Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter. Dieser Befund des zweiten Armuts- und Reichtumsberichts des Bundessozialministeriums hat eine heftige Debatte über Armut und Einkommensverteilung in Deutschland ausgelöst.
Dem Bericht zufolge lag der Anteil der Armen im Jahr 2003 bei 13,5 Prozent, fünf Jahre zuvor waren es noch 12,1 Prozent. Gleichzeitig nahm der Besitzanteil der Reichsten im Land am Gesamtvermögen zu.
„Sozialpolitischer Seismograph“
Die Statistik hat allerdings ihre Tücken, denn Armut zu messen ist ein schwieriges Unterfangen. Das fängt schon bei der Definition an. Grundsätzlich unterscheidet man absolute und relative Armut. Maßzahlen der absoluten Armut finden vor allem in Entwicklungsländern Anwendung. Sie dienen dazu, herauszufinden, wie viele Menschen in ihrer Existenz bedroht sind und um das Überleben kämpfen. Relative Maßzahlen dagegen werden in Industrienationen herangezogen, in denen das Existenzminimum der Bevölkerung durch den Staat weitgehend gesichert ist. Als arm bezeichnet sich in diesen Gesellschaften folglich nicht nur derjenige, der zu wenig Geld zum Leben zur Verfügung hat, sondern auch, wer sich im Vergleich zum Großteil der Bevölkerung deutlich schlechter stellt.
Wissenschaftler bezeichnen das Ausmaß der relativen Armut als „sozialpolitischen Seismographen“. Es zeigt, wie viele Menschen sich vom Lebensstandard der meisten anderen abgekoppelt haben. Dabei ist der Lebensstandard eines „Armen“ in einem reichen Land freilich deutlich höher als in einem armen Land. Ein nach dieser Herangehensweise bestimmter „Armer“ in einem Scheichtum voller Milliardäre etwa würde in Deutschland zu den Besserverdienenden gehören.
In „strenger Armut“
Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben sich geeinigt, all diejenigen als arm zu erfassen, die weniger als 60 Prozent des sogenannten Median-Einkommens zur Verfügung haben. Darunter versteht man das Nettoeinkommen, das jene Person zur Verfügung hat, die bei einer Aufreihung der gesamten Bevölkerung nach ihrem Einkommen genau in der Mitte stünde. Wer unter die 40-Prozent-Marke fällt, gehört zur Gruppe derjenigen, die in „strenger Armut“ leben.
Die kompliziert anmutende Abgrenzung hat einen einfachen Grund: Bezöge man sich schlicht auf das Durchschnittseinkommen der Bürger, schlichen sich zu viele Meßfehler ein, weil vor allem die obersten und untersten Einkommensgruppen nicht genau geschätzt werden könnten, erklärt Gert Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Auch das Niveau der Sozialhilfe, das üblicherweise als das Existenzminimum bezeichnet wird, helfe nicht weiter, weil die Unterstützungen stark differierten und einen internationalen Vergleich unmöglich machten.
Kein Vertrauen zum Finanzamt
Auch wenn einige Meßfehler vermieden werden können, bleiben weitere Unschärfen in der Statistik. So kommt das DIW überraschenderweise auf etwas höhere Armutsquoten als die Bundesregierung in ihrem Armutsbericht - obwohl beide von derselben Definition ausgehen. Während die Angaben im Armutsbericht aber auf den Halbjahreszahlen von 2003 beruhten, beziehe sich das DIW auf die Jahreswerte, erklärt Wagner.
In diese fließe beispielsweise auch das Weihnachtsgeld der Beschäftigten ein, so daß die Kluft zwischen Arm und Reich größer werde. Außerdem schlagen sich die Erhebungsmethoden in den Daten nieder. Da weder das DIW noch das Ministerium den Einkommensstatistiken der Finanzämter trauen, verlassen sie sich auf Umfragen. „In denen wird ehrlicher geantwortet als gegenüber dem Finanzamt, auch wenn viele ihr genaues Einkommen nicht kennen“, erklärt Wagner.
Schwächen der Ein-Dollar-Meßmethode
Während sich das DIW ausschließlich auf Umfragen unter zufällig ausgesuchten Befragten bezieht, nutzt das Ministerium zusätzlich auch Daten aus einer „Quotenstichprobe“, in der Haushalte mit sehr niedrigem und hohem Einkommen unterrepräsentiert sind - auch das drückt auf die Armutsquoten und läßt die Einkommensverteilung in besserem Licht erscheinen. Daß es sich um absichtliche „Schönrechnerei“ handelt, hält der DIW-Fachmann für unwahrscheinlich.
Mit erheblichen Schwierigkeiten haben auch die Statistiker zu kämpfen, welche die absolute Armut messen wollen. Weltbank und Vereinte Nationen betrachten hierbei, wie viele Menschen weniger als einen Dollar am Tag zur Verfügung haben. Nach diesen Untersuchungen lebte 2001 etwa eine Milliarde Menschen auf der ganzen Welt in Armut. Diese Ein-Dollar-Meßmethode hat allerdings ihre Schwächen.
„Human Development Index“
Ein Dollar hat bei weitem nicht in jedem Land die gleiche Kaufkraft. Unter anderem die unterschiedlichen Preisniveaus und Preisstrukturen machen internationale und intertemporäre Vergleiche schwierig und fordern von den Wissenschaftlern ausgeklügelte Methoden, um die Kaufkraftunterschiede auszumerzen. Über diese wird unter den Experten seit Jahren heftig gestritten.
Kritiker führen zudem an, daß sich die Ein-Dollar-Methode ausschließlich auf das Einkommen bezieht. Tatsächlich spielten auch andere Faktoren für das Ausmaß von Armut eine Rolle - beispielsweise der Zugang zu medizinischer Versorgung, die Rechtssicherheit oder die Ausbildungsmöglichkeiten. Daher haben die Vereinten Nationen den „Human Development Index“ (HDI) entwickelt, der die Lebenserwartung, die Analphabetenquote sowie das Pro-Kopf-Einkommen berücksichtigt - und kommen wiederum zu deutlich anderen Ergebnissen über das vermeintlich „tatsächliche“ Ausmaß von Armut auf der Welt.
