14.05.2010 · Bildung zahlt sich aus. Das hat sich herumgesprochen. Trotzdem schicken zu wenige Handwerker und Facharbeiter ihre Kinder aufs Gymnasium. Warum nur?
Von Inge KloepferAns Abitur hat Andreas Huber noch nie gedacht. Weder für sich - noch für seine Kinder. Drei hat er, zwei haben den "Übertritt" schon hinter sich. Übertritt - so heißt das, wenn Kinder nach der vierten Klasse in eine weiterführende Schule wechseln. Hubers Älteste geht in die 8. Klasse auf die Realschule, die Zweite in die 6. einer Hauptschule. Auch für den gerade zehnjährigen Mathias ist die Sache klar. Er wird mit Beginn der 5. Klasse ein Realschüler sein. "Hier in Bayern sind die ja auch nicht schlecht", sagt Huber, der als angestellter Installateur bei einem größeren Unternehmen sein Geld verdient. Seine Frau, eine Steuergehilfin, sieht das ähnlich. "Wer hier auf die Realschule geht, könnte es in Nordrhein-Westfalen oder Berlin locker mit den Gymnasiasten aufnehmen", fügt sie hinzu. "Jedenfalls sagen das hier alle immer." Sagen sie in Bayern auch, stimmt aber nicht so ganz.
Die Hubers wohnen in einem kleinen Ort im Chiemgau, da wo die Welt idyllisch und noch ganz in Ordnung scheint. Morgens geht es mit dem Schulbus in die Grundschule der Gemeinde oder in den nächstgrößeren Ort, in dem die weiterführenden Schulen stehen. Hubers, die eigentlich anders heißen, sind eine echte Bilderbuchfamilie mit selbstgebautem Haus, Garten und Gemüsebeeten. Aber auch eine, die in den Schulstatistiken genau für jenen Trend sorgt, der die Forscher und so manchen Politiker zur Verzweiflung treibt. Den nämlich, dass die soziale Herkunft die noch immer entscheidende Restriktion für den Bildungserfolg des Einzelnen ist. Chancengleichheit jedenfalls ist bis heute ein normatives Postulat geblieben.
Die Motivation der Eltern
An so bedeutenden Statuspassagen wie dem Übergang von der Grund- auf eine weiterführende Schule zeigt sich das. Denn auf die Bildungswege der Kinder wirkt deren soziale Herkunft gleich doppelt. Zum einen schlägt sich die unterschiedliche Ausstattung der Familien mit ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital direkt auf die Leistungen der Kinder nieder, auf denen die Laufbahnempfehlungen basieren. Kinder aus bildungsferneren, weniger bildungsambitionierten und auch ärmeren Familien haben es häufig schwerer. Unsere Art des Bildungssystems wirkt hier verstärkend.
Dazu kommen dann sekundäre Herkunftseffekte, die mit Leistung oder Begabung nichts zu tun haben. Hier spielt die Voreingenommenheit der Lehrer und vor allem das von der sozialen Schicht abhängige Entscheidungsverhalten der Eltern eine große Rolle.
Hubers Frau Beate ist es eigentlich, die die Sache mit den Kindern und der Schule regelt, seit Jahren Hausaufgaben kontrolliert und Vokabeln abhört. Ihr Mann ist da weniger akribisch. Sie hingegen hat hin und wieder sogar schon mal darüber nachgedacht, ob für die Älteste nicht das Gymnasium in Frage käme. Die nämlich ist fleißig, bringt immer Einsen und Zweien mit nach Hause - seit Jahren. Beate Huber ist sogar mal zu einer dieser Elternveranstaltungen im Gymnasium gegangen, um sich zu informieren, als vor vier Jahren der "Übertritt" anstand. "Doch da haben sie uns dann erzählt, was Kinder sonst noch alles so mitbringen müssen, um wirklich reif fürs Gymnasium zu sein", berichtet sie. Und das war eine ganze Menge: gute Noten, eine hohe Leistungsbereitschaft, ein enormes Maß an Eigenständigkeit - mindestens. "Da habe ich meine Zweifel bekommen", konstatiert sie und zuckt mit den Schultern.
Wie nachteilig sich diese Zweifel auf die Kinder auswirken, hat die Schulleitung den Eltern allerdings verschwiegen. Genauso wie die Klassenlehrerin vor vier Jahren, die von einer Gymnasialempfehlung am Ende abgesehen hatte. Denn es ist längst erforscht, dass ein längerer Schulbesuch die künftige Einkommensposition massiv beeinflusst. Kurz: Wer länger lernt, verdient später deutlich mehr. Doch ist das nur die halbe Wahrheit. Die Wissenschaftler Philip Oreopoulus (Universität Toronto) und Kjell Salvanes (Handelshochschule Bergen) stellten unlängst fest, dass ein längerer Schulbesuch eindeutig zu einer prestigeträchtigeren Beschäftigung führt und zu mehr Autonomie, Anerkennung, sozialer Interaktion und besseren Bedingungen am Arbeitsplatz. Gebildete, so die Wissenschaftler, seien dazu im Schnitt gesünder, seltener in psychiatrischer Behandlung und weniger häufig geschieden.
Mehr noch: Der höhere Bildungsgrad wirkt bis in die nächste Generation. Gebildetere haben gesündere, schulisch erfolgreichere Kinder, die ihrerseits die besseren Jobs bekommen. So einfach ist das.
