09.02.2009 · Die Regierung hat die Stabilisierung der Banken vom falschen Ende her aufgezogen, kritisiert die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro. Im Gespräch mit der F.A.Z. skizziert sie Eckpunkte einer wirkungsvolleren Strategie sowie der nötigen Reformen.
Die Regierung hat die Stabilisierung der Banken vom falschen Ende her aufgezogen, kritisiert die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro. Im Gespräch mit der F.A.Z. skizziert sie Eckpunkte einer wirkungsvolleren Strategie sowie der nötigen Reformen.
Frau Weder di Mauro, wieso ist das Finanzsystem in diese Schieflage geraten?
Weil die wirtschaftspolitisch Verantwortlichen über viele Jahre mit zwei Illusionen gelebt haben: erstens, die zunehmende Verschuldung sei unbedenklich, und zweitens, die Finanzinnovationen hätten die Systemstabilität erhöht, indem sie die Risiken verteilt hätten. Tatsächlich verblieben die Risiken aber im Bankensystem, was auch daran lag, dass einiges mit Billigung der Bankaufseher außerhalb der Bilanzen gehalten wurde. Generell hatte das System eindeutig zu kleine Kapital- und Liquiditätspuffer, um Schwierigkeiten abzufedern. Auch ist die Aufsicht zu stark auf Einzelinstitute ausgerichtet, zu wenig auf die Stabilität des Gesamtsystems. Die systemische Gefahr hat man lange im wenig regulierten Teil des Systems, bei den Hedge-Fonds, vermutet und dabei übersehen, dass der Kern des regulierten Systems, die Banken, außer Kontrolle gerieten.
Was ist nun zu tun?
Die Diskussion über Rettungspakete leidet darunter, dass es an einem Gesamtkonzept fehlt. Die Reihenfolge, nämlich erst über die Finanzierung der Rettungsmaßnahmen nachzudenken und dann über die Restrukturierung, ist verkehrt.
Wieso?
Die Lehre aus früheren Bankenkrisen ist: In einem Gesamtkonzept muss der erste Schritt sein, die Bücher der Banken zu prüfen und festzustellen, welche Banken überlebensfähig sind und welche nicht. Bei den Überlebensfähigen muss differenziert werden, welche aus eigener Kraft überlebensfähig sind und welche die Hilfe des Staates benötigen. Für diese A- und B-Banken muss ein Restrukturierungsplan entwickelt werden. Bei den C-Banken, die abgewickelt werden müssen, muss der Staat massiv eingreifen. Bei den B-Banken gilt es abzuschätzen, wie stark der Staat unterstützen muss. Auf alle Fälle sollte der Soffin, der Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung, dann eine Vorstellung davon haben, wie das Bankensystem nach der Krise aussehen soll.
Ist das nicht der Fall?
Ich vermisse diesen Gesamtansatz. Dabei muss auch berücksichtigt werden, dass in Deutschland eine Sondersituation besteht, da ein Großteil der Banken bereits in staatlicher Hand ist. Bei den Landesbanken geht es nicht um die Frage, welche Verluste die privaten Eigentümer tragen müssen und wie viel die Steuerzahler, sondern darum, welcher Steuerzahler in Bund, Ländern und Gemeinden wie viel zur Rettung beisteuern muss. Bei den Landesbanken muss eine Gesamtlösung her. Der Soffin müsste hier als Hebel wirken, um Veränderungen zu erreichen. Denn es besteht ein gesamtwirtschaftliches Interesse an einer Restrukturierung des Landesbankensektors. Die betroffenen Länder werden sich darauf nicht einigen können.
Was soll mit den C-Banken geschehen?
Hätten wir eine Einteilung in A-, B- und C-Banken, könnte der Soffin mit den einzelnen Banken ganz unterschiedlich verfahren. Dann gäbe es keine Diskussion mehr über die Verstaatlichung aller Banken oder eine Bad Bank für alle Banken. Die C-Banken sind insolvent, und damit sind auch ihre Aktien nichts mehr wert. Sie müssen geordnet abgewickelt werden.
Und der Staat muss die Verluste tragen?
Ja insofern, als diese Banken dann keine privaten Aktionäre mehr haben, sondern nur noch den Staat als Eigentümer. Doch kommt momentan eine Diskussion in Gang, wer weitere Verluste schultern könnte. Sicherlich nicht die kleinen Einleger und Sparer. Aber die übrigen Fremdkapitalgeber kommen in Frage, die zum Beispiel Anleihen einer C-Bank halten und die bislang am meisten von den staatlichen Nothilfen profitiert haben.
Liegt es dann nicht nahe, die Aktionäre dieser C-Banken zu enteignen?
Ich verstehe die Bedenken, dass man auf keinen Fall einen ordnungspolitischen Präzedenzfall für andere Unternehmen schaffen will. Natürlich müsste einer Enteignung eine genaue Prüfung der betreffenden Bank vorausgehen. Dazu müsste der Soffin allerdings sehr viel stärker aufgestellt sein als derzeit.
Wie sollte man mit den B-Banken verfahren?
Was die Landesbanken anbelangt, gibt es ja bereits einige kleinere Bad Banks. Aber eine Gesamtlösung fehlt noch. Hier wäre es am Soffin, die Entwicklung voranzutreiben. Bei privaten B-Banken können die existierenden Instrumente eingesetzt werden: Durch eine Rekapitalisierung wird der Staat an möglichen späteren Gewinnen beteiligt. Wenn der Staat einer Bank toxische Wertpapiere abkauft, muss dies so geschehen, dass der Steuerzahler an späteren Gewinnen der Bank beteiligt ist und die Bank an etwaigen Verlusten des verkauften Wertpapierportefeuilles.
