Home
http://www.faz.net/-gqg-102wd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Auswirkungen der Krise China gehen die Aufträge aus

13.11.2008 ·  Die Finanzkrise hat im Westen begonnen, jetzt erfassen ihre Folgen die globalisierte Welt mit voller Wucht. Die Menschen in Asien bekommen das zu spüren. Der Grund für das Wegschmelzen des Handels liegt aus der Sicht chinesischer Fabrikarbeiter am anderen Ende der Welt.

Von Christoph Hein
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Eigentlich ist Peter Leung Pak-yan ein ruhiger Mann. Denn eigentlich hat er eine schöne Aufgabe: Er führt das Handelsbüro Hongkongs in Südchina. In Hongkong sitzen die Firmenchefs, nach Hongkong kommen die Entsandten westlicher Konzerne. Im südchinesischen Guangdong, der Fabrik der Welt, wird gefertigt, was sie bestellen. So war es bisher. Nun aber bekommt Leung es mit der Angst zu tun: Mindestens 3000 Fabriken stünden vor der Insolvenz. Millionen von Arbeitern würden ihren Arbeitsplatz im Frühjahr verlieren, warnt er.

Von Peter Leung in China hat der Brite Richard Sadler noch nie gehört. Doch auch bei dem erfahrenen Manager in London steigt der Angstpegel: Denn einen solchen Einbruch hat der Chef von Lloyd's Register noch nie erlebt. Im Oktober vergangenen Jahres bestellten die Reeder dieser Erde noch 378 Schiffe. In diesem Oktober waren es 90 Prozent weniger - nur noch 37. Leung in Guangdong und Sadler im fast 10.000 Kilometer entfernten London aber wissen: Wer den Puls des Welthandels nehmen will, der braucht nur auf die Zahlen der Reeder zu blicken.

Auswirkungen am anderen Ende der Welt

Der Grund für das Wegschmelzen des Handels liegt aus der Sicht chinesischer Fabrikarbeiter am anderen Ende der Welt. Das kennen sie bestenfalls aus dem Fernsehen. Doch sie ahnen, dass die Käufer im Westen ihre Waren nicht mehr wollen. Denn wo Angst regiert, bricht die Kauflust ein, und dann stornieren Wal-Mart, Metro oder Ikea ihre Aufträge, bleiben die Messehallen leer, werfen die Fabriken in Asien ihre Leute raus. Wenn in Denver oder Düsseldorf nun eine Puppe weniger unter dem Weihnachtsbaum liegt, wenn das neue Sofa, der Fernseher, die Stereoanlage jetzt auf sich warten lassen müssen, weil die Finanzmärkte verrückt spielen und alle nur noch sparen, dann kostet das den Arbeiter in Südchina seine Stelle. Denn er und seine Kollegen fertigen die Mehrheit der Mobiltelefone der Erde, die Hälfte der Videorekorder, ein Drittel aller Eisschränke. Fast 30 Prozent der Ausfuhr Chinas stammt aus der Provinz Guangdong. Und am Bahnhof in Guangzhou bilden sich nun Schlangen von Wanderarbeitern, die die Fabriken verlassen und in ihre Dörfer heimkehren müssen.

Wie ein Stein, der ins Wasser fällt, zieht die Krise ihre Kreise. Zuerst traf sie die Wall Street. Dann die Main-Street in Amerika, den kleinen Mann, dessen Haus unter den Hammer kam. Europas Banken folgten schnell. Dann drohten erste Staaten zusammenzubrechen, wie Island, Ungarn oder Pakistan. Die nächste Welle erreicht nun die Exportländer. Die Unternehmen bekommen keine Akkreditive mehr. Und wenn, dann zu horrenden Gebühren - sie sind von 25 Basispunkten auf 300 geschnellt. Ratan Tata, Chairman von Indiens größtem Konzern, verdonnerte seine Manager gerade, sämtliche Übernahmepläne deshalb auf Eis zu legen: „Einige unserer Tochterunternehmen mit großem Auslandsgeschäft stehen vor riesigen Problemen, Kapital aufzunehmen und Kreditlinien zu bekommen“, warnte er sie.