Eigentlich müsste das Kalkül von Andreas und Beate Huber also ein anderes sein. Ihnen sollte schon deswegen am Gymnasium gelegen sein, damit es später ihren Enkeln bessergeht. Aber so funktioniert das nicht in den Köpfen der Eltern. Für ihren Sohn, der im Sommer die Grundschule verlassen wird, hat Beate Huber über das Gymnasium gar nicht mehr nachgedacht, obwohl der Zehnjährige ein auffälliges mathematisches Talent besitzt.
„Es braucht in Deutschland doch nicht jeder das Abitur“
"Bildungsentscheidungen", sagt der Berliner Bildungsforscher Klaus Hurrelmann, "sind allein durch den Verstand nicht ohne weiteres steuerbar." Das heißt: "Selbst Leute, die nur allzu gut verstehen, dass sich höhere Bildungsabschlüsse amortisieren, handeln nicht danach." Aber warum nur? Weil die Verfolgung höherer Bildungsziele eben mit sehr viel mehr verbunden sei, meint Hurrelmann, als nur mit der Einsicht in ihre Sinnhaftigkeit. "Dazu gehören in erster Linie enorme individuelle Anstrengungen", sagt der Wissenschaftler. Darüber hinaus spielten die Motivation von Eltern und Schülern eine Rolle, dazu die Fähigkeit, sich in unserem Bildungssystem zu bewegen, und nicht zuletzt das Vertrauen der Eltern in die Intelligenz der eigenen Kinder.
Die Eltern reden also ein gehöriges Wörtchen mit. Und zwar mit besten Absichten für den Erfolg der Kinder, aber sicher nicht mit der besten Wirkung. Empirisch erforscht ist längst, dass das Bildungssystem noch ungerechter würde, wenn einzig und allein die Eltern entscheiden dürften, welche Laufbahn ihre Kinder einschlügen, und es die Empfehlungen nicht gäbe. Das ist plausibel: Für Eltern mit Abitur oder gar Hochschulabschluss käme eine Hauptschul- oder Realschulempfehlung oder gar -laufbahn ihres Kindes einem Statusverlust und damit einer Katastrophe gleich.
Für einen Handwerker reicht die Hauptschule auch dann, wenn das Kind eigentlich das Zeug zum Gymnasiasten hätte. Ganz wie bei Familie Huber, die sich Haupt- und Realschule besser redet, als sie für die Karrieremöglichkeiten ihrer Kinder wirklich sind.
Der Tübinger Psychologe Ulrich Trautwein, der sich seit Jahren mit der Genese sozialer Ungleichheit durch unser Bildungssystem befasst, erklärt das Verhalten der Eltern anhand ihrer Erwartungen. "Bei den Entscheidungen der Eltern spielen verschiedene Werte eine Rolle", sagt er. Dazu gehörten der Statuserhalt, die Wertschätzung einer möglichst umfassenden Allgemeinbildung, die Bewertung des Nutzens des Abiturs für die berufliche Laufbahn und auch die Kosten einer längeren Ausbildung. "Was traue ich meinem Kind zu? Kann ich ihm helfen? Wie lange kann ich es finanzieren? - Das alles fragen sich Eltern natürlich", sagt der Psychologe.
Bildungsübergänge basierten zwar in erster Linie auf den objektiv gezeigten Schulleistungen, aber besonders bei den Wackelkandidaten spiele zu oft auch die soziale Herkunft eine Rolle. In unterschiedlichen Schichten sähen Eltern die Dinge eben jeweils anders, weil ihre Parameter andere seien. "Generell wünschen sich Eltern, dass ihre Kinder mindestens so viel erreichen wie sie selbst", meint Trautwein auch.
Andreas Huber zum Beispiel glaubt nicht daran, dass er seinen Kindern im Gymnasium würde helfen können. Seine Frau ebenso wenig. Sie selbst sind schließlich nicht dorthingegangen. Schon deshalb wollen sie ihren Kindern diesen Stress nicht zumuten. "Dazu kommen dann schon auch die Kosten", setzt Beate Huber hinzu. "Erst brauchen sie Nachhilfe, und dann wollen sie auch noch studieren..." Besser wäre es, sie lernten was "G'scheits", um dann spätestens mit 20 auf eigenen Beinen zu stehen. So sei es schließlich bei ihnen auch gewesen. "Es braucht in Deutschland doch nicht jeder das Abitur", kontert der Familienvater noch. "Wir haben doch alles. Ein Auto, ein Haus und eine Familie, die zusammenhält." Stimmt ja auch. Warum also sollte man mehr wollen?
"Bildungsentscheidungen der Eltern für ihre Kinder tragen zur Zementierung der sozialen Ungleichheit bei", sagt Trautwein. So wie bei Hubers eben. Dagegen ist im deutschen Schulsystem bisher kaum ein Kraut gewachsen.
Zumindest gibt es einen einigermassen funktionierenden zweiten Bildungsweg
Ernst Richter (georgrichter)
- 14.05.2010, 16:29 Uhr
Pfui Deifl!
Jörg de Joop (Staffelberg)
- 14.05.2010, 16:44 Uhr
Normativ und tendenziös
Karl Heinz Engstfeld (Jeans)
- 14.05.2010, 16:54 Uhr
Nicht nur Kapitaene fuer Deutschland
Adrian Mondry (Mondry)
- 14.05.2010, 17:08 Uhr
Motivation u. Freude
Closed via SSO (ud-la)
- 14.05.2010, 17:45 Uhr
Inge Kloepfer Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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