Home
http://www.faz.net/-gqe-75kas
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 07.01.2013, 10:17 Uhr

Basel-III-Vorschriften Aufseher geben Banken mehr Zeit

Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht hat die Regeln für die Liquiditätsreserven der Banken gelockert. Die Geldinstitute bekommen vier Jahre mehr Zeit für den Aufbau der Reserven, mit denen sie sich gegen eine Bankenkrise wappnen sollen.

© dpa Die Banken hatten die bisher geplanten Regeln als zu strikt kritisiert

Die weltweiten Bankenregulierer haben ihre Pläne zur Schaffung eines sichereren Finanzsystems an einer entscheidenden Stelle abgeschwächt. Damit haben sie gegenüber den Banken nachgegeben, die die Pläne als nicht ausführbar und finanziell riskant bezeichnet hatten.

Der Baseler Ausschuss für die Bankenaufsicht, ein Zusammenschluss von weltweiten Regulierern und Zentralbankern, erklärte am Sonntag, dass er einer Regelerleichterung zugestimmt hat. Diese soll sicherstellen, dass Banken Finanzkrisen durchstehen können, ohne in Geldknappheit zu geraten.

Nach zwei Jahren intensiven Drucks aus der Bankenbranche beugten sich die Regulierer und machten es den Instituten leichter, die Vorgabe, die unter dem Namen „Liquiditätsdeckungskennziffer“ (Liquidity Coverage Ratio, LCR) bekannt ist, zu erfüllen. Ihre volle Einführung verschoben sie zudem bis 2019. Die Regulierer argumentieren, dass auch nach den Veränderungen die Vorschriften für Banken im Vergleich zur Zeit vor der Finanzkrise deutlich strikter sind.

Die sogenannten Basel-III-Vorschriften, benannt nach der Schweizer Stadt, wo die Bankenregeln traditionell verhandelt werden, verpflichteten Banken dazu, ihre Kapitalpuffer dramatisch aufzustocken und sich Billionensummen an neuer Liquidität zu verschaffen. Aus Sicht der Banken gingen die neuen Regeln zu weit. Sie würden zu einer deutlich geringeren Kreditvergabe führen, drohten sie. Einigen dieser Bedenken trugen die Regulierer jetzt Rechnung, indem sie die Vorgaben an mehreren Schlüsselstellen abschwächten oder verschoben. In einigen Ländern, darunter den Vereinigten Staaten, wachsen inzwischen bereits die Zweifel, ob die Baseler Vorschriften jemals eingeführt werden.

Deutlich weniger Belastungen für die Banken

Die Liquiditätsregel verpflichtet Banken dazu, genügend liquide Anlagen - in der ursprünglichen Definition beschränkten sich diese weitgehend auf Barreserven und Staatsanleihen - vorzuhalten, um einer drastischen, 30 Tage langen Liquiditätskrise ähnlich der im Herbst 2008 Stand halten zu können.

Ende 2011 hatte der Baseler Ausschuss einen Schätzung veröffentlicht, der zufolge weniger als die Hälfte der 200 größten Banken der Welt den Vorgaben entsprechen würden und dass diese zusammen 1,8 Billionen Euro an hochliquiden Anlagen benötigten, um die Quote zu erfüllen, wenn sie 2015 in Kraft trete.

Jetzt verringern sich die Belastungen für die Branche massiv. Mervyn King, der scheidende Gouverneur der Bank of England, der die Verhandlungen geleitet hatte, sagte auf einer Pressekonferenz am Sonntag, dass die „große Mehrheit“ der 200 Banken die überarbeitete Quote bereits erfüllen, wobei dies zum Teil den außergewöhnlichen Anstrengungen zu verdanken ist, die viele Notenbanken unternommen haben, um die Folgen der Finanzkrise abzumildern.

King bestritt, dass die Liquiditätsregel durch die Änderungen verwässert werde. „Ob diese erheblich sind oder nicht, liegt im Auge des Betrachters“, sagt er. „Eines der Ziele war sicher, die Stellungnahmen zu berücksichtigen, die gemacht wurden.“ Niemand habe angeordnet, die Regeln stärker oder schwächer zu machen, realistischer sollten sie sein.

Stefan Ingves, schwedischer Zentralbanker und Chef des Baseler Ausschusses, beschrieb die Liquiditätsregel als „ziemlichen Erfolg und etwas, das sehr, sehr hilfreich dabei sein wird, die globale Finanzstabilität sicherzustellen.“

Zu den wichtigsten Veränderungen gehören Zugeständnisse dahingehend, was Banken als „hochliquide Anlagen“ zählen dürfen. 2010 hatte der Baseler Ausschuss die Regel noch sehr eng gefasst und neben Staatsanleihen und Geld, das bei Zentralbanken geparkt ist, kaum etwas zugelassen. Die Bankenbranche hatte dafür gekämpft, ein breiter gefasstes Spektrum an Anlagen einzubeziehen - von erstklassigen Aktien über mit Hypotheken gedeckte Anleihen bis hin zu Goldvorräten.