Fehlen Kredite, dann fehlt der Schmierstoff der Wirtschaft, das Öl im Getriebe der Exporteure. Dann baut die Industrie ihre Lager ab, kürzt die Schichten, kauft weniger Maschinen, hält die Werke nicht mehr auf dem neuesten Stand. Das allein ist gefährlich. Nun aber fehlen auch Käufer - in den drei großen Märkten Amerika, Europa und Japan. Deshalb werde der grenzüberschreitende Handel mit Waren und Dienstleistungen im nächsten Jahr wahrscheinlich erstmals seit 1982 schrumpfen, warnte Robert Zoellick gerade, der Präsident der Weltbank.

Der Anfang des Rückgangs

„Für 2009 erwarten wir, dass das Exportwachstum Chinas in Yuan bemessen auf null sinken wird“, heißt es nüchtern von den Analysten der Deutschen Bank in Hongkong. Am gestrigen Donnerstag veröffentlichte China die Zahlen für die Industrieproduktion im Oktober. Der Anstieg betrug im Jahresvergleich nur noch 8,2 Prozent, im September hatte er bei gut 11 Prozent gelegen. Damit steigt die Produktion in China so langsam wie zuletzt vor sieben Jahren. Kein Analyst hatte diese Schärfe des Einbruchs vorhergesagt.

Doch dürfte es wohl erst der Anfang des Rückgangs sein. Ein Fünftel der üblichen Einkäufer aus Amerika blieb gerade der Handelsmesse in Guangzhou fern - es ist die größte Chinas. Die erfolgreichsten Aussteller sagten, ihre Umsätze mit westlichen Firmen seien nur um 30 Prozent zurückgegangen. Viele aber klagten, sie hätten überhaupt nichts verkauft. Bis zum Frühjahr, so fürchtet die Vereinigung der Unternehmen mit Auslandsbeteiligung im südchinesischen Dongguan, werden 9000 Fabriken schließen, 2,7 Millionen Menschen ihre Arbeit verlieren. Der Zoll berichtet, bis September sei die Ausfuhr der Provinz um 13,5 Prozent gestiegen - 11 Punkte weniger als ein Jahr zuvor.

Die Krise weitet sich aus

Die Krise aber bleibt nicht nur auf China beschränkt. Sie verbreitet sich in der ganzen Region. Denn wer keine Waren mehr im Ausland verkaufen kann, der braucht auch keine Rohstoffe, keine Maschinen, keine Flugzeuge oder Schiffe zum Transport. Davon wissen die Reeder ein Lied zu singen. Mehr als ein Dutzend ihrer Containerschiffe hat die Reederei Neptune Orient Lines in Singapur vor Anker gelegt - keinen Kilometer entfernt von der Straße von Malakka, der wichtigsten Schlagader des Welthandels. Angesichts des einbrechenden Exports werden die Schiffe nicht mehr gebraucht. Zur selben Zeit denkt Chew Choon Seng, der Vorstandsvorsitzende von Singapore Airlines (SIA), öffentlich darüber nach, seine überflüssigen Flugzeuge „in der Wüste zu parken“. Sein Kollege von China Eastern ist schon einen Schritt weiter: Ein Zehntel ihrer Maschinen haben die Chinesen inzwischen aus dem Verkehr genommen.

Auch 7000 Kilometer weiter im Osten, in Port Hedland, spüren die Menschen jetzt die Krise. Der entlegene Ort im unbevölkerten Nordwesten Australiens stand jahrelang als Symbol für den Aufstieg des fünften Kontinents. Denn in Port Hedland werden Eisenerz und Gas verschifft, die die Kraftwerke und Hochöfen in China und Japan bestellt haben. Wer hier draußen arbeitet, zahlt weniger Steuern - schließlich trägt er bei zum Wirtschaftswunder von „down under“, das mehr als eine Dekade währte. In wenigen Jahren verdiente er mit harter Arbeit ein Vermögen. Nun aber drosseln die Bergbaukonzerne ihren Ausstoß. Die Rohstoffpreise schmelzen wie Erz im Hochofen. Im Februar lag Australiens Arbeitslosenrate mit 3,9 Prozent auf dem tiefsten Stand seit drei Jahrzehnten. Nun schießt sie hoch. Schon 2009 dürfte sie 6,5 Prozent erreichen, schätzen Analysten.

