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Bevölkerungswachstum Mehr Briten als Deutsche vorhergesagt

09.08.2010 ·  Geburtenraten und Einwanderungsströme werden bis 2050 die europäischen Bevölkerungsverhältnisse stark verändern: Deutschland wird vom ersten auf den zweiten Rang zurückfallen und Großbritannien das größte europäische Land sein.

Von Marcus Theurer, London
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Welches ist das bevölkerungsreichste Land in der Europäischen Union? Die richtige Antwort würde bei Günther Jauch wohl noch nicht zum Millionengewinn reichen. Deutschland hat 82 Millionen Einwohner und ist damit deutlich größer als Frankreich, Großbritannien und Italien. Schon schwerer ist dagegen eine Frage, der amerikanische Bevölkerungswissenschaftler nachgegangen sind: Wie sieht Europa in zwei Generationen aus? Die Antwort darauf: Ziemlich anders, denn unterschiedliche Geburtenraten und Einwanderungsströme werden bis 2050 die europäischen Größenverhältnisse - und wohl auch die Verteilung der Wirtschaftsmacht - stark verändern.

Das Forschungsinstitut Population Reference Bureau aus Washington kommt bei seinem Blick in die Zukunft zum Ergebnis, dass Großbritannien bis zur Jahrhundertmitte das größte europäische Land sein wird und Deutschland auf Rang zwei zurückfällt. Schon seit der Jahrtausendwende ist die britische Bevölkerung deutlich gewachsen und die Forscher rechnen damit, dass sie bis 2050 um weitere 15 Millionen Menschen zulegt, was fast einem Viertel der heutigen Einwohnerzahl entspräche. Auch in Frankreich erwarten die Demographen einen deutlichen Bevölkerungszuwachs.

Großbritannien zur Jahrhundertmitte die größte europäische Volkswirtschaft

In Deutschland dagegen wird die Bevölkerung voraussichtlich um mehr als 10 Millionen Einwohner schrumpfen. Das ist so, als würde das drittgrößte Bundesland Baden-Württemberg nahezu vollständig entvölkert. Die demographischen Prognosen sind vergleichsweise zuverlässig, denn ein guter Teil der Bevölkerung zur Jahrhundertmitte lebt heute schon. Schwieriger vorherzusagen sind dagegen die Wanderungsströme, weil das Verhalten der Migranten stark von politischen und wirtschaftlichen Einflüssen abhängt. Gut möglich, dass Großbritannien auch zur wichtigsten Wirtschaftsnation in Europa aufsteigt. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt liegen die Briten heute auf Rang drei hinter Deutschland und Frankreich. Doch das ist ausschließlich auf die kleinere Bevölkerungszahl zurückzuführen.

Je Kopf gerechnet liegen die drei größten europäischen Volkswirtschaften nahezu gleichauf und das Wirtschaftswachstum war in den vergangenen Jahrzehnten auf der Insel deutlich höher als auf dem Kontinent. Wenn sich das nicht umkehrt und die Wissenschaftler mit ihren Bevölkerungsprognosen richtig liegen, wird Großbritannien deshalb zur Jahrhundertmitte zwangsläufig die größte europäische Volkswirtschaft sein, mit den meisten Arbeitskräften und dem größten Konsumentenheer.

In der britischen Bevölkerung gärt es

Wer den demographischen Wandel in Großbritannien mit eigenen Augen sehen will, der muss nach Cambourne fahren. Die Retortensiedlung in der Nähe der englischen Universitätsstadt Cambridge wurde in den vergangenen zehn Jahren aus dem Boden gestampft, um Wohnraum für junge Familien zu schaffen - und von denen gibt es in Cambourne immer mehr. Knapp 8000 Einwohner zählt der Ort und vergangenes Jahr wurden hier 210 Geburten gezählt. Statistisch ist die Ortschaft damit die kinderfreudigste in Großbritannien und die Geburtenrate überflügelt rechnerisch sogar die von Indien, dem weltweit am schnellsten wachsenden Land. Ein bisschen Cambourne ist überall in Großbritannien, denn auch insgesamt ist die Zahl der Geburten auf der Insel seit der Jahrtausendwende deutlich gestiegen. Im Schnitt bringt jede Frau heute zwei Kinder zur Welt. In Deutschland sind es dagegen nur 1,3 Kinder. Bevölkerungszuwachs und Kindersegen werden in Großbritannien allerdings mit gemischten Gefühlen gesehen, denn sie werden auch von wachsenden Einwandererzahlen angetrieben.

In den goldenen Jahren des britischen Wirtschaftsaufschwungs sind jedes Jahr Hunderttausende Einwanderer vor allem aus Osteuropa ins Land geströmt, doch die Weltwirtschaftskrise hat den Aufschwung jäh beendet. In der Rezession haben viele Briten ihren Arbeitsplatz verloren. In der Bevölkerung gärt es. Obwohl der Anteil der Einwohner mit ausländischem Pass immer noch niedriger ist als etwa in Deutschland, ist die Ausländerfeindlichkeit offenbar gewachsen. Umfragen zufolge glauben mehr als die Hälfte der Briten, dass die Einwanderer ihnen die Jobs wegnehmen.

Wie schwierig der Umgang mit dem Thema ist, erfährt auch der neue britische Premierminister David Cameron bereits. Der konservative Regierungschef hat den verunsicherten Bürgern im Wahlkampf eine drastische Beschränkung der Zuwanderung versprochen. Doch nun bekommt Cameron Gegenwind aus der Wirtschaft, die um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes fürchtet. Personalberater im Londoner Finanzviertel klagen schon, dass selbst hochqualifizierte Banker aus dem nicht zur EU gehörenden Ausland keine Arbeitsgenehmigungen mehr erhielten.

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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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