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Bernd Osterloh im Gespräch „VW ist noch nicht über den Berg“

29.06.2007 ·  Die juristische Aufarbeitung der Volkswagen-Affäre holt den Konzern ein. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh spricht im F.A.Z.-Interview über den Sumpf der Korruption, die Rendite mit dem Golf und Ferdinand Piëch in der Lokomotive.

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Die juristische Aufarbeitung der VW-Affäre holt den Konzern ein. Bernd Osterloh ist seit zwei Jahren Gesamt-betriebsratsvorsitzender von Europas größtem Autohersteller. Er hat immer betont, anders als sein Vorgänger Klaus Volkert, weder Bonuszahlungen bekommen noch Bordellbesuche auf Kosten von VW unternommen zu haben. Sein Gehalt hat der gelernte Industriekaufmann kurz nach der Amtübernahme mit monatlich 6500 Euro brutto angegeben. Die Abgrenzung zum alten Betriebsrat hält er für notwendig: „Es gibt ein Glaubwürdigkeitsproblem, ganz klar“ sagt Osterloh im F.A.Z.-Interview.

Herr Osterloh, ehemalige VW-Betriebsräte müssen sich wegen Bordellbesuchen und Lustreisen auf Firmenkosten vor Gericht verantworten, bald auch Ihr Vorgänger Klaus Volkert. Wie erschüttert ist die Belegschaft?

Es gibt ein Glaubwürdigkeitsproblem, ganz klar. Aber die jetzt handelnden Personen sind nicht in diese Affäre verstrickt. Ich selbst bin auch erst 2004 in die Funktion des stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden gekommen und war übrigens nur ein Jahr lang Stellvertreter von Herrn Volkert. Wenn mit jedem Gerichtsverfahren Misstrauen aufkommt, dann stellen wir uns dem. Wir müssen die Belegschaft mit Engagement überzeugen.

Warum fordern Sie den verdächtigten SPD-Landtagsabgeordneten Günther Lenz nicht auf, sein Betriebsrats- und Aufsichtsratsmandat bei VW niederzulegen?

Auch für ihn gilt erst einmal die Unschuldsvermutung. Er hat mir persönlich erneut versichert, mit den Vorgängen nichts zu tun zu haben. Dann kann ich doch nicht seinen Rücktritt verlangen. Er lässt seine Ämter bei VW bis zur Klärung der Vorwürfe gegen ihn ruhen.

Der ehemalige Betriebsrat und SPD-Bundestagsabgeordnete Hans-Jürgen Uhl hat dreist gelogen, bevor er verurteilt wurde.

Mit Herrn Uhl habe ich nicht eng zusammengearbeitet, er war nicht zu meiner Zeit im Gesamtbetriebsrat.

Erst die VW-Affäre, dann der Skandal bei Siemens: Wie korrupt ist das deutsche System der Mitbestimmung?

Sie machen das jetzt an der Mitbestimmung fest. Da kann ich Sie auch fragen, wie korrupt ist unser gesamtes Wirtschaftssystem.

Nicht ablenken: Im Prozess gegen den früheren Personalvorstand Peter Hartz hat der Verteidiger gesagt, bei VW sei die Mitbestimmung zum Wohle des Unternehmens instrumentalisiert worden.

Was soll ich Ihnen dazu jetzt sagen? Es gibt keine „Mitbestimmung zum Wohle des Unternehmens“. Sie glauben doch wohl nicht, dass man mit Geld Entscheidungen kaufen kann. Wir sind in der Tarifkommission über 100 Leute, die müssen der Belegschaft erklären, wie ein Tarifergebnis zustande kommt. Und die sollen ein anderes Ergebnis abnicken, weil ein, zwei Kollegen Geld bekommen haben? Das andere ist eine Frage der Moral. Und da geht es doch immer um einzelne Menschen, fühlen sie sich zu schlecht bezahlt und sind sie deshalb anfällig für Bestechung. Da rede ich jetzt nicht nur von Betriebsräten.

Ihr Vorgänger fühlte sich offensichtlich zu schlecht entlohnt. Wie hoch ist denn Ihr Gehalt?

Mein Gehalt habe ich vor zwei Jahren in der „Bild am Sonntag“ offengelegt. Das können Sie im Archiv nachlesen. Ich wiederhole das nicht immer!

Im Gesetz steht, dass Betriebsräte ihr Amt unentgeltlich als Ehrenamt führen.

Das springt mir zu kurz, da gibt es auch ganz unterschiedliche Auffassungen von Arbeitsrechtlern. Ich kann Ihnen nicht sagen, ob 500.000 Euro, 100.000 Euro oder 20.000 Euro angemessen sind für einen Betriebsratsvorsitzenden. Was mir in der Diskussion zu kurz kommt, ist die Qualifikation: Nicht jeder Betriebsrat kommt von der Montagelinie, wir haben ebenso Ingenieure und Betriebswirte. Das Thema, dass einige zu blöde sind, einen Hammer hochzuheben, ist längst vorbei. Für mich ist wichtig, mit meinem Gehalt keinen Neid auszulösen. Wenn ein VW-Mitarbeiter 30.000 oder 50.000 Euro verdient, glaube ich nicht, dass er ein Problem damit hat, wenn der Betriebsratsvorsitzende das Doppelte verdient. Wenn es aber das Zehn- oder Zwanzigfache ist, führen wir eine ganz andere Diskussion. Mir ist wichtig, dass ich mein Gehalt moralisch vor meinen Kolleginnen und Kollegen vertreten kann.

