06.12.2009 · Früher war die Reiserichtung klar. Ein deutscher Wirtschaftsminister schaute meist nach Westen, machte seinen ersten Auslandsbesuch in Frankreich oder Amerika. Doch Rainer Brüderle hat sich für China entschieden. Dort ist er an diesem Sonntag eingetroffen. Es gibt vor allem viel Geld zu holen.
Von Konrad MrusekFrüher war die Reiserichtung klar. Ein deutscher Wirtschaftsminister schaute meist nach Westen, machte seinen ersten Auslandsbesuch in Frankreich oder Amerika. Doch Rainer Brüderle ist in die entgegengesetzte Richtung geflogen: Er wendet sich ostwärts und ist an diesem Sonntag in China eingetroffen.
Das ist kein Zufall des Terminkalenders, sondern ein wirtschaftspolitisches Signal: Es zeigt, wie sich ökonomische Gewichte verschieben und wo die deutschen Exporteure das bessere Geschäft sehen. China ist gegenwärtig der einzige wichtige Absatzmarkt, der einen Zuwachs ausweist. Wird China bald Amerika überrunden? Der CDU-Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs, der Brüderle begleitet, wagt vor dem Abflug eine mutige Prognose: „In fünf Jahren liefern wir nach China mehr als in die Vereinigten Staaten. Denn das ist ein gewaltiger Markt, der einen großen Nachholbedarf hat. Außerdem hat China mehr Geld als das hochverschuldete Amerika.“
Mit der Supermacht muss man sich arrangieren
Der chinesische Drache wird zwar in Berlin weiterhin misstrauisch beäugt, weil er mit künstlich verbilligter Währung die Welt mit Waren überschwemmt und Patentrechte oft missachtet. Doch mit einer Supermacht, die selbst Amerika als ebenbürtig empfindet, muss man sich arrangieren. Einen Affront, wie ihn Angela Merkel noch 2007 mit dem Empfang des Dalai Lama im Kanzleramt machte, würde die Kanzlerin jetzt wohl nicht mehr wagen.
Der Sinneswandel wird erleichtert, weil China mit gigantischen Summen die Konjunktur ankurbelt. Auch deutsche Unternehmen wollen davon profitieren, denn etwa die Hälfte des chinesischen Krisenprogramms von 430 Milliarden Euro fließt in die Infrastruktur und in „grüne“ Technologien. Und in Energieeffizienz oder Umwelttechnik sind die Deutschen sehr gut: Da kontrollieren sie 16 Prozent des Weltmarktes.
Eine riesige Reisegruppe
Brüderle ist nicht mit einer riesigen Delegation nach Peking gereist. Die Reisegruppe ist sogar kleiner als bei anderen Auslandsbesuchen, weil der Trip nach dem Amtsantritt des Ministers ganz kurzfristig arrangiert wurde. Trotzdem sind einige prominente Konzernchefs und Unternehmer dabei: Jürgen Hambrecht etwa, der Chef von BASF, und Martin Herrenknecht, der Inhaber des größten Herstellers von Tunnelbohrmaschinen. Ein weiterer Manager wird sich Brüderle in Peking anschließen: Siemens-Chef Peter Löscher, der dort zusammen mit dem Minister an einem Energieforum teilnimmt.
Herrenknecht, der schon öfter mit dem früheren Außenminister Frank-Walter Steinmeier unterwegs war, lobt Brüderle. „Es ist absolut richtig, gerade jetzt nach China zu reisen, weil es ein immer wichtigerer Markt wird.“ Herrenknecht, dessen Maschinen überall auf der Welt Tunnel für Straßen oder U-Bahnen bohren, macht bereits ein Viertel seines Umsatzes im Reich der Mitte und beschäftigt dort 700 Leute. Seine beiden größten Maschinen haben zum Beispiel den Fluss in Schanghai untertunnelt. „Die Firma hätte ohne China Probleme gehabt“, sagt Herrenknecht, „so aber konnten wir auch ohne Kurzarbeit gut über die Runden kommen.“
„Es ist ein gutes Signal, dass Brüderles erste Reise nach China führt“, heißt es beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag in Berlin. Man sieht darin auch eine Geste der Höflichkeit. Denn in letzter Zeit war Deutschland fast schon ein Wallfahrtsort für chinesische Politiker. Auch, weil China Gastland auf der Frankfurter Buchmesse war. Den Reigen der Besucher eröffnete Anfang des Jahres Premier Wen Jiabao. Das zahlte sich kommerziell aus: In Gegenwart der Kanzlerin wurden Ende Januar mehrere Verträge unterzeichnet, die der deutschen Industrie Aufträge von 8 Milliarden Euro brachten.
„Ein begehrter Partner“
„Deutschland ist zurzeit ein begehrter Partner für die Chinesen“, sagt Friedolin Strack vom Bundesverband der Deutschen Industrie. Denn für den Ausbau der Infrastruktur, also von U-Bahnen, Strom- und Datennetzen, sowie für die klimafreundliche Senkung der Kohlendioxidemissionen brauche man ausländische Technologien.
Die chinesischen Bestellungen zeigen sich jetzt offenbar in den besseren Exportzahlen der Unternehmen. Im ersten Halbjahr 2009 waren die Ausfuhren nach China noch um knapp vier Prozent geschrumpft. Im August gab es jedoch eine Trendwende. Die deutschen Lieferungen lagen in diesem Monat um fast 20 Prozent höher als im Vorjahresmonat. So ist das Minus seit Jahresbeginn ausgeglichen worden. China ist damit in der Krise für deutsche Exporteure ein Markt mit Seltenheitswert.
Exportweltmeister? Nicht so wichtig!
Obwohl der Warenfluss aus China im ersten Halbjahr noch etwas stärker geschrumpft ist als die deutschen Ausfuhren in das Reich der Mitte, wird es auch 2009 wieder ein Defizit im Handel mit China geben: Die Deutschen führen mehr Waren aus China ein, als sie dorthin ausführen. 2008 betrug es 25 Milliarden Euro. Damit war es allerdings nur ein Zehntel des Defizits, das die Vereinigten Staaten mit China hatten. Wegen der jahrelangen Überschüsse im Handel haben die Chinesen ein Devisenkonto von etwa einer Billion Dollar und sind einer der größten Gläubiger des amerikanischen Staates. Was die Chinesen liefern, das weiß jeder Supermarktkunde: Elektronik, Textilien und Schuhe. Weniger bekannt ist, was nach China verschifft wird. Es sind hauptsächlich Maschinen und Anlagen, Autos und elektrotechnische Geräte. Seit 2004 ist der chinesische Markt für Deutschland wichtiger als Japan, werden dort mehr Produkte deutscher Unternehmen verkauft.
Und wenn China demnächst Deutschland als Exportweltmeister überholt? Die Händler macht dies nicht nervös. „Das wäre eine gute Nachricht für uns“, sagt der Präsident des Außenhandelsverbandes, Anton Börner. „Denn je reicher unsere Kunden sind, umso besser für das Geschäft.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.428,70 | −1,21% |
| EUR/USD | 1,2406 | −0,66% |
| Rohöl Brent Crude | 103,44 $ | −3,19% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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