Ist das gesamte deutsche Bankensystem insolvent?
Das sehe ich nicht so. Es gibt durchaus Banken, die ein tragfähiges Geschäftsmodell haben.
Was muss getan werden, um solchen Krisen künftig vorzubeugen?
Wir müssen die Risikopuffer vergrößern, in dreierlei Hinsicht. Nicht zuletzt mit den Basel-II-Eigenkapitalvorschriften haben wir ein System geschaffen, das sehr fein eingestellt ist. Bildlich gesprochen, fliegt es in niedriger Höhe und passt sich dabei jeweils gut an Hügel und Täler an. Aber dieses System war nicht richtig eingestellt. Wir sind gegen einen Berg geflogen.
Wie können solche Unfälle künftig vermieden werden?
Um im Bild zu bleiben: Wir müssen künftig so hoch fliegen, dass wir keinesfalls in einen Berg krachen können. Mein erster Vorschlag dazu ist, künftig zusätzlich zu den risikogewichteten Basel-II-Vorschriften ein gröberes Instrument zur Risikomessung zu nutzen: eine Leverage Ratio. Damit ist gemeint, dass das Verhältnis von Eigenkapital zur gesamten ungewichteten Bilanzsumme einer Bank ein bestimmtes Minimum nicht unterschreiten darf, beispielsweise 4 Prozent.
Ihr zweiter Vorschlag?
Zudem sollte eine Bank desto mehr Eigenkapital vorhalten müssen, je wichtiger sie für die Stabilität des Gesamtsystems ist. Das ist extrem wichtig: Denn dies schafft eine Verbindung zwischen mikroprudentieller Aufsicht über die einzelne Bank und makroprudentieller Aufsicht über die Stabilität des Gesamtsystems.
Und drittens?
Wir brauchen Puffer für die Liquiditätsrisiken. Denkbar ist, dass Institute, die in großem Stil Fristentransformation betreiben, zusätzlich Eigenkapital vorhalten müssen.
Hat nicht auch die Geldpolitik zur Krise beigetragen?
Es ist ziemlich unumstritten, dass die amerikanische Geldpolitik nach dem Platzen der Spekulationsblase zu Beginn des Jahrzehnts die Zinsen zu lange zu niedrig gehalten hat. Der zweite Fehler war die Vorstellung, dass es letztlich einfacher und billiger sei, auf das Platzen einer Spekulationsblase im Nachhinein zu reagieren, statt das Entstehen der Blase zu verhindern. Jetzt kommen die beiden größtmöglichen Unfälle für eine Volkswirtschaft zusammen, nämlich eine Immobilienkrise gepaart mit einer Bankenkrise – und es zeigt sich, dass die Möglichkeiten, die Folgen abzufangen, gering sind und die Kosten hoch.
Bereitet die amerikanische Notenbank mit ihrer expansiven Geldpolitik die nächste Blase vor?
Das sehe ich nicht. Momentan sind wir immer noch auf der Intensivstation, und die Liquiditätszufuhr ist notwendiger Sauerstoff. Momentan halten Banken, Unternehmen und Haushalte die zusätzliche Liquidität. Damit wirkt sie sich weder auf die Vermögens- noch auf die Verbraucherpreise aus.
Aber gibt es nicht mittelfristig Risiken für die Preisstabilität?
Die mittlere Frist ist global von einem Nachfragerückgang geprägt. Deshalb sehe ich Preisdruck derzeit nicht als Problem. Die Zentralbanken können die Liquidität recht schnell wieder absaugen, da sie zum großen Teil nur befristet – als Kredit – bereitgestellt wird. Wichtig wird natürlich sein, den Wendepunkt nicht zu verpassen.
Bereitet Ihnen die hohe Neuverschuldung vieler Staaten Sorgen?
Ja, sie bereitet mir große Sorgen, denn sie kommt zu einem Zeitpunkt, in dem die industrialisierte Welt für die kommende Alterung sparen sollte, anstatt Anleihen bei der Zukunft aufzunehmen. Dennoch sind die Konjunkturpakete kurzfristig unverzichtbar. Unverzichtbar ist mittelfristig aber auch eine wirksame Schuldenbremse.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Gründung eines Weltwirtschaftsrats unter dem Dach der Vereinten Nationen vorgeschlagen. Was halten Sie davon?
Grundsätzlich würde ich eine Stärkung der multilateralen Institutionen begrüßen. Wenig sinnvoll wäre es allerdings, einfach eine weitere hinzuzufügen. Die Vereinten Nationen verfügen bereits über eine Bretton-Woods-Tochter, die die Wirtschaftspolitik international überwachen soll. Leider hat der Internationale Währungsfonds aber oftmals zu wenig Gewicht gegenüber Industrieländern.
Wird Ihr Rat in der Krise häufiger gesucht als früher?
Ja. Aber ich denke, dass alle Makroökonomen, die sich auf Finanzkrisen und Finanzmärkte spezialisiert haben, derzeit gefragt sind. Oft sind das Ökonomen, die sich mit Schwellenländern befasst haben. Denn dort ist es immer wieder vorgekommen, dass sich makroökonomische Instabilität und Bankenkrisen gegenseitig verstärkt haben. Mein Interesse an diesem Forschungsgebiet stammt ebenfalls aus meiner früheren Tätigkeit beim Internationalen Währungsfonds.
| Name | Kurs | Prozent |
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| Rohöl Brent Crude | 106,71 $ | +0,52% |
| Gold | 1.549,00 $ | −2,12% |
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