27.02.2006 · Trotz des starken Stellenabbaus und der damit verbundenen heiklen Beschäftigungslage fehlen Ingenieure. Während die IG Metall einen weiteren Stellenabbau fürchtet, sehen andere gute Aufstiegschancen.
Von Christian Geinitz, Berlin„Die Bahn kommt - aufs Abstellgleis?“ So lautete in der vergangenen Woche das Motto einer Branchenkonferenz der IG Metall zur heiklen Beschäftigungslage in der Bahnindustrie. Neben Diskussionen gab es auch Demonstrationen: Ehemalige Arbeiter des geschlossenen Waggonbau-Werks in Halle-Ammendorf protestierten gegen die Entscheidung ihres einstigen Arbeitgebers Bombardier Transportation, die Gespräche mit potentiellen Anschlußinvestoren abzubrechen.
Um Überkapazitäten abzubauen, hatte sich Bombardier von dem traditionsreichen Werk in Sachsen-Anhalt getrennt und 400 Beschäftigte in einer Auffanggesellschaft untergebracht. Die IG Metall fürchtet einen weiteren Personalabbau von bis zu 10.000 Personen, falls die Pläne der Bundesregierung wahr würden, die Zuschüsse zum Nahverkehr (Regionalisierungsmittel) bis 2009 um 2,3 Milliarden Euro zu kürzen.
„Nur eben keine Arbeiter, sondern Ingenieure“
Schon seit zwei Jahren baut die Branche Mitarbeiter ab: 2004 ging die Zahl der Beschäftigten um 5 Prozent auf 39 300 zurück, im ersten Halbjahr 2005 fielen weitere 1800 Jobs weg - mehr als im gesamten Vorjahr. Der Grund sind die Auftragsrückgänge bei hoher Produktivitätssteigerung der Betriebe, wo weniger Beschäftigte heute mehr Umsatz erwirtschaften als früher. Aufgrund der Automatisierung in der Produktion und der Optimierung dauert etwa die Fertigung eines Triebzugs nur noch ein Viertel so lang wie noch vor zehn Jahren.
Der verstärkte Einsatz von Kapital und technischem Wissen zu Lasten des Faktors Arbeit hat das Beschäftigungsprofil stark verändert. „Die Branche sucht händeringend neue Leute“, sagt Michael Clausecker, der Hauptgeschäftführer des Verbands der Bahnindustrie in Deutschland. „Nur eben keine Arbeiter, sondern Ingenieure.“ Gefragt seien Maschinenbauer, Elektrotechniker und Wirtschaftsingenieure, die - aufgrund der zunehmend internationalen Ausrichtung - gut Englisch sprächen und reiselustig seien.
„Mitte 30 und Aufträge von 20 Millionen Euro“
Vor allem aber müßten sie sowohl technisch als auch kaufmännisch denken, um zum Beispiel die Projektarbeit an einem Fahrzeug von der Bestellung bis zur Auslieferung zu betreuen. „Gute Projektmanager finden in jedem der großen Systemhäuser einen Job und steigen schneller auf als in der Automobilindustrie“, verspricht Clausecker. In drei Jahren könne man es zur Teilprojekt-Verantwortung bringen, in weiteren drei Jahren zum Projektleiter.
„Dann ist man Mitte 30 und stemmt Aufträge von 20 Millionen Euro.“ Daß es zu wenige geeignete Ingenieure gibt, führt die Bahnindustrie auch auf die langen, teilweise zu theorielastigen Studiengänge zurück. Das schreckt viele potentielle Interessenten ab und führt unter Umständen sogar zum Studienabbruch. Eine Verbandsstudie ergab zudem, daß neben der technischen Ausbildung wirtschaftliche, betriebliche und rechtliche Zusammenhängen vernachlässigt werden. Demgegenüber verfügten die Betriebswirte oft über zu wenig technisches Wissen. Deshalb sei es schwer, neben den offenen Stellen für Ingenieure auch die Positionen für „Projektkaufleute“ zu besetzen.
Christian Geinitz Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.
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