23.11.2006 · Was bringt die Annäherung zwischen den Spitzenverbänden BDI und BDA? Sollen Ältere, wie es die CDU diskutiert, länger Arbeitslosengeld I bekommen? Ist Ihr Führungsstil zu zurückhaltend? Ein Gespräch mit Jürgen Thumann.
Im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) herrschen derzeit Turbulenzen. Auch wenn Jürgen Thumann Anfang der Woche im Amt bestätigt worden ist, läuft es für ihn nicht rund. Nachdem sein Anlauf scheiterte, den BDI mit dem Spitzenverband der Industrie und Handelskammern (DIHK) zu verschmelzen, sucht Thumann die Nähe zur Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Mit deren Präsident Dieter Hundt hat er eine engere Kooperation vereinbart, was intern auf Kritik stößt. Auch seine Personalpolitik hat dem Verband bisher wenig positive Schlagzeilen beschert.
Wenn BDI und BDA zusammenrücken, bringt das mehr als nur eine gemeinsame Poststelle?
Das Ergebnis meiner Wiederwahl zeigt, daß die Kritik offenbar aufgebauscht worden ist. Seit Mitte 2005 gibt es im BDI mit den Vizepräsidenten eine ganz enge Abstimmung über das Ziel, die Zusammenarbeit mit der BDA und dem DIHK zu vertiefen. Man muß mit einer Stimme sprechen, wenn man in der politischen Debatte gehört werden will. Das gilt besonders auch auf europäischer Ebene. Fast alle Länder haben in Brüssel nur eine Verbandsspitze.
Streben Sie eine Verschmelzung der Verbände an?
Das könnte vielleicht das Ergebnis sein, zumindest mit der BDA. Zunächst ist ausdrücklich vereinbart, die Zusammenarbeit ergebnisoffen zu gestalten. Wenn das erfolgreich ist, kann mehr daraus werden. Es wird aber auch weitere Gespräche mit dem DIHK geben, wie wir die Kooperation vertiefen können.
Wird der BDA-Hauptgeschäftsführer Reinhard Göhner der neue Super-Hauptgeschäftsführer?
Wir reden nur über eine engere und vertiefende Zusammenarbeit. Wir wollen die Inhalte und Strukturen unserer Arbeit besser verzahnen, da Wirtschaft- und Sozialpolitik zwei Seiten derselben Medaille sind. Solange es zwei Verbände gibt, brauchen wir über Personalien nicht zu sprechen.
Aber in zwei Jahren?
Wenn das Ergebnis der Zusammenarbeit gut ist, wird das Thema in zwei, drei oder vier, fünf Jahren zu behandeln sein. Das haben dann aber andere zu tun, weil dann weder Herr Hundt noch ich noch im Amt sein werden.
Wie lange sollen Klaus Bräunig und Carsten Kreklau gemeinsam die BDI-Geschäfte führen?
Wie ursprünglich geplant, wird Ludolf von Wartenberg zum Ende dieses Jahres als Hauptgeschäftsführer ausscheiden. Er wird uns jedoch weiterhin in unseren Gremien unterstützen. Mit der neuen Doppelführung stehen wir nicht unter Druck, einen Nachfolger in Kürze präsentieren zu müssen.
Kann das Interregnum länger als ein Jahr dauern?
Ich werde mich nicht unter Druck setzen lassen und ein Datum nennen. Wir haben ein hervorragendes Team. Das gilt auch für die Abteilungsleiter. Der BDI wird daher auch so sehr stark auftreten.
Traditionell kam der Hauptgeschäftsführer des BDI aus den Reihen der Union. Ist das nach der öffentlichkeitswirksamen Absage von Norbert Röttgen (er wollte sein Abgeordnetenmandat nicht aufgeben) ausgeschlossen?
Verschiedene Varianten sind denkbar. Ich schließe auch nicht aus, daß ich einen Mann aus der Wirtschaft finde.
Brauchen Sie als Präsident nicht jemanden, der in der Politik gut vernetzt ist?
Der jetzige Hauptgeschäftsführer verfügt über hervorragende Kontakte, ebenso Herr Bräunig und Herr Kreklau. Und auch ich habe inzwischen sehr gute Drähte in die Spitze der Union, aber auch in die FDP und zur SPD-Führung. Ich fühle mich bestens vernetzt.
Ist das Anlehnungsbedürfnis des BDI ein Kind der Not?