Bei VW sieht es wieder ganz danach aus, als ob Betriebsrat und Vorstand wieder gemeinsame Sache machen wie früher, nur auf einer „nüchternen“ Ebene.

Das ist Ihre Sicht. Kennen Sie die Produktivitätserwartung des Betriebsrats an den Vorstand?

Müsste das nicht eher heißen „Produktivitätserwartung des Vorstands an den Betriebsrat“?

Nein, Sie haben mich schon richtig verstanden. Ich war kürzlich in China, habe mich informiert über Stundenlöhne von 3,50 Euro bei einer Produktivität von 40 Fahrzeugen je Mitarbeiter. Meine Aufgabe als Betriebsratsvorsitzender ist doch auch, darauf aufmerksam zu machen, dass wir in einer globalisierten Welt leben. Und dass VW noch lange nicht über den Berg ist.

Das könnte auch eine Aussage des Vorstands sein.

Es nützt doch nichts, eine Scheinwelt zu entwickeln. Dann wird der Absturz nur noch viel brutaler. Auch als Arbeitnehmer stehen wir in der Pflicht, uns Gedanken über die Produktivität zu machen.

VW hat Nachholbedarf. In Wolfsburg dauert es 50 Stunden, um einen Golf zu bauen, Ihre Wettbewerber schaffen das in der Hälfte...

...aber das hat doch nichts mit den Beschäftigten zu tun. Meine Kollegen arbeiten so, wie ihnen die Arbeit hingestellt wird. Und nebenbei: Wir haben letztes Jahr unsere Produktivität im Werk Wolfsburg um 23 Prozent gesteigert und brauchen nur noch 34 Stunden. Und 50 waren es im Übrigen noch nie.

Seit Jahresbeginn ist Martin Winterkorn VW-Chef. Er hat damals den Golf V überkonstruiert und damit zu teuer in der Produktion gemacht. Wiederholen sich jetzt beim Golf VI die gleichen Fehler?

Der Golf V ist das meistverkaufte Auto in seiner Klasse. Aber er hat konstruktionsbedingte Kostennachteile. Die wird es beim Golf VI nicht mehr geben. Herr Winterkorn hat bei Audi bewiesen, dass er Autos bauen kann, mit denen man gutes Geld verdient. Das schaffen wir auch beim neuen Golf.

Winterkorn und sein Chefdesigner Walter de Silva haben das vom ehemaligen VW-Markenchef Wolfgang Bernhard entworfene Modell stark verändert. Warum?

Der neue Golf sieht jetzt wieder wie ein Volkswagen aus und nicht wie ein abgekupfertes Konkurrenzmodell.

Ein so wichtiges Fahrzeug ein Jahr vor dem ursprünglich geplanten Produktionsanlauf zu ändern, kostet viel Geld. Außerdem fehlen Ihnen Umsätze, weil der Wagen nun erst viele Monate später auf den Markt kommt.

Das wird uns in der Rendite nicht nachhaltig belasten, zumal ich glaube, dass sich der Golf in seinem neuen Auftritt besser verkaufen wird als das Ursprungsmodell.

Erreichen Sie mit dem Fahrzeug die interne Zielrendite von 8 Prozent?

Vielleicht schaffen wir sogar 10 Prozent.

Seit dem Antritt von Martin Winterkorn sitzt das Geld bei VW wieder lockerer, obwohl der Konzern noch immer weit von seinen Renditezielen entfernt ist. Ist es nicht gefährlich, jetzt schon wieder die Sparbremse zu lösen?

Der Vorstand muss in der Außendarstellung für ein positives Image des Unternehmens sorgen. Ich kann Ihnen aber sagen, intern verhält sich das anders. Wir bereiten gerade die nächste Planungsrunde vor. Und da wird jeder Cent zweimal umgedreht.

Wenn dem so wäre, dürfte VW aber nicht 10 Millionen Euro für eine Prominentenfeier zum Golf-Jubiläum ausgeben.

So teuer war das nicht. Aber abgesehen davon: Ich finde das gut und die fast 30 000 Kolleginnen und Kollegen, die allein am Abend da waren, auch. Da höre ich auch relativ wenige kritische Stimmen aus der Belegschaft.

Dass sich Ihre Mitarbeiter über eine große Party freuen, ist doch klar. Die Frage ist, ob Sie mit dem Ende der Kostendisziplin nicht Ihre Zukunft aufs Spiel setzen. Bei Opel jedenfalls wird weiter kräftig gespart.

