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Ausbildungsmarkt Lehrlinge händeringend gesucht

18.08.2008 ·  Die Zahl der Ausbildungsverträge erreicht Rekordstände. Doch immer mehr Stellen bleiben unbesetzt. Im Osten gehen viele Betriebe leer aus. Handwerksbetriebe erwägen nun die Einstellung polnischer Lehrlinge.

Von Konrad Mrusek
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Deutschlands Betriebe schließen so viele Ausbildungsverträge ab wie nie zuvor. Dieses Jahr sollen es fast 20.000 mehr sein als im Vorjahr. Aber in Ostdeutschland bleiben immer mehr Stellen unbesetzt. Zum Beispiel in Guben: Einer Großbäckerei in dem Städtchen an der polnischen Grenze fehlen sieben Lehrlinge. Auch Friseur- und Metallbaubetriebe suchen händeringend junge Leute. Allein im Bezirk der Handwerkskammer Cottbus gibt es derzeit 172 unbesetzte Lehrstellen. Das sind doppelt so viele wie im Vorjahr. „In zwei bis drei Jahren wird es noch schlimmer“, prophezeit Kammerpräsident Peter Dreißig, „dann werden wir den Tiefpunkt unter den Schulabgängern haben, dann wird sich im Kammerbezirk ihre Zahl auf knapp 4000 halbieren.“

Wegen der immer noch recht guten Wirtschaftslage steigt die Nachfrage nach Lehrlingen. „Wir rechnen damit, dass die Zahl aller Verträge in Deutschland um 3 bis 4 Prozent auf um die 645.000 wachsen wird“, sagt Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). 2007 waren nach Angaben der Bundesregierung noch 625.900 Ausbildungsverträge geschlossen worden, die zweithöchste Zahl seit der Wiedervereinigung. Doch in ganz Deutschland trifft die steigende Nachfrage auf ein schrumpfendes Angebot. In den neuen Ländern können viele der angebotenen Lehrstellen schon jetzt nicht mehr besetzt werden. Das zeigt auch die Sommerbilanz der neuen Ausbildungsverträge. Die deutsche Wirtschaft bot trotz schwächelnder Konjunktur fast 7 Prozent mehr Ausbildungsplätze an, in Ostdeutschland aber stagnierte die Zahl der Verträge; unter anderem auch deshalb, weil das Handwerk aus Mangel an Bewerbern 1500 Lehrstellen nicht besetzen konnte.

Auch im Westen werden bald Defizite sichtbar sein

„Die Betriebe im Westen sollten sich genau anschauen, was jetzt im Osten passiert. Da können sie lernen, mit welchen Knappheiten auch sie künftig umgehen müssen“, sagt Joachim Ulrich vom Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn. Denn das Defizit, das es jetzt schon im Osten gibt, wird mit ein paar Jahren Verzögerung auch im Westen sichtbar werden. Der Abwärtstrend hat hier ebenfalls schon begonnen, er wird sich allerdings erst 2011 deutlich beschleunigen und die Zahl der Absolventen von Haupt- und Realschulen von jetzt 530.000 binnen weniger Jahre auf 450.000 absacken lassen. Im Osten geht es schon jetzt steil nach unten. Vor zehn Jahren gab es zwischen Oder und Elbe noch 250.000 Lehrstellen-Bewerber. Zum Ende des jetzigen Ausbildungsjahres im September, schätzt der Bildungsexperte Ulrich, werden es noch 135.000 sein. Das entspricht einem Rückgang um 46 Prozent. Am größten ist die Abnahme ausgerechnet unter Realschülern, also einer Klientel, die das Handwerk besonders gerne einstellt.

„Die Lage ist bereits jetzt sehr dramatisch“, sagt Friedrich Esser vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) in Berlin. Die Zahl der nicht besetzten Lehrstellen wird seiner Ansicht nach aber sogar noch stark zunehmen. „Wir haben im Moment kein Rezept, wie wir das Problem des Fachkräftemangels im Osten in den Griff bekommen könnten.“ Da eine Umkehrung der Ost-West-Wanderung von jungen Menschen nicht zu erwarten ist, erwägen ostdeutsche Handwerksbetriebe die Einstellung polnischer Lehrlinge. Im Grenzgebiet zwischen Deutschland und den Benelux-Staaten hat sich ein solcher Austausch bewährt. Das Handwerk, das sonst die Konkurrenz polnischer Klempner fürchtet, befürwortet eine ähnliche, grenzüberschreitende Mobilität im Osten. „Wir müssen die Chancen nutzen, die sich in einem zusammenwachsenden Europa ergeben“, sagt Dreißig.

Die Heimatschützer wollen - zumindest teilweise - liberaler werden

Doch über Pilotprojekte von Handwerkskammern und ein paar wenige grenzüberschreitende Ausbildungsverträge ist der Austausch mit Polen noch nicht hinausgekommen, weil es die europäische Freizügigkeit der Arbeitnehmer zwischen beiden Ländern noch nicht gibt. Deutschland will den Arbeitsmarkt sogar erst 2011 liberalisieren und damit die ursprüngliche Frist sogar um zwei Jahre verlängern. Diesen Schutz vor Konkurrenz verlangte auch das Handwerk. Doch weil sie nun Nachwuchssorgen haben, wollen die Heimatschützer – zumindest teilweise – liberaler werden: Sie plädieren dafür, Lehrlinge von der Verlängerung des Außenschutzes auszunehmen, den Markt also schon 2009 zu öffnen. „Wir brauchen den Zuzug, wenn wir die Standorte halten wollen“, sagt der Sprecher des Zentralverbands.

Auch der DIHK ist besorgt über die langfristige Entwicklung des Ausbildungsmarktes. Die Zahl der Schulabgänger nehme ab, die Unternehmen suchten händeringend nach Nachwuchs. Wer nicht genügend Fachkräfte finde, müsse vielleicht sogar schließen, warnte Hauptgeschäftsführer Wansleben im „Tagesspiegel am Sonntag“. In einigen Regionen Ostdeutschlands könne man das schon heute sehen.

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Jahrgang 1950, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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