08.08.2005 · Trotz aller Bemühungen haben 630.000 junge Menschen keine Arbeit, und die Lehrstellenlücke wächst. Ein Drama, denn „wer als Jugendlicher scheitert, wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft zu den Arbeitslosen zählen“, sagen Fachleute.
„Kein Nachschub für Nürnberg“ - dieses von der Hartz-Kommission ausgegebene Motto hat die rot-grüne Bundesregierung insbesondere auf die Jugendlichen bezogen. Sie stehen im Zentrum der Vermittlungsanstrengungen der Bundesagentur für Arbeit (BA). Am Jahresende, so die Vereinbarung zwischen Regierung und BA, soll niemand unter 25 Jahren länger als drei Monate arbeitslos sein. Um dieses Ziel zu erreichen, werden Jugendliche vorrangig betreut. Ein Fallmanager braucht sich nur um 75 Langzeitarbeitslose zu kümmern, bei den Erwachsenen lautet die Vorgabe 1:150. Seit Juni ist der Betreuungsschlüssel bei den Jugendlichen laut BA erreicht. Das Ziel ist klar: Der Einstieg ins Berufsleben soll nicht gleich mit einer Enttäuschung beginnen.
Denn frühe Integrationsprobleme ließen sich über die gesamte Berufsbiographie hinweg nur schwer kompensieren, sagt Christine Steiner vom Zentrum für Sozialforschung Halle. „Wer als Jugendlicher scheitert, wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft zu den Arbeitslosen zählen.“ Damit sie die sogenannte erste Schwelle schaffen und nach der Schule einen Ausbildungsplatz finden, fördert der Staat benachteiligte Jugendliche schon länger. Am schwierigsten sei aber der Übergang von der Ausbildung in den Arbeitsmarkt, sagt Steiner. „Das Problem reproduziert sich an der zweiten Schwelle.“ Die typischen Merkmale arbeitsloser Jugendlicher haben sich nach Ansicht von Fachleuten seit Jahrzehnten nicht verändert. Viele waren nur auf der Haupt- oder Sonderschule, haben einen schlechten Abschluß oder gar keinen. Sie kommen aus Migrantenfamilien, in denen Bildung oft einen untergeordneten Stellenwert hat.
Duale Ausbildung verhindert das Schlimmste
Die Lage in Deutschland ist ernst. Von den 4,8 Millionen registrierten Arbeitslosen im Juni waren 630.000 jünger als 25 Jahre, gegenüber dem Vorjahr ist das - zum Teil auch durch den Hartz-Effekt in der Nürnberger Statistik bedingt - ein Anstieg um gut 80.000. Ende Juli gab es 169.853 unversorgte Bewerber mehr als freie Lehrstellen, das waren fast 8500 mehr als im Vorjahr. Auch wenn sich diese Lücke bis Ende September erfahrungsgemäß verringern wird, dürften am Ende rund 30.000 Suchende leer ausgehen. Allerdings wären viele europäische Staaten froh, wenn sie solche Probleme hätten. Während 2004 die Jugendarbeitslosigkeit hierzulande 10,6 Prozent betrug, waren es laut Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in der Europäischen Union im Schnitt 15,6 Prozent, in Frankreich 21,3 und in Italien sogar 23,5 Prozent. Daß Deutschland - wie Österreich (11) und die Niederlande (8) - eine so geringe Quote aufweist, liegt am System der dualen Berufsausbildung: Vier Tage sind die Lehrlinge im Betrieb, einen Tag drücken sie die Schulbank.
Für die Unternehmen, die den Löwenanteil der Kosten tragen, scheint die Ausbildung ein teures Unterfangen; fast 16500 Euro mußten sie im Jahr 2000 im Schnitt für jeden Lehrling aufwenden. Hier schlagen vor allem die Personalkosten für Azubis und Ausbilder zu Buche. Diesen Bruttokosten stehen aber auch Erträge durch die produktive Arbeit der Lehrlinge gegenüber, so daß netto nur noch 8700 Euro verbleiben. Außerdem sparen sich die Betriebe spätere Rekrutierungs- und Einarbeitungskosten und können sich schon jetzt die Fachkräfte heranziehen, die zum Ende des Jahrzehnts knapp werden. Karl Brenke, Arbeitsmarktfachmann des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), fordert schon jetzt mehr Sensibilität der Arbeitgeber, sie sollen Jugendliche mit Berufsabschluß auch einstellen. Auch Christine Steiner warnt, daß es für Unternehmen mit enormen Kosten verbunden sein könne, künftig auf dem Markt um junge Arbeitskräfte konkurrieren zu müssen.