Anfangs hatten die Regulierer gehöhnt, die Einwände der Branchen seien Ausdruck der Eile der Institute, zu ihrem waghalsigen Vorkrisen-Verhalten zurückzukehren. Die europäische Schuldenkrise, in der einige Staatsanleihen auf Ramschniveau herabgestuft wurden und vollkommen illiquide wurden, habe jedoch zu einer Neubewertung geführt, berichten Personen, die an den Verhandlungen beteiligt waren.

Die Verhandlungspartner einigten sich schließlich darauf, dass Banken die Kapitalvorgabe mit bis zu 15 Prozent mit weniger traditionellen Anlagen erfüllen dürfen. Dazu zählen mit Wohnhypotheken gedeckte Wertpapiere mit Top-Rating, die vor allem für die amerikanischen Banken hohe Priorität hatten. Sie haben etliche Billionen Dollar in diesen Papieren liegen, die 2008 eine zentrale Rolle in der Krise des amerikanischen Bankensystems spielten. Bei der Berechnung des Anteils der Papiere an der Deckungsrate wird ihr Wert um 25 Prozent heruntergeschrieben.

Eine weiteres Zugeständnis gegenüber der Branche machten die Baseler Regulierer bei den Annahmen über das Ausmaß von Krisen, die den Banken realistischerweise drohen könnten und denen sie mit Hilfe der neuen Regeln Stand halten sollen.

So sahen die ursprünglichen Regeln vor, dass Banken auf eine 30 Tage andauernde Liquiditätskrise vorbereitet sein sollten, in der Privatkunden fünf Prozent ihrer Einlagen abzögen. Aus Sicht der Bankenbranche war dies eine unrealistisch scharfe Vorgabe. Diese wird mit den Veränderungen vom Sonntag nun auf drei Prozent reduziert. Und an Stelle der Annahme, dass Firmenkunden ihre Kreditlinien in einer Krise um 100 Prozent herunterfahren, wurde dieser Wert auf 30 Prozent verändert. Dadurch ändert sich die Menge an liquiden Mitteln, die die Banken als Reserve bereithalten müssen, signifikant.

Zudem wird die Regel nicht wie ursprünglich geplant bereits zum 1. Januar 2015 vollständig greifen, sondern nur zu Teilen. In den vier Jahren darauf soll sie dann schrittweise erweitert werden, ehe sie 2019 unbeschränkt gilt.

Quelle: Dow Jones

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mayers Weltwirtschaft Angst um China

Wenn Chinas Währung weiter an Wert verliert, hat dies unangenehme Folgen für die ganze Welt. Mehr Von Thomas Mayer

30.01.2016, 17:43 Uhr | Wirtschaft
Berlin Jäger berichtet vor Innenausschuss

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger hat nach seinem Auftritt vor dem Bundestags-Ausschuss in Berlin die in der Kölner Silvesternacht eingesetzten Polizeibeamten in Schutz genommen. CDU-Politiker forderten ein Nachspiel im Düsseldorfer Landtag. Mehr

13.01.2016, 16:45 Uhr | Politik
Staatsanleihen Japan überrascht mit Negativzins

In den Industrienationen sinken die Renditen von Staatsanleihen nach der Lockerung der japanischen Geldpolitik weiter. Hochrisikoanleihen sind weniger beliebt. Mehr Von Patrick Welter, Gerald Braunberger

29.01.2016, 19:27 Uhr | Finanzen
Donald Trumps Wurzeln King of New York, Knallkopf of Kallstadt

Lange Jahre hatte Donald Trump die Geschichte seiner deutschen Vorfahren verschwiegen. Sein Großvater war nach Amerika ausgewandert, wollte nach Jahren aber wieder zurück in die pfälzische Provinz. Doch dort wies man ihn ab. Mehr Von Julia Niemann, Kallstadt

20.01.2016, 16:29 Uhr | Politik
Sorgen an den Finanzmärkten Drei ernste Warnsignale

Auf den Finanzmärkten herrscht Unruhe - und Amerika steht dabei im Fokus. Anleger suchen in Staatsanleihen sichere Häfen. Der Dax fällt auf ein Jahrestief. Beunruhigende Trends sind erkennbar. Mehr Von Gerald Braunberger

05.02.2016, 12:46 Uhr | Finanzen

Wachstum ohne Schulden

Von Gerald Braunberger

Die Finanzkrise hat die Staaten dazu bewogen, durch höhere Schulden die Weltwirtschaft zu stabilisieren. Dass Wachstum auch ohne Schulden möglich ist, zeigt ein Blick ins Silicon Valley. Mehr 34 8


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden

Grafik des Tages Unser Gold ist etwas weniger wert

Die Bundesbank verwaltet das Gold der Deutschen. Es geht um mehr als 100 Milliarden Euro. Vor vier Jahren war der Wert sogar noch viel größer. Mehr 0