das verworrene Netz der länderspezifischen Besonderheiten zu kämpfen“, befindet das Forschungsinstitut. Der große Zustrom von beruflich Qualifizierten an die Hochschulen ist bisher so auch ausgeblieben. Nach 2009 gab es zwar zunächst einen kräftigen Schub, doch ist ihr Anteil an allen Studenten bisher nicht über 3 Prozent gestiegen. „Das ist marginal“, findet Bildungsforscherin Hanft.

          Rücksicht auf Erwerbstätige

          An dem mangelnden Willen der möglichen Studenten liege es nicht, das beweise zum Beispiel der Studiengang „Bachelor Business Administration“ an ihrer Universität, der immerhin 18.000 Euro kostet. Er ist mit nur kurzen Präsenzphasen für Erwerbstätige konzipiert und lockt viele Nicht-Abiturienten an: Ihr Anteil beträgt mehr als 20 Prozent. „Was nützt ein offener Hochschulzugang, wenn erwachsene Studierwillige ihren Beruf aufgeben müssen, um sich die Woche über in die Vorlesung zu setzen“, beklagt Hanft und fordert mehr flexible Studienangebote für Berufstätige. Gerade unter den Bachelorstudiengängen ist der Anteil berufsbegleitender Angebote aber noch gering.

          Anders als manche Kollegen befürchtet Hanft nicht, dass die Studienqualität leidet, wenn immer mehr Menschen ohne Hochschulreife studieren. Sie mahnt zu Realismus: „Auch das Abitur bedeutet heute nicht mehr ohne Weiteres Studierfähigkeit.“ Ein Viertel der Studenten breche das Studium ab, in manchen Fächern, vor allem in den Ingenieur- und Naturwissenschaften sogar bis zu 50 Prozent. „Und die haben fast alle Abitur.“ Das liege an einer Studierendenschaft, die wesentlich heterogener sei als noch vor zwanzig Jahren – bei einer Studierquote von 50 Prozent verwundere das nicht.

          Der klassische Weg wird seltener

          Das CHE hat herausgefunden, dass nur gut ein Zehntel der Studenten an der Hochschule von Anfang an problemlos zurechtkommt. Fast genauso viele kämen an den Hochschulen aber gar nicht zurecht. Der klassische Weg – Hochschulreife, Studium, Berufstätigkeit – wird seltener, sagt Hanft. Doch wer nicht direkt aus der Schule an die Hochschule gehe, brauche mit einer höheren Wahrscheinlichkeit zu Beginn Unterstützung, um erfolgreich studieren zu können. Die Hochschulen sollten deshalb, mehr als bisher, Brückenkurse anbieten.

          Die Hilfe sollte aber noch früher einsetzten. Die Hochschulen müssten ihre Studenten besser aussuchen, damit deren Kompetenzen und das Studienfach zusammenpassten. „Wenn jemand Mathematik nicht bis zum Abitur hatte, ist es fraglich, ob er Ingenieurwissenschaften studieren sollte.“ Von ihrem Recht, ihre Studenten auszusuchen, machten die Hochschulen freilich noch viel zu selten Gebrauch. Es sei doch besser, die jungen Leute in der Anfangsphase zu unterstützen, als sie nach ein paar Semestern aus dem Studium „herauszuprüfen“, wie sie das von anderen Dozenten immer wieder höre, sagt Hanft.

          Keine „unnötigen formalen Hürden“

          Noch könnten sich die Universitäten ihren „elitären Kurs“ vielleicht leisten. Noch gebe es reichlich Studenten. „Wegen des demographischen Wandels wird sich das von 2020 an aber ändern.“ Mit ihren Überlegungen dürfte Hanft in der Wirtschaft offene Türen einrennen. So verlangt die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, den Hochschulzugang nicht durch „unnötige formale Hürden“ zu beschränken. Wer studierfähig sei, müsse auch studieren können. „Formale Voraussetzungen sind auf ein Minimum zu beschränken.“

          Und auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) heißt einen offenen Hochschulzugang für Nichtabiturienten gut, obwohl der Verband und sein Präsident in den vergangenen Monaten besonders eindringlich vor einer zunehmenden Akademisierung gewarnt haben. „Jede Erhöhung der Durchlässigkeit ist gut“, sagt DIHK-Bildungsexpertin Esther Hartwich. „Wir wollen keine Einbahnstraßen.“ Außerdem steigere mehr Durchlässigkeit von der beruflichen in die akademische Bildung auch die Attraktivität der dualen Ausbildung.

          Quelle: F.A.Z.

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