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Bildung Krethi und Plethi an der Uni

23.11.2009 ·  Die Studenten streiken gegen die Verschulung. Doch nur so können die Massen bewältigt werden. Und nur so verbessert Deutschland sein Bildungsniveau.

Von Melanie Amann
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An der Spitze des Protestzuges standen die Sklaven: Ein halbes Dutzend Studenten, mit Ketten aneinandergefesselt, zog durch die Kölner Innenstadt. In 50 Städten protestierten „Bachelor-Sklaven“ und ihre Kommilitonen in der vergangenen Woche gegen ein Studiensystem „ohne Mitspracherechte und Wahlmöglichkeiten“, mit Anwesenheitspflichten und rigiden Leistungskontrollen.

In ihren Petitionen träumen sich die Protestler zurück ins 19. Jahrhundert, zu einer „gemeinwohlorientierten Bildung nach humanistischem Ideal“. Sie schwärmen von halbleeren Bibliotheken, wo sie außer Reichweite der „Hochschulmanager“ nach selbstentworfenen Studienplänen schmökern dürfen.

„Ökonomisierung“ und „Verschulung“ der Massenuniversität heißen die Reizworte, die die Studenten in Rage versetzen. Sie träumen vom elitären Freiraum, aber natürlich für jedermann - für Arbeiterkinder, Migranten, Handwerksmeister und studierende Eltern. Und alles „sozial gerecht“, versteht sich.

Bologna-Reform bietet gute Instrumente

Dass dieser Wunsch ein bisschen paradox ist, wissen die Demonstranten wohl auch. Und dass man in Zeiten der Massenuniversität Studierende zwar nicht in Ketten legen, aber doch mehr an die Hand nehmen muss, diese Erkenntnis setzt sich zunehmend durch an den Hochschulen und unter Bildungspolitikern. Dass gerade die so verhasste Bologna-Reform mit der Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master gute Instrumente bietet für die Orientierung, Ausbildung und spätere Job-Tauglichkeit - davon zeugen auch die Zahlen.

Die zeigen zunächst: Die deutsche Studierendenschaft wird größer und heterogener. Von 20 auf 40 Prozent wollen deutsche Bildungspolitiker die Akademisierungsquote steigern, entsprechend wachsen Abiturjahrgänge und Erstsemesterzahlen. Die Universitäten blicken mit Sorge auf die Jahre 2011 bis 2013, wenn aus Gymnasien in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen oder Baden-Württemberg wegen der Verkürzung der Schulzeit doppelte Jahrgänge strömen. Gut 420.000 Studienanfänger erwarten die Kultusminister 2013.

Lehrerverband warnt vor sinkendem Niveau

Für die Studenten und für unser Land ist die Bildungsexpansion fraglos vernünftig: Das Gehalt eines Universitäts-Absolventen ist um mehr als die Hälfte höher als das eines Berufstätigen mit Lehre, hat der Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut ausgerechnet. Wie lang die Bürger eines Landes ausgebildet werden und wie gut ihre Ausbildung ist, das schlägt sich auch im Wirtschaftswachstum nieder, predigt er, und bremst die Arbeitslosigkeit. „Wir können das Reservoir der Studenten in jedem Jahrgang problemlos um 10 bis 20 Prozent vergrößern, ohne dass die Bildungsrendite sinkt.“

Aber wächst die Masse, dann sinkt das Niveau, warnt der Deutsche Lehrerverband: „Wir verwechseln Studierberechtigung mit Studierbefähigung“, klagt sein Vorsitzender Josef Kraus. „Je nach Bundesland gibt es bis zu 20 Prozent Abiturienten, an deren Studierfähigkeit man getrost zweifeln darf“, klagt Kraus. Die Schüler würden unselbständiger, und jetzt kämen sie noch ein Jahr jünger an die Universitäten.

Immer mehr Studierende ohne Abitur

Die Hochschulen müssen sich außerdem auf eine ganz neue Gruppe einlassen: Studierende ohne Abitur. Anfang 2009 haben sich die Kultusminister darauf geeinigt, dass Handwerksmeister alles studieren dürfen und Gesellen ihr Fachgebiet. Noch ist die Quote der Mechatroniker oder Pflegekräfte an Hochschulen minimal. Aber geht es nach den Arbeitgeberverbänden, dann soll sie bis 2015 auf acht Prozent steigen.

Selbst wenn man annimmt, dass die neuen Studenten alle gleich geeignet sind, lernen sie trotzdem anders, brauchen andere Methoden, mehr Struktur, mehr Anleitung. „Das strukturierte und verschultere System bietet für diesen Wandel viele Gestaltungsoptionen“, sagt Christian Berthold von CHE Consult, einer Beratungsgesellschaft für Hochschulen. „In einer Massenhochschule ist eine straffere Struktur der Studiengänge unerlässlich.“

Die Hochschulen stellen sich auf die neue Klientel ein. An der Universität Essen-Duisburg, wo man schon 16 Prozent Studenten mit ausländischer Staatsangehörigkeit zählt und überdurchschnittlich viele Studierende aus bildungsfernen Schichten, gibt es eine eigene Prorektorin für „Diversity“ - die neue Vielfalt der Studenten.

Hier wird die soziale Struktur der Studenten erforscht, es werden Empfehlungen für das passende Lehrangebot geliefert und ein Konzept für Teilzeitstudiengänge entwickelt. „Studienanfängern erscheinen die neuen Programme oft kompliziert, sie brauchen viel mehr Beratung“, sagt Prorektorin Ingrid Lotz-Ahrens. Aber wer sich in Credit Points und Module hereingefuchst habe, dem biete das System Freiraum und Flexibilität - wenn auch nicht wie im 19. Jahrhundert.

Abbrecherquote gesunken

Die Universitäten sagen und hören das Wort nicht gern, aber die Masse der Studierenden wird mit Bologna stärker gemanagt, mehr durch den Wissenschaftsapparat geschleust, in kleineren Gruppen und mit mehr Betreuung. Und dieser Weg führt häufiger zum Abschluss, beweisen die Statistiken: Bachelor-Studenten an Unis brechen im Durchschnitt seltener ihr Studium ab als ihre Vorgänger im Diplom- und Magisterstudium, hat das Hochschulinformationssystem HIS ermittelt. „Offensichtlich“ habe sich die Reform „positiv auf den Studienerfolg ausgewirkt“.

Das bestätigt die Hochschulrektorenkonferenz. Mangelnde Orientierung im Studium sei ein wesentlicher Grund für die hohe Abbrecherquote, sagt Jan Rathjen, Bereichsleiter für Bildung in der HRK. „Die Gliederung des Studiums in Module gibt mehr Halt. Die Studenten können Ziele und Sinn der Lerneinheiten besser nachvollziehen.“

Nicht nur das: Die Bologna-Reform hat die Studenten sogar etwas glücklicher gemacht, haben die HIS-Forscher Anfang 2008 in einer Umfrage herausgefunden und waren selbst überrascht. Bachelors seien „ein bisschen“, die Master-Studierenden „deutlich zufriedener“ als Kommilitonen im alten System. „Das gilt zwar nicht in jedem einzelnen Fall“, sagen die Forscher, „aber es gilt generell.“ Vielleicht müsste man das den Bachelor-Sklaven einmal sagen.

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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