Bei uns wird weiter gespart. Aber gehört das zur Außendarstellung eines Unternehmens?

Von außen betrachtet wirkt es befremdlich, wenn ein Unternehmen, das 20.000 Mitarbeiter abbaut, für seinen Werksklub VfL Wolfsburg ausgerechnet Felix Magath unter Vertrag nimmt, den teuersten Trainer der Liga nach Ottmar Hitzfeld.

Wenn man zwei Jahre gegen den Abstieg spielt, hat man irgendwann die Schnauze voll. Dann braucht man Erfolg und vor allem einen, der diesen Laden anders organisiert. Deswegen ist Herr Winterkorn ja jetzt auch Vorstandsvorsitzender des VW-Konzerns. Der ist nämlich auch ein guter Trainer, mit dem wir mindestens die Nummer zwei in der Welt werden wollen, wenn nicht die Nummer eins.

Wendelin Wiedeking, der Vorstandsvorsitzende Ihres Großaktionärs Porsche, hat dieser Tage erklärt: „Die Kostenstrukturen im VW-Konzern stimmen noch nicht.“ Was sagen Sie dazu?

Das wussten wir schon vor ihm. Deswegen haben wir 2006 einen Tarifvertrag ausgehandelt, der unsere Personalkosten auf ein wettbewerbsfähiges Niveau gebracht hat.

Wo muss denn VW aus Ihrer Sicht noch besser werden?

Wir müssen unsere Produkte kontinuierlich und kostenbewusst weiterentwickeln und, ähnlich wie Toyota, nicht bei jedem Auto alles neu machen. Wir müssen unsere Produktionsanlagen so hinstellen, dass sie sehr flexibel nicht nur ein Auto, sondern mehrere Modelle bauen können. Bei Prozessen und Strukturen haben wir im Vergleich zu vielen anderen Unternehmen den größten Nachholbedarf.

Porsche profitiert von Volkswagens Zuliefer- und Entwicklungsleistung. Aber was hat VW von dem Partner Porsche?

Ich sehe keine großen Vorteile für VW.

Wie fühlt sich da die Belegschaft, wenn sie, wie beim Geländewagen Cayenne, als verlängerte Werkbank Zuffenhausens angesehen wird?

Porsche bezahlt für das Produkt. Und unser Pendant, der Touareg, ist für uns auch kein schlechtes Geschäft.

Wiedeking versucht nicht, Ihre Modellpolitik zugunsten von Porsche zu beeinflussen?

Ob ihm das alles so gefällt, was wir heute auf dem Markt haben, weiß ich nicht. Der Audi R8 ist schon ein interessantes Auto.

Porsche hat 31 Prozent, das Land Niedersachsen gut 20 Prozent der stimmberechtigten VW-Aktien. Würden Sie sich wünschen, dass VW ganz unter die Fittiche von Porsche rückt?

Ich finde die jetzige Konstellation mit zwei großen Aktionären gut. Dadurch sind wir ausreichend geschützt vor einer feindlichen Übernahme. Das Land Niedersachsen ist daran interessiert, dass Standorte und Beschäftigung erhalten bleiben.

Aber Sie hätten nichts dagegen, wenn VW eine Tochtergesellschaft der Porsche Automobil Holding SE wäre.

Nein, warum? Porsche ist mir allemal lieber als ein Hedge-Fonds.

Gerüchten zufolge, verfolgt VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch langfristig den Plan, aus Porsche und Audi eine Premiumgruppe zu schmieden und den Volumenhersteller VW abzustoßen.

Mir gegenüber hat Herr Piëch das so noch nie geäußert. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das seine Gedankengänge sind. Wir sind zwar nicht jeden Tag zusammen. Aber ich weiß, dass es eine große Beziehung von Herrn Piëch zu Wolfsburg und VW gibt. Das hängt mit seinem Großvater Ferdinand Porsche und seinem Vater Anton Piëch zusammen. Er ist als Kind in der Lokomotive der Werkseisenbahn mitgefahren. Herr Piëch hat einen besonderen Blick für VW. Er sagt: Die Produkte müssen gut sein, und in zweiter Linie müssen wir damit Geld verdienen.

Dieser „besondere Blick“ führte unter anderem zu der Entwicklung teurer Prestigeobjekte wie dem Phaeton: ein technisch gutes Auto, das keiner haben will. Trotzdem soll es für diesen Ladenhüter jetzt sogar ein Nachfolgemodell geben.

Das Thema Phaeton werden wir im Aufsichtsrat noch mal beraten. Für das Nachfolgemodell brauchen wir andere Kostenstrukturen.

Sieht das Herr Piëch genauso? Schließlich hat er bei VW die Fäden in der Hand.

Herr Piëch nimmt keinen operativen Einfluss auf dieses Unternehmen.

Das Gespräch führten Henning Peitsmeier und Johannes Ritter.

Quelle: F.A.Z., 30.06.2007, Nr. 149 / Seite 16
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