Woran es hapert
Der Nutzen des dualen Ausbildungssystems wird daher auch von kaum jemandem bestritten. Geklagt wird allerdings über zu hohe Vergütungen, veraltete Berufsbilder und theorielastige Ausbildungsgänge, über zu lange Berufsschulzeiten und eine schlechte Allgemeinbildung der Jugendlichen. Auch seien viele Bewerber nicht mobil und flexibel genug, häufig auf wenige Wunschberufe fixiert, und sie ließen Sozialkompetenzen wie Fleiß und Pünktlichkeit vermissen.
Einige Teile dieser Kritik sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Lehrlingsvergütungen sind seit 1992 im Westen von 472 auf 617 Euro und im Osten von 321 auf 526 Euro im Monat gestiegen (im Durchschnitt aller Berufe und Ausbildungsjahre), das bedeutet einen Zuwachs von 31 Prozent in den alten und von 64 Prozent in den neuen Ländern. Während die meisten Jungen versuchen, eine Lehrstelle als Kraftfahrzeugmechatroniker, Industriemechaniker, Einzelhandelskaufmann oder Koch zu ergattern, wetteifern die Mädchen um eine Ausbildung zur Büro- oder Einzelhandelskauffrau, Arzthelferin oder Friseurin. Aufgrund des großen Andrangs gehen jedes Jahr aber viele Bewerber leer aus. Dagegen werden etwa Stukkateure, Gebäudereiniger, Versicherungskaufleute oder Fleischer händeringend gesucht.
„Das ist sozialer Sprengstoff“
Die meisten Fachleute sind sich einig: Deutschland kann es sich aus demographischen und sozialen Gründen nicht leisten, die Jugendarbeitslosigkeit nicht in den Griff zu bekommen. „Wir sind darauf angewiesen, unsere Jugendlichen gut zu qualifizieren“, sagt DIW-Mitarbeiter Brenke. Schlecht qualifizierte Jugendliche fühlten sich benachteiligt und zurückgesetzt. „Das ist sozialer Sprengstoff.“
Werkzeugkasten
Die rot-grüne Bundesregierung hat im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit vor allem auf Sonderprogramme und Vereinbarungen mit den Sozialpartnern gesetzt. Im Jahr 1999 startete das mit 2 Milliarden DM dotierte Sofortprogramm Jump für 200.000 Jugendliche, im gleichen Jahr wurde im „Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit“ ein Ausbildungskonsens vereinbart: „Jeder junge Mensch, der kann und will, wird ausgebildet.“ Außerdem haben der Bund und die Länder seit 1993 jährliche Sonderprogramme für den Osten aufgelegt.
Einen Schub erhoffte sich Rot-Grün auch von der Modernisierung der Berufsbilder. Seit 1996 wurden mehr als 250 Ausbildungsberufe geschaffen oder modernisiert; in den anderthalb Jahrzehnten davor waren es nur 180 gewesen. Als Hilfe vor allem für kleine Betriebe wurde 2003 die Ausbilder-Eignungsverordnung für 5 Jahre ausgesetzt. Seit der Novelle des Berufsbildungsgesetzes vom April 2005 können neue Ausbildungsformen besser erprobt und Lehrzeiten im Ausland anerkannt werden.
Für Streit zwischen Regierung und Opposition hat die vom SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering vorangetriebene Ausbildungsplatzabgabe gesorgt. Die SPD-Linke, die Grünen und die Linkspartei sind dafür, Union und FDP ebenso wie der Bundeskanzler und sein Wirtschaftsminister dagegen. Statt der Strafabgabe wurde eine Ausbildungsumlage beschlossen, ihr Vollzug aber 2004 zugunsten des freiwilligen Ausbildungspaktes zurückgestellt. Darin verpflichtet sich die Wirtschaft, jährlich 30.000 zusätzliche Lehrstellen und 25.000 Einstiegspraktika anzubieten.
Wirtschaftsvertreter wollen die Ausbildung vor allem durch niedrigere Lehrlingsvergütungen attraktiver machen. So fordert der Deutsche Industrie- und Handelskammertag eine Basisvergütung von 270 Euro; drei Lehrlinge sollen sich zwei Gehälter teilen. In der chemischen Industrie haben die Arbeitgeber mehr Plätze geschaffen, weil die Vergütungen eingefroren wurden. In Teilen der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie wurde ein Grundgehalt von 376 Euro vereinbart, das bei guter Leistung erhöht und bei schlechtem Schulabschluß um 15 Prozent gesenkt werden kann. Am Ende der Ausbildung winkt ein Bonus von 250 Euro.