Der BDI will sich nirgendwo anlehnen, und wir haben auch keine Not. Der BDI ist finanziell gesund. Wir erwarten für dieses Jahr einen Überschuß. Auch im vergangenen Jahr hat er mehr eingenommen als ausgegeben. Wir haben zudem über die vergangenen Jahre eine Schwankungsreserve von einigen Millionen Euro aufgebaut. Und auch im nächsten Jahr wird der BDI nach den Planzahlen einen Überschuß erwirtschaften. Zudem ist unser Verband unter den Spitzenverbänden am weitesten, was die Kapitaldeckung der Versorgungszusagen angeht. Noch einmal: Es gibt keine Finanzprobleme. Alle Mitgliedsverbände zahlen pünktlich. Auch sind Meldungen, daß Unternehmen ihre Beiträge nicht zahlen, reiner Unsinn, denn kein Unternehmen kann bei uns direktes Mitglied sein. Daß wir als Verband in einem ständigen Wettbewerb stehen, ist indessen auch klar. Wir müssen eine gute Arbeit für unsere Mitglieder abliefern.
Mit Ihren Plänen unterlaufen sie doch gerade den Wettbewerb zwischen den Spitzenverbänden.
Es geht um Wettbewerb im internationalen Maßstab. Die großen Unternehmen sind indirekt in allen drei Spitzenverbänden Mitglieder, über ihren Fachverband beim BDI, ob mit oder ohne Tarifbindung bei der BDA und über die Kammern zwangsweise beim DIHK. Sie erwarten, daß wir verstärkt mit einer Stimme sprechen, vor allem auf der europäischen und internationalen Ebene.
Ihre Vorgänger kritisierten gerne das Tarifkartell. Solche Gegenpositionen wären künftig nicht mehr möglich.
Ich kann diese Kritik verstehen, teile sie aber nicht. Man darf die Fortschritte, die es gegeben hat, nicht ausblenden. Auch die BDA führt keine Tarifverhandlungen. Das macht beispielsweise Gesamtmetall. Und auch dort wächst die Zahl der Mitglieder, die nicht der Tarifbindung unterliegen. Mittlerweile haben schon über 50 Prozent der Mittelständler betriebliche Bündnisse abgeschlossen, die es ihnen erlauben, vom Tarifvertrag abzuweichen. Darüber hinaus gilt seit Ludwig Erhard, dem Vater des Wirtschaftswunders, Wirtschafts- und Sozialpolitik sind nicht zu trennen. Wir wollen Wirtschafts-, Tarif- und Sozialpolitik zu einer Standortpolitik aus einem Guß verbinden.
Besorgt es Sie, wenn die CDU vor ihrem Parteitag in Dresden darüber diskutiert, ob man frühere Reformen zurückdrehen sollte. Schließlich wollen manche Älteren wieder länger Arbeitslosengeld I gewähren?
Es gibt Äußerungen von einzelnen Politikern, die Anlaß zur Sorge geben. Ich baue jedoch darauf, daß sich die Mehrheit im Sinne der Freiheit auf dem Parteitag durchsetzen wird. Die CDU sollte nicht glauben, daß alle Empfänger von sozialen Transferleistungen automatisch für einen Ausbau des Sozialstaates stimmen. Vielmehr prüfen sehr viele von ihnen, welches Reformprogramm ihnen am besten ermöglicht, Anschluß an die Gesellschaft zu halten. Mit falscher Sozialpolitik wird der gesellschaftliche Zusammenhalt ernsthaft gefährdet. Viel mehr Sorge bereitet mir, wie der SPD-Parteirat unter Führung von Andrea Nahles über die Unternehmensteuerreform diskutiert hat.
Die SPD-Linken sprechen von Steuergeschenken für Unternehmen. Läuft Ihnen da die Galle über?
Nicht über, ich bin ja ein zurückhaltender Mann.
Genau das wird an Ihrem Führungsstil kritisiert.
Als Unternehmer bin ich es gewohnt nüchtern zu kalkulieren. Ich lebe davon, daß die Rahmenbedingungen in Deutschland so sind, daß ich hier produzieren und damit Arbeitsplätze schaffen kann. Was Frau Nahles vertritt, ist schlicht Unsinn. Ihre politischen Vorstellungen führen zu mehr Staatsverschuldung, von der allein reine Kapitalisten profitieren, denn die leben dann risikolos von den Zinszahlungen des Staates. Was sie sagt, läßt bei mir die Galle überlaufen, da haben Sie eigentlich schon recht.
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