Arbeitslos werden auch jene, die fern der Heimat ihr Glück suchen mussten. Wenn der Bankier in Hongkong seine Stelle verliert, dann muss auch Bebing ihren Plastikkoffer packen, sein Hausmädchen von den Philippinen. Wenn die Banken dem amerikanischen Kasinokonzern Las Vegas Sands keine Milliarden mehr leihen, um Zocker-Städte in Singapur und Macau zu bauen, dann muss auch Manam, der Arbeiter aus Tamil Naduh, die Baustelle verlassen und zurück nach Südindien.

Nicht nur die Kleinen leiden

Angesichts der eigenen Ängste gärt die Ablehnung den Gastarbeitern gegenüber. Singapurs Ministerpräsident Lee Hsien Loong weiß zwar, dass die Fabriken ohne ihre Billigarbeiter aus Bangladesch oder Indien nicht auskommen. Doch werde die Zahl der Gastarbeiter aufgrund des langsameren Wachstums in den kommenden Monaten fallen, verspricht er kritischen Bürgern. Das aber verheißt nichts Gutes für die Gastarbeiter und ihre Länder. Denn ihre Überweisungen dienen dem Aufbau der ärmsten Staaten. Allein auf den Philippinen steuern sie mit gut einer Milliarde Dollar monatlich rund ein Zehntel zum Bruttoinlandsprodukt bei.

Doch nicht nur die Kleinen leiden. Ein Regierungsbericht der zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde, Japans, dürfte an diesem Montag zeigen, dass das Wirtschaftswachstum im dritten Quartal nur noch bei 0,1 Prozent lag. „Diese minimale Wachstumsrate ist aber nur die Ruhe vor dem Sturm“, warnt Kyohei Morita, Chefvolkswirt von Barclays Capital. Von Toyota bis Sony, von Canon bis Nissan reißen die Schreckensnachrichten seit Ende Oktober nicht ab. Nicht nur der Westen, sondern auch die Asiaten stellen ihre Käufe zurück. „Automobile und Elektronik rangieren in keinem Land Asiens unter den drei wichtigsten Konsumwünschen mehr“, hat die Kreditkartenfirma Mastercard gerade ermittelt. Damit schmilzt auch der Regionalhandel. Das bekommt etwa Singapur zu spüren: Sein Elektronikabsatz - das wichtigste Exportgut der reichen Tropeninsel - verzeichnet einen Einbruch, der einer Kernschmelze gleichkommt: von plus 5 Prozent im Sommer auf nun minus 15 Prozent im Jahresvergleich.

„Asien steht im Zentrum des Orkans. Eine Entkoppelung vom Rest der Welt war immer nur ein Mythos. Die Krise beweist uns das erneut“, sagt Rajat Nag, Geschäftsführer der Asiatischen Entwicklungsbank. Manu Bhaskaran, Chef der Berater von Centennial Asia Advisors, wird noch deutlicher: „Der Ausblick ist für Asien viel schlimmer, als die Politiker und die meisten Analysten bis jetzt glauben. Die Handelsfinanzierung ist unterbrochen. Sie aber ist die Nabelschnur Asiens.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

Jüngste Beiträge

Barrosos Verantwortung

Von Werner Mussler, Brüssel

Die EU-Kommission schaut den EU-Staaten auf die Finger: Sind ihre Haushalte in Ordnung? Wie sie diese Kontrolle ausübt, wird sich in der Politik entscheiden - abhängig davon, ob sich der französische Weg oder der deutsche Weg zur Krisenbekämpfung durchsetzt. Mehr 2 4

30.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.280,80 −1,81%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.368,84 −1,82%
Dow Jones 12.428,70 −1,21%
EUR/USD 1,2406 −0,66%
Rohöl Brent Crude 103,44 $ −3,19%
Gold 1.579